Seoul (KAP) - Zu Beginn seiner Koreareise hat Papst Franziskus die politische Führung in Seoul zum Dialog mit dem kommunistischen Regime im Norden des geteilten Landes aufgerufen. In einer Rede im Präsidentenpalast ermutigte er zu "Bemühungen um Versöhnung und Stabilität", seine Zuhörer waren rund 200 Politikern und Diplomaten mit Präsidentin Park Geun-hye an der Spitze. Franziskus sprach auch die Problematik eines einseitig auf Leistung und Konkurrenz aufgebauten Wirtschaftsmodells an und rief die Koreaner zu mehr Solidarität und Fairness auf. Zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt im März 2013 hielt der Papst eine Ansprache auf Englisch.
Friede könne nicht durch "gegenseitige Schuldzuweisungen, unfruchtbare Kritik und Zurschaustellung von Macht" erreicht werden, so der Papst in seiner Rede im Präsidentenpalast in Seoul. Notwendig seien vielmehr "ruhiges Zuhören" und Dialog. Vergangenes Unrecht dürfe nicht totgeschwiegen, sondern müsse durch Vergebung, Toleranz und Zusammenarbeit überwunden werden. Ein dauerhafter Frieden in Korea trage zur Stabilität in der Region sowie der "ganzen kriegsmüden Welt" bei, erklärte Franziskus. Nordkorea nannte er nicht namentlich.
Franziskus forderte in seiner Ansprache zudem eine offene und demokratische Auseinandersetzung mit sozialen Problemen in Südkorea. Die Erfahrung lehre, dass sich in einer zunehmend globalisierten Welt das Verständnis von Gemeinwohl, Fortschritt und Entwicklung letztlich an menschlichen und nicht an rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten orientieren müsse.
Angesichts von "politischen Spaltungen, Mangel an wirtschaftlicher Fairness und Sorgen um den verantwortungsvollen Umgang mit der natürlichen Umwelt" müsse die Stimme jedes Gliedes der Gesellschaft gehört werden, so der Papst in seiner Ansprache weiter. Ebenso wichtig sei es, dass den Armen, den Gefährdeten und denen, die keine Stimme hätten, ein besonderes Interesse entgegengebracht wird - "und zwar nicht nur, indem man ihren unmittelbaren Bedürfnissen entgegenkommt, sondern auch indem man ihnen in ihrer menschlichen und kulturellen Weiterentwicklung beisteht", so Franziskus wörtlich. Er äußerte die Hoffnung, dass die Demokratie in Südkorea, das von 1961 bis 1987 eine Militärdiktatur war, weiter gestärkt werde.
Südkoreas Staatspräsidentin Park Geun-hye hatte den Besuch zuvor in ihrer Begrüßungsansprache als Ausdruck der guten Beziehungen zwischen Südkorea und dem Vatikan bezeichnet. Auch die Nichtkatholiken in Südkorea freuten sich über den Besuch des Papstes, so Park.
Franziskus war um 3.15 Uhr österreichischer Zeit auf dem Militärflughafen in Seoul zu einer fünftägigen Koreareise eingetroffen. Dort wurde er von der Präsidentin empfangen. Anschließend begab er sich in die vatikanische Botschaft, wo er in den kommenden Tagen residieren wird.
Vor seiner Rede im Präsidentenpalast war er im Amtssitz der Präsidentin, dem "Blauen Haus", zu einer Unterredung mit Park zusammengetroffen. Es ist das erste Mal seit 1989, dass ein Papst Südkorea besucht. Anlass seiner dritten Auslandsreise ist der VI. Asiatische Jugendtag. Am Sonntag feiert Franziskus mit Zehntausenden Jugendlichen den Abschlussgottesdienst der Veranstaltung. Zuvor spricht er am Samstag 124 Märtyrer selig.