In seinem Buch "Dunkle Nacht" hat der Karmelit Johannes vom Kreuz (1542-1491) einen Abschnitt verfasst, in dem er Kinderkrankheiten des spirituellen Lebens aufs Korn nimmt: Weil der Mensch zu Beginn des geistlichen Weges Hunger und Durst nach geistlicher Nahrung hat, kauft er sich gerne Kontemplations- und Meditationsbücher sowie die neuesten Erzeugnisse, die der Spiritualitätsmarkt in Hülle und Fülle bereit hält.
Was schon für die Zeit von Johannes vom Kreuz galt, hat heute einen erstaunlichen Aufschwung erfahren. Es ist bemerkenswert, welcher Reichtum an spiritueller Literatur zu günstigem Preis zur Verfügung steht: Weisheitssprüche der Wüstenväter und -mütter, die Schriften von Johannes Cassian, Franziskus, Bonaventura, Caterina von Siena, Meister Eckhart, Theresa von Avila und Johannes von Kreuz und vieler mehr – in leserfreundlichen Taschenbüchern in zeitgemäßer deutscher Übersetzung. Doch lauert gerade hier eine spirituelle Kinderkrankheit: die "geistliche Habsucht"!
Natürlich ist es zunächst erfreulich, dass heute jeder zu den Glanzlichtern der christlichen Mystik Zugang hat: Wohl zu keiner Zeit der Geschichte lud eine größere Zahl von Büchern der christlichen Spiritualität den Leser ein, den geistlichen Weg zu beschreiten. Andererseits kann diese Bibliothek der Superlative auch zur Fußfessel werden, denn Spiritualität ist lebendiger Vollzug und nicht bloß schicker Buchinhalt: Spiritualität lässt sich nicht schon durch Bücher kaufen, besitzen, sammeln oder horten! Bloße "Lesemystik" ist in etwa so nahrhaft wie die "Lesekulinarik" eines Strudelrezepts im Kochbuch im Vergleich zur Realität eines köstlich duftenden Apfelstrudels!