Montag 29. Juni 2026

Arten der Zuneigung – ein Gespräch mit dem jungen Kirchenmusikstudenten Götz Bienert

Götz Bienert studiert Kirchenmusik an der Wiener Musikuniversität. Am Freitag, den 19. Juni hat er seine Abschlussprüfung im Spezialgebiet „kirchliche Komposition“ mit einer öffentlichen Uraufführung in der Kirche St. Ursula absolviert. Wir sprachen mit ihm über seine Komposition und die Situation der Kirchenmusik im Allgemeinen.


 

 

Wie kommt ein junger Mensch des 21. Jahrhunderts auf die Idee, auf universitärem Niveau Kirchenmusik zu studieren? Wie würden Sie Ihren persönlichen Weg zur Kirchenmusik beschreiben?

 

Ich bin zur Kirchenmusik gekommen, indem ich schon früh in unserem örtlichen Kirchenchor mitgesungen habe. Und dann hatte ich die Gelegenheit, bei unserem Kantor (=in Deutschland Berufsbezeichnung für einen hauptamtlichen Kirchenmusiker) Orgel spielen zu lernen. Das hat dann gereicht, um später die Aufnahmeprüfung für das Kirchenmusikstudium zu schaffen.

 

Und was hat Sie speziell nach Wien geführt?

 

Ich komme aus Sachsen und habe in Dresden mit dem Kirchenmusikstudium begonnen. Nach dem Bachelor bin ich dann nach Wien gewechselt, weil ich im Ausland meinen Horizont erweitern wollte – und doch noch im deutschen Sprachraum bleiben wollte. Ich absolviere jetzt das Masterstudium Kirchenmusik mit den Schwerpunkten Orgel und Komposition und bin bereits in der Abschlussphase. Danach möchte ich noch ein Master-Studium aus Konzertfach Orgelimprovisation beginnen, um mich auf dem Feld der Improvisation bestmöglich weiterzuentwickeln.

 

Für jene, die sich da nicht so auskennen: wie kann man sich das Kirchenmusikstudium an einer Musikuniversität vorstellen? Was lernt man dort?

 

Die Grundlage und auch die Befähigung zu einer professionellen Berufsausübung ist das Bachelorstudium. Das besteht aus den zwei großen Säulen Orgel und Chorleitung, die ergänzt werden durch eine Fülle von Fächern von Gesang über Tonsatz bis Liturgik und Gregorianik. Im anschließenden Masterstudium ist der Freiraum sehr groß, man kann nach den eigenen Interessen Schwerpunkte setzen, z.B. Gregorianik, Frühe Ensemblemusik, Gesang, kirchliche Komposition und selbstverständlich auch Chor- und Ensembleleitung sowie Orgel und Improvisation.

 

Welchen Blick hat ein junger Student heute auf die Situation der Kirchenmusik? Das hängt ja bei Ihnen sehr stark mit Ihrer Lebensplanung zusammen, denn Sie wollen ja vermutlich irgendwann professionell in der Kirchenmusik tätig sein …

 

Ich sehe eigentlich nach wie vor ein wahnsinnig großes Potenzial in der Kirchenmusik, sowohl in Österreich als auch in Deutschland, wenn man die Kirchenmusik für sich sieht, wenn man da manche schillernde Gottesdienstgestaltungen und Konzerte sieht für Chor und Orchester und natürlich die wunderschönen Instrumente in den Kirchen. Ich sehe es natürlich auch gekoppelt mit der kirchlichen Gesamtsituation. Das kann man einfach nicht voneinander trennen. Es ist, glaube ich, immer die Sache gewesen, dass die Kirche sich ein bisschen auf die Kirchenmusik verlassen hat, um irgendwie Mitglieder zu gewinnen. Zumindest kam es mir so vor. Dass man gesagt hat, die Kirchenmusik hat die Chance, Mitglieder in Kontakt mit der Kirche zu halten oder die Kirchenmusik hat eine Möglichkeit, bestimmte Menschen zu erreichen. Aber ich sehe es auch umgedreht. Man kann mit guter Kirchenmusik ganz viel erreichen, aber wenn es von der Leitung aus nicht unterstützt wird oder wenn einfach die Situation vor Ort in der gegenseitigen Wertschätzung schwierig wird, dann ist die Kirchenmusik halt auch ein Teil der Kirche, der kleiner wird. Dieser Prozess ist jetzt schon lange im Gang. Ich selbst habe mich bisher nicht allzu sehr mit dieser Frage beschäftigt. Ich bin da vermutlich idealistisch veranlagt, aber für mich ist die Kirchenmusik etwas Schönes und ich vertraue darauf, dass sich für mich etwas auftut und ich gut davon leben werde können. Ich bin da auch ganz offen, ich kann mir genauso vorstellen, hier in Österreich zu bleiben oder zurück nach Deutschland zu geben, wenn sich eine gute Möglichkeit auftut.

 

Mein Eindruck ist, dass sich immer weniger junge Menschen für eine professionelle Kirchenmusikausbildung im tertiären Bereich interessieren – die Wiener Musikuniversität ist da eher eine Ausnahme. Es ist heute viel schwieriger, geeignete Leute für die wenigen hauptamtlichen Stellen zu finden, als noch vor 10, 20 Jahren. Wie ist da Ihre Wahrnehmung?

 

Ich habe vor kurzem einen Artikel gelesen, wo eine sich anbahnende Gegenbewegung festgestellt wurde. Es scheinen sich aktuell wieder mehr junge Menschen z.B. für das Orgelspiel zu interessieren, die fasziniert sind von der Kirchenmusik und sich darin vertiefen wollen. Das ist auch mein Eindruck, ich bin da optimistisch für die Zukunft.

 

Kommen wir zu Ihrer Uraufführung „Arten der Zuneigung“ letzten Freitag. Wie würden Sie Ihr Werk beschreiben?

 

Ich selbst möchte das Werk gar nicht interpretieren. Es ist kein liturgisches Werk, mein Professor hat mir da alle Freiräume gelassen. Es ist auch reine Instrumentalmusik. Die Musik richtet sich nach innen, soll eine Atmosphäre schaffen, in die ich eintauche, sie soll wie ein Raum sein, den ich betrete. Und je länger ich mich in dem Raum aufhalte, desto schärfer sehe ich und desto mehr Details nehme ich wahr. Und irgendwas fällt mir in diesem Raum besonders auf. Also um diesen Aspekt geht es, dass man quasi die Sinne schärft über einen gewissen Zeitraum, in dem die Musik andauert. Es geht mir auch immer um den Aspekt des Hörens, auch beim aktiven Musizieren. Und es ist ein Werk, in dem die Struktur sehr im Vordergrund steht gegenüber den anderen musikalischen Parametern.

 

► Zur Aufnahme

 

Kommen wir abschließend zur Frage: Wie sehen sie die Zukunft der Kirchenmusik?

 

Ich denke, die Zukunft liegt in der Ausdifferenzierung, also dass man musikalisch nicht in jeder Gemeinde ein Standardprogramm anbietet, sondern dass man bewusst Schwerpunkte setzt. Diese Schwerpunkte sollen aber Freiräume für die ausübenden Kirchenmusiker eröffnen, nicht das Gegenteil. Der Funke springt dann über, wenn es gut und mit Begeisterung, mit Leidenschaft gemacht wird, und das kann genauso mit einem Gospel wie mit einer Palestrina-Motette umgesetzt werden, wenn man von dieser Musik erfüllt ist.

Und was die Studiensituation an der Wiener Musikuniversität angeht: wir haben hier absolut tolle Bedingungen, schon allein dass ich meine Komposition mit hervorragenden professionellen Musikerinnen und Musikern aufführen durfte, ist großartig! Es ist aber andererseits manchmal auch eine Art Elfenbeinturm, denn die Realität als ausübender Kirchenmusiker sieht oft anders aus. Wir haben hier tolle Instrumente, wir können hier üben, wir spielen hier große Literatur, wir haben Substituten im Chor, wir haben alles Mögliche. Aber wie sieht es danach aus? Vielleicht könnte man gewisse Teile des Studiums berufsbegleitend oder durch Praktika in den Gemeinden anbieten. In Skandinavien gibt es beispielweise das Modell, zwei Wochenstunden in einer Gemeinde vor Ort anzubieten, betreut vom dort zuständigen Kirchenmusiker.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Gespräch führte Daniel Mair

Pastoralamt der ED. Wien Kirchenmusik
Stock im Eisen-Platz 3/IV
1010 Wien

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