Pensions- und und Abschiedsgedanken von Johannes Lenius
Unaufhörlich läuft die Zeit - ganz von allein. Wir Musikerinnen und Musiker sind geneigt, die Tempi richtig und passend zu wählen. Letztlich wird einem die Wahl abgenommen und es führt die Zeit in den Ruhestand - auch ganz von allein.
Dieses Eintreten in den Ruhestand, das Ansetzen der Schlusskadenz, hin zur Fermate, erlaubt einen gedanklichen Rückblick auf die nun abgelaufene Zeit.
Der Ort "Stock im Eisen - Platz" ist ja gleichgeblieben, hoch droben im Dachgeschoss des Palais mit Domaussicht. Und hier ist emsiges Innenleben und ein ständiger Puls der Kirchenmusik. Von hier gehen immer wieder Impulse aus, an denen ich die letzten Jahrzehnte mitarbeiten konnte und durfte.
Dabei waren etliche Veranstaltungen, an die ich mich gut erinnern kann und an die ich gerne zurückdenke:
- An die Kirchenmusiktage im Dom: eine große Anzahl an Kirchenchorsängerinnen und -Sänger versammeln sich zu einem musikalisch geprägten Gottesdienst mit Erzbischof im Stephansdom. Im Vorfeld vorbereitet von den Vikariatskantoren bildeten an einem herbstlichen Samstag alle einen großen gemeinsamen Chor und sangen teils bekannte geistliche Chorliteratur, teils eigens dafür komponierte Werke. Daneben gab es auch Orgelführungen an bedeutenden Innenstadt-Orgeln.
- Gerne organisierte ich die Orgelimprovisationswochen in Hollabrunn: Anfangs der Sommerferien kamen aus ganz Österreich, ja sogar mitunter aus dem Ausland, Organistinnen und Organisten zu einer Fortbildung mit namhaften Orgelprofessoren zusammen; die Teilnehmer/innen erhielten Ideen und probierten Anregungen und frischten ihren Weg zur Orgelimprovisation auf.
- Mein Aufgabenbereich war ja das Nord-Vikariat der Erzdiözese Wien, und viele Begegnungen werden mir in guter Erinnerung bleiben, wie zum Beispiel das Chortreffen auf der Felsenbühne in Staatz.
- Und natürlich waren da die vielen kleinen und großen Kantorenkurse und Gemeindesingabende in vielen unterschiedlichen Orten verteilt im ganzen Gebiet der rund 200 Pfarren.
- Einen großen Schwerpunkt bildeten die GOTTESLOB - Initiativabende zum Kennenlernen des neuen Gesangbuches.
- Und weiters wurde fröhlich gesungen bei Priestertreffen und Vikariats-Gottesdiensten.
- Durch die Orgelüberprüfungen- und Beratungen erhielt ich einen guten Überblick über die Orgellandschaft und konnte oft gute Orgelprojekte begleiten und abschließen.
- Und nicht zu vergessen: Ich lernte etliche Glockenstuben kennen.
Wie viele Stimmen und Pfeifen ich gehört, wie viele Tasten und Notenblätter gespürt, wie viele Emporen - Wendeltreppen bewältigt, viele Kilometer ich gefahren bin, kann ich gar nicht sagen.
Dankbar blicke ich auf all die Ereignisse zurück, die stets durch mithelfende Hände und mitplanende Köpfe begleitet worden sind. Die ganze Kollegenschaft im Amt, im Referat, im Bereich für Kirchenmusik bot eine inspirierende Hilfe. Die Begegnungen im Vikariatsbüro, in den Ausschüssen und Beiräten habe ich positiv zukunftsorientiert erlebt. Diese und alle weiteren Mitstreiter/innen verteilt im ganzen Vikariatsgebiet kann ich gar nicht aufzählen, aber ihnen allen meinen größten Respekt und herzlichsten Dank für alle Unterstützungen aussprechen.
Mein Bestreben war es immer (und ist es noch), die Musik selbst sprechen zu lassen. Die Kirchenmusik hat enormes Potential - und ich spreche hier von tiefgreifender und gut komponierter Musik. Sie braucht künstlerische Eigenschaften um ihre geistliche Strahlkraft wirken zu lassen. Fehlen diese künstlerischen Qualitäten, büßt sie an Tiefe ein. Die Musik in den liturgischen Feiern so zu platzieren, dass sie zur Verkündigungsträgerin und so eine Spiritualitätsplattform bietet, sehe ich als ständige Aufgabe von Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern.
Wenn ich die Aufgabenstellung zu Beginn meiner Tätigkeit mit der Situation heute - beim Eintritt in den Ruhestand - vergleiche, ist der Fluss der Zeit bemerkbar. Ganz rasant in den letzten zwei Jahren haben sich Trends und Rahmenbedingungen neu entwickelt. Die Wende zur Popmusik, zu elektronischen und digitalen Mitteln, der Einfluss der evangelikalen Strömungen bieten neue breitenwirksame Chancen, finden jedoch weniger Zeit für die künstlerische Relevanz. Hier sind die Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker vor neue Herausforderungen gestellt, die gut zu überlegen sind. Bei der Menge an neuen Informationen und unterschiedlichen Herangehensweisen an technische Ausführungsmöglichkeiten sowie bei aller Begeisterung für schnelle Austauschplattformen, wünsche ich der Kirchenmusik, dass sie in ihrer künstlerischen Tiefe und feierlichen Eleganz bewahrt bleibt.
Die Zeiten des Aufbauens und das Bemühen um eine künstlerisch ansprechende Kirchenmusik sind nicht vorbei - noch vieles gibt es zu gießen und zu bearbeiten.
Unaufhörlich läuft die Zeit - ganz von allein. Die Kirchenmusik wird sich ändern - (hoffentlich) nicht nur von allein - doch sie hört nicht auf. Für meinen Ruhestand habe ich mir vorgenommen, die Musica Sacra weiterhin zu bewegen, und das mehr und lieber nach allen Regeln der Kunst.
„… unser Bitten, Flehn und Singen lass, Herr Jesu, wohl gelingen.“
(Tobias Clausnitzer, 1663; GL 149)




