Anna von Jesus, damals Ana de Jesús, kam als Tochter von Diego de Lobera und Francisca Torres zur Welt. Schon ihre ersten Tage waren von Herausforderungen geprägt: sie war stumm und gehörlos, ein Schicksal, das die Menschen um sie herum beunruhigte, doch Anna öffnete sich langsam und begann im Alter von sieben Jahren zu sprechen – wie aus einer Stille heraus erwachte eine Stimme, die später das geistliche Europa bewegen sollte.
Früh verlor Anna beide Eltern; ihr Vater starb wenige Monate nach ihrer Geburt, ihre Mutter, als Anna neun Jahre alt war. Zur Erziehung übergeben an Verwandte, wuchs sie in der Obhut der Familie ihres Vaters auf, lernte früh Selbstständigkeit, Geduld und innere Stärke. Schon als Kind zeigte sie eine bemerkenswerte Sensibilität, eine tiefe Gottesnähe und einen starken Bildungshunger – seltene Gaben für Mädchen ihrer Zeit. Sie schwor in jungen Jahren die Jungfräulichkeit, trotz gesellschaftlicher Erwartungen und Heiratsdruck.
1569 führte das Schicksal Anna nach Ávila, in das Kloster San José, das von Teresa von Ávila reformiert worden war. Teresa erkannte sofort die innere Tiefe des jungen Mädchens und gab ihr den Ordensnamen Anna von Jesus. In den folgenden Wochen und Monaten entwickelte sich zwischen den beiden eine außergewöhnliche geistliche Freundschaft: Anna lernte nicht nur, den Karmel zu leben, sondern wurde zu Teresas engster Vertrauten, Sekretärin und treuer Unterstützerin bei allen Gründungs- und Reformprojekten.
1575 begleitete Anna Teresa nach Beas de Segura, wo sie die erste Priorin eines neuen Karmels in Andalusien wurde. Es war die erste große Probe ihrer Führungsqualitäten: sie leitete die Schwestern, organisierte den Aufbau des Klosters und bewahrte die teresianische Vision gegen Widerstände. Nach Teresas Tod 1582 wurde Anna zu einer Hüterin des geistlichen Erbes der großen Reformerin. Sie sammelte alle Schriften Teresas und übergab sie 1587 dem Gelehrten Luis de León, der die Veröffentlichung vorbereitete – ein Akt, der die Mystik Teresas für die Nachwelt sicherte.
1586 übernahm Anna die Leitung des neu gegründeten Klosters Santa Ana y San José in Madrid. Doch ihre Aufgaben waren nicht nur spirituell, sondern auch politisch und kirchlich heikel. Der strenge Generalobere Pater Doria verhängte harte Maßnahmen gegen Anna, versetzte sie ins Klostergefängnis und entzog ihr jede Entscheidungsgewalt. Doch Anna gab nicht nach: sie wandte sich direkt an den Papst, verteidigte den Geist Teresas und bewahrte die Reform des Karmels. 1594, nach Dorias Tod, kehrte sie triumphierend zurück und übernahm erneut die Priorinnenrolle.
Im Auftrag von Papst und Königen reiste Anna nach Paris, wo sie 1604 ein Kloster der Unbeschuhten Karmelitinnen gründete. Mit Diplomatie, Mut und Beharrlichkeit brachte sie die Reform in Frankreich voran – trotz Widerständen und der ständigen Versuchung, in ihre kastilische Heimat zurückzukehren. 1607 riefen Infantin Isabella Clara Eugenia und Erzherzog Albert VII. Anna nach Brüssel, um dort ein neues Kloster zu gründen – den Ausgangspunkt für zahlreiche weitere Gründungen in den Spanischen Niederlanden und darüber hinaus.
Von Brüssel aus koordinierte sie weitere Klöster, führte geistlich wie organisatorisch, schützte das Erbe Teresas und bereitete das Fundament für die Ausbreitung der Unbeschuhten Karmelitinnen über ganz Europa. Ihre Kastilier Wurzeln blieben ihr stets präsent: der Mut, die Standhaftigkeit und die klare Vision, die sie in jungen Jahren in Medina del Campo gelernt hatte, halfen ihr, Konflikte zwischen kirchlicher Hierarchie, weltlicher Macht und Ordensinteressen zu meistern.
In den letzten sieben Lebensjahren litt Anna unter Lähmungen und Wassersucht. Am 4. März 1621 starb sie im Ruf der Heiligkeit im Karmel von Brüssel. Schon bald entwickelte sich eine lebendige lokale Verehrung, und ihr geistliches Erbe wurde in den folgenden Jahrhunderten in Spanien, Frankreich und den Niederlanden weitergetragen. 2024 erkannte Papst Franziskus das Wunder zu ihren Ehren offiziell an und sprach Anna von Jesus in einer feierlichen Messe in Brüssel selig. Ihre Reliquien ruhen in einer Seitenkapelle des Karmels, und ihr Gedenktag ist der 4. März, während ihr Geburtstag am 25. November die Feier ihrer „Geburt der Begnadeten“ markiert.