Monday 4. March 2024

Die revolutionäre Lehre von der einen Menschheitsfamilie

 

Anlässlich des fünfjährigen Jubiläums der Erklärung von Abu Dhabi fand am 5. Februar 2024 in Wien eine internationale Tagung statt.

 

 

Am 4. Februar 2019 unterzeichnen Papst Franziskus und der Großimam der Al-Azhar Universität von Kairo, Scheich Ahmed Al-Tayyeb, in Abu Dhabi eine gemeinsame „Erklärung über die Geschwisterlichkeit der Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“. Ein Dokument, das auch als Erklärung von Abu Dhabi bekannt ist.

 

Der Text betont die Geschwisterlichkeit aller Menschen und unterstreicht eine "Kultur des gegenseitigen Respekts" als Handlungsgrundlage des interreligiösen Dialogs und wirkte hinein in die Resolution der Vereinten Nationen, die den 4. Februar als Internationalen Tag der menschlichen Geschwisterlichkeit einführen sollte.

 

Anlässlich des fünfjährigen Jubiläums der Erklärung von Abu Dhabi fand am 5. Februar 2024 in Wien eine internationale Tagung statt, zu der die Kommission Weltreligionen der Österreichischen Bischofskonferenz und das österreichische Außenministerium eingeladen hatten. Es kamen Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften sowie aus Politik, Diplomatie und dem universitärem Forschungsbereich zusammen.

 

Ein Schöpfer, ein Ursprung des Menschengeschlechts, eine Menschheitsfamilie - die Lehre von der Einheit des Menschengeschlechts als Kern des jüdisch-christlichen Glaubens hat offenbar über die Jahrtausende hinweg weder an Relevanz noch an Diskussionspotenzial verloren. Dem Impulsbeitrag von Kardinal Christoph Schönborn folgend, wäre es eigentlich offensichtlich, dass wir alle als Menschen einer Familie angehören, und gleichzeitig ist es keineswegs selbstverständlich, in diesem Bewusstsein friedlich miteinander zu leben. Schon im 2. Jahrhundert habe der griechische Philosoph Kelsos mit seiner antichristlichen Streitschrift die Lehre von der Einheit des Menschengeschlechts als Sprache des Aufstandes und der Revolution bezeichnet.

 

Auch heute, im Jahr 2024, wird der interreligiöse Dialog als „revolutionär“ bezeichnet, stellt es doch etablierte Weltbilder in Frage und die Menschen vor die Herausforderung, nicht nur eine, sondern verschiedenen Wahrheiten als solche in ihrer Existenz gleichberechtigt, anzuerkennen. Dann sind nämlich Menschen jeglichen Glaubens Geschwister. Das ist offensichtlich und doch nicht selbstverständlich.

 

Kardinal Christoph Schönborn betonte weiters die Bedeutung der Abu Dhabi Erklärung als Zeichen der Geschwisterlichkeit, der Freundschaft und der Liebe – ohne welche es keinen Dialog geben könne. Es bräuchte außerdem den Mut, Unterschiede zu akzeptieren und die aufrichtige Intention, aufeinander zuzugehen.

 

Militärbischof Werner Freistetter, in der Österreichischen Bischofskonferenz für den Interreligiösen Dialog zuständig, bezeichnete das Zustandekommen des Abu-Dhabi Dokuments als prophetisches Zeichen. Es sei Zeichen dessen, dass Religionen zusammen für Frieden arbeiten können.

 

Ümit Vural, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, betonte die fundamentale Bedeutung von Frieden und Sicherheit in der Gesellschaft, an der die Religionen mitwirken müssten, indem sie Brücken bauten und den Dialog voranbringen.

Auch der Wiener Oberrabbiner Jaron Engelmayer betonte die Wichtigkeit der gegenseitigen Unterstützung der monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Gegenseitiges Vertrauen sei dafür unabdingbar.

 

 

 

Man war sich einig, dass die „Erklärung über die Geschwisterlichkeit der Menschen“ ein Meilenstein für den interreligiösen Dialog darstellt und Ausdruck von Respekt und Vertrauen ist. Darauf aufbauend entstand unter anderem das Abrahamic Family House – ein Mehrreligionenprojekt in Form von Sakralbauten in Abu Dhabi sowie ein „Preis der Geschwisterlichkeit“ für friedenstiftende internationale Projekte.

Doch was passiert in Österreich? Die Landschaft des interreligiösen Dialogs gestaltet sich in zunehmend dichter Form an der gesellschaftlichen Basis. So wurde unter anderem das seit 2006 bestehende interreligiöse Projekt ComUnitySpirit Graz vorgestellt, mit Aktivitäten, die zum Beispiel eine jährlich stattfindende interreligiöse Konferenz, eine gemeinsame Erklärung aber auch einen interreligiösen Kalender umfassen.

 

Was genau macht nun die Erklärung von Abu Dhabi aus und was beutet es für die Zukunft?

 

Professorin Michaela Quast-Neulinger definierte in ihrer Analyse drei Neuerungen, welche die Erklärung herausheben. Die eine ist die Anerkennung eines religiösen und kulturellen Pluralismus, das weitere seien die Bürgerrechte, welche die Existenz von Mehrheiten und Minderheiten nivellieren da es sich um gleiche Rechte für alle handelt, und schließlich explizit erwähnt die Rechte und Rolle der Frau. Letzteres stellt ein Novum für derartige gemeinsame Erklärungen dar, wird aber selten als solches in den Fokus gestellt.

Dem stehen in der Analyse jedoch auch Herausforderungen gegenüber, nämlich der Mangel an Wahrnehmung und unzureichende Information über dieses Abkommen des interreligiösen Dialogs, die „revolutionäre“ Theologie des Pluralismus aber auch das Konzept von Religion und Familie, welches aus dem traditionell dogmatischen Verständnis kommend sehr viel Ambivalenz in sich birgt.

 

Es bleibt die Aufgabe, diesen Herausforderungen durch Vertrauensarbeit und Stärkung interreligiöser Initiativen zu begegnen, die Rolle der Jugend als nachfolgende und den Dialog tragende Generation zu stärken und die Ebenden des Dialoges horizontal und vertikal durchlässig zu gestalten und miteinander zu verbinden. Und so wird die Frage, wer ist dein Bruder, wer ist deine Schwester, zu der bekannten Frage - Wer ist deine Nächste? Wer ist dein Nächster? Wir kennen diese Frage und auch die Antwort.

 

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