A. Harringer: Der Schulschluss naht. Sind die Noten schlecht, ist der Frust oft groß. Wie reagieren Eltern am Besten bei schlechten Noten? Wie hilft man Kindern mit dem Misserfolg umzugehen?
Dr. Brigitte Ettl: Ganz wichtig ist es, dass das Kind weiß und vor allem auch erlebt, dass die Liebe der Eltern nicht abhängig ist von der schulischen Leistung. Bei aller Sorge ist es wichtig, dem Kind zu vermitteln, dass es ein liebenswerter Mensch ist, auch wenn das Zeugnis nicht den Erwartungen entspricht.
Gerade jetzt ist es sinnvoll, dem Kind seine Stärken bewusst zu machen. Daraus kann es dann Kraft und Hoffnung schöpfen, dass es im nächsten Schuljahr besser läuft.
Natürlich braucht es auch einen Blick auf die Ursachen, um für den Neustart dann die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ist das Kind möglicher Weise in einer Schule, die nicht seinen Begabungen entspricht? Hat das Kind Schwierigkeiten in der Klassengemeinschaft und Konflikte mit einer bestimmten Lehrkraft? Fehlt es dem Kind an Kompetenz, sich den Lernstoff richtig einzuteilen und anzueignen? Wenn ich die Ursachen für schlechte Noten erkenne, können sie im wahrsten Sinn des Wortes zu einem „Lerngeschenk“ werden.
Wieviel Ferien braucht ein Kind? Wann ist es sinnvoll mit dem Lernen und Nachlernen zu beginnen?
Dr. Brigitte Ettl: Auch wenn der Erfolg nicht den Erwartungen entspricht – Misserfolge sind anstrengend. Kein Mensch scheitert gerne. Wenn die Anstrengungen dann nicht mit guten Noten belohnt werden, kommt zur Enttäuschung dann oft auch noch die Beschämung vor der Klasse und in der Familie dazu. Um all dies zu verarbeiten, braucht es einen guten Abstand.
Nicht umsonst dauern Kuraufenthalte drei Wochen – diese Zeitspanne sollte auch für Schülerinnen und Schüler in den Sommerferien lernfrei bleiben.
Wie kann man das Kind beim Lernen unterstützen?
Dr. Brigitte Ettl: Wichtig ist, herauszufinden, welcher Lerntyp das Kind ist. Muss es die Aufgaben vor sich sehen, lernt es leichter durch Zuhören oder braucht es selbst beim Lernen Bewegung? Manche sind Einzelkämpfer, andere lernen wieder besser in einer Gruppe.
Wichtig sind in jedem Fall Pausen – spätestens nach 60 Minuten, bei jüngeren Kindern natürlich früher. Und jede Lernzeit muss ein Ende haben – mehr als drei bis vier Stunden sollte auch in den Ferien nicht gepaukt werden. Und das nur von Montag bis Freitag. Der Lernstoff soll so eingeteilt werden, dass ausreichend Zeit zum Wiederholen bleibt.
Schule soll keine Angst machen. Lernen ist vielleicht nicht immer nur toll, sollte aber im besten Fall, schon Freude bereiten. Wie können Kinder motiviert werden, trotz schlechter Noten mit Freude ins neue Schuljahr zu starten?
Dr. Brigitte Ettl: Wenn Kinder wissen, wofür sie lernen, fällt es ihnen natürlich auch leichter, mühsame Durststrecken zu überwinden. Also wird es hilfreich sein, Zukunftsperspektiven zu thematisieren. Das bedeutet nicht, dass schon ein klarer Berufswunsch existieren muss. Doch eine Vorstellung, wie ich meine nächsten Jahre gestalten möchte, können auch Kinder und Jugendliche bereits entwickeln. Wichtig ist hier, dass sie erleben können, dass auch die Eltern Freude an ihrem Beruf haben, dass auch die Eltern weiterlernen und zuhause Wissen, Bildung und natürlich auch handwerkliche und sportliche Fähigkeiten einen Wert haben.
Welche Strategien hat der christliche Glaube im Hinblick auf den Umgang mit Misserfolg und Scheitern „zu bieten“?
Dr. Brigitte Ettl: Allein das Vertrauen in die Liebe Gottes, die auch durch Fehler und Scheitern nicht endet, macht immer wieder Mut zu Neubeginn. In vielen Gleichnissen hat Jesus eindrucksvoll gezeigt, dass er Menschen trotz Fehlern, trotz Sünde und Schuld immer wieder aufrichtet: das geknickte Rohr bricht er nicht, den glimmenden Docht löscht er nicht aus – und zu guter Letzt kann ich daher mit meinem Gott immer wieder Mauern überspringen
Interview: Andrea Harringer