„Die Pfarren haben wieder auf großartige Weise gezeigt, was sie können“, freut sich der Flüchtlingskoordinator der Erzdiözese Wien, Rainald Tippow. Im Gespräch mit erzdiözese-wien.at berichtet er über den Stand der Hilfe und was ihn dabei berührt.
erzdiözese-wien.at: Was beschäftigt Sie derzeit in Ihrer Tätigkeit als Flüchtlingskoordinator am meisten?
Rainald Tippow: Mich beschäftigt am meisten ein Doppelaspekt: Freude und Leid. Sehr viel Freude über das unermessliche Hilfsangebot, das wir haben, auf pfarrlicher Ebene als auch von Privatpersonen – aber auch die unglaubliche Leidsituation. Die erfahre ich im Gespräch mit den Flüchtlingen, die Lebenssituationen schildern, die so fürchterlich sind, dass man kaum Worte dafür findet. Fluchtsituationen, Kriegssituationen, zerrissene Familien; Menschen, die am Weg nach Europa Dinge erlebt haben, wo man sagen muss, da gibt es Orte, wo wir es mit einem Konkurs der europäischen und christlichen Werte zu tun haben. Das heißt, mich beschäftigt diese zerrissene Situation, der Hintergrund, dass wir bei allem, was wir tun, derzeit einfach zu wenige Quartiere haben.
erzdiözese-wien.at: Dieses Gehör um Quartiere zeigt aber schon Erfolg. Sie haben schon die Tausendergrenze bei den Notquartieren überschritten?
Rainald Tippow: Ja, die Pfarren haben hier wieder einfach auf ganz großartige Weise gezeigt, was sie können. Die Pfarren sind einfach da, wenn es um Hilfe geht. Die Pfarren sind immer schon aktiv gewesen, in ganz verschiedenen Bereichen und auch jetzt haben wir aufgerufen und hatten innerhalb weniger Tage das Angebot von mittlerweile mehr als 1.200 Notquartiersplätzen. Und diese Notquartiersplätze sind deutlich mehr als eine reine Unterbringung und eine reine Versorgung.
erzdiözese-wien.at: Dazu kommt, dass Pfarren ja nicht nur die Unterkunft zur Verfügung stellen, ein warmes Essen und auch eine Dusche, sondern da geht es um mehr.
Rainald Tippow: Ja, ich denke, das ist das Faszinierende, dass wir den Pfarren einiges an Unterstützung anbieten und dann kommen wir drauf, dass sie schon viel mehr gemacht haben. Die Pfarren stellen nicht nur all das auf, was man braucht, um schlafen zu können, um etwas zu essen zu haben, sondern es gibt Angebote für Kinder, es gibt auch eine massive soziale und therapeutische Hilfe. Es gibt Unterstützungen, etwa wenn es darum geht, verlorene Familienangehörige zu finden. Es gibt ein offenes Ohr für all diese ergreifenden Notsituationen, die aber derzeit angesichts der unmittelbar drängenden Unterbringungsproblematik oftmals untergehen. Wenn Menschen Dinge erleben, die wir uns nicht vorstellen können, aber die auch wochenlang überhaupt nicht in irgendeiner Art und Weise betreut werden konnten. Da ist es schön zu sehen, dass viele Menschen in Pfarren Zuflucht finden, Unterstützung finden und eine Betreuung auf einer sehr breiten Ebene finden.
erzdiözese-wien.at: Finden Sie eigentlich Zeit, irgendetwas aufzuarbeiten, oder sind Sie permanent unterwegs und schauen sich Quartiere an? Wie kann man sich da Ihren Ablauf vorstellen?
Rainald Tippow: Zur operativen Tätigkeit komme ich kaum. Ich spreche hie und da natürlich schon mit betroffenen Flüchtlingen. Bei mir geht es vor allem darum, die Notsituation mit den Hilfsangeboten zusammen zu bringen. Es gibt einen sehr feinen Stab von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, hauptamtlicher und ehrenamtlicher Natur, die sich hier bemühen. Es geht sehr wohl auch darum, permanent mit der Unzulänglichkeit zu leben, damit zu leben, dass die Zahl der ungelesenen Mails die 500er-Grenze überschritten hat und täglich 50 mehr dazu kommen, als ich abarbeiten kann. Es geht auch darum, sehr ungewöhnliche Lösungen zu finden. Oft geht es wirklich darum, auch Familien unterzubringen unter ganz besonders erschwerten Bedingungen. Und dann hilft man einmal fünf Menschen und es dauert einfach eine halbe Stunde und dann findet man wieder Quartiere für 300 Menschen und es dauert fünf Minuten. Das heißt, es ist eine sehr ungewöhnliche, sehr vielfältige und bei allem eine sehr zufrieden machende, auch Freude schenkende Tätigkeit, immer in dem Wissen, ich kann nur das tun, was ich tun kann, mehr geht eh nicht.
erzdiözese-wien: Aus Ihrer Einschätzung: Wie viele Notquartiere bedarf es denn im Bereich der Erzdiözese Wien oder kann man das gar nicht abschätzen?
Rainald Tippow: Wir haben nach wie vor eine relativ schlechte Informationslage aus Ungarn, wir haben einerseits Zahlen, die auch aus politischem Kalkül manchmal hochgepusht werden. Wir haben Menschen, die auch nicht in Quartiere gehen wollen, weil sie fürchten, dass sie dann dort hängen bleiben oder hängen bleiben müssen. Insofern ist es schwer zu sagen, wieviel Unterbringung wir genau brauchen. Wir wissen, dass einige hundert Menschen noch Quartiere brauchen und da begeben wir uns auf die Suche. Unser Ziel waren zuerst 1.000 Notquartiere, jetzt ist das nächste Ziel 1.500. Und ich bin da sehr zuversichtlich, dass es über die Ordensgemeinschaften, über die Pfarren, über den kirchlichen Raum geht. Wo der Plafond erreicht ist, weiß ich nicht, ich hoffe aber, ganz dringend, dass es vorher eine politische Lösung gibt. Mir ist nämlich bewusst, dass die Pfarren in dieser Situation nicht auf Dauer belastbar sind.
erzdiözese-wien.at: Gibt es Menschen, die im Freien übernachten müssen?
Rainald Tippow: Ja, das gibt es leider. Aus verschiedenen Gründen. Es gibt auch Menschen, die nach allem, was sie auf der Flucht erlebt haben, hier einfach sagen, ich muss schauen, dass ich Richtung Deutschland aufbreche, weil meine Familie schon dort lebt. Es gibt Menschen, die einem Gerücht aufsitzen. Es gibt Menschen, die leider auch Geschäftemachern aufsitzen und sich irgendwohin bringen lassen. Es gibt manchmal die Vermutung, dass es mit einem Zug doch gehen könnte oder mit irgendeiner Schlepperorganisation. Es gibt Menschen, die einfach grundsätzlich sagen, sie sind hier in dauernder Bereitschaft, sich wieder auf den Weg zu machen, die dann auch in kein Quartier wollen. Und es gibt auch Menschen, die momentan noch nicht untergebracht sind, aber da sind wir einfach dran, für alle, die wollen, eine Unterbringungsmöglichkeit zu schaffen.
erzdiözese-wien.at: Wie weit ist es denn auch ein Thema, sich mit langfristigen Quartieren zu beschäftigen – also wir haben jetzt über Notquartiere gesprochen? Wie sieht es da mit Bedarf aus und was ist Ihre Einschätzung? Was haben Sie da sozusagen schon mitbekommen?
Rainald Tippow: Das Ziel der Erzdiözese Wien und der Diözesanleitung ist noch immer das, das Kardinal Schönborn ausgegeben hat, nämlich 1.000 zusätzliche langfristige Quartiere für Menschen auf der Flucht zu finden. Das geht momentan ein bisschen unter in der Notsituation, in der wir uns befinden, aber das ist natürlich weiterhin das langfristige Ziel. Auch da tut sich laufend einiges, wiewohl die gesamte Anbahnung, der gesamte rechtliche Hintergrund deutlich komplexer ist. Da geht es um Mietverträge, um Nutzungsvereinbarungen, um langfristige Mieten. Da geht es auch um die Frage, wie kann man eine Familie, die dann in eine Pfarre kommt, oder Personen, die in ein Kloster kommen, wie kann man die langfristig begleiten? Angefangen von Deutschkursmaßnahmen über Kindergartenplätze und so weiter. Das ist also deutlich komplexer, und das wird uns noch länger beschäftigen, aber ich denke, dass eine vierstellige Zahl hier wirklich ein substantieller Beitrag zu einem humanitären Österreich ist.
erzdiözese-wien.at: Zurück zu den Notquartieren: Ist es eigentlich abschätzbar, wie lange man die benötigen wird oder wird uns das auf Monate, vielleicht auch ein Jahr beschäftigen?
Rainald Tippow: Also die derzeitige Notquartierssituation auf ein Jahr ist vollkommen unvorstellbar, viele Pfarren haben gesagt: Wir haben hier einen Pfarrsaal, da gibt es zwei Toiletten und drei Stockwerke, darüber gibt es eine Dusche, das geht für eine Nacht, das geht für zwei Nächte, das geht zur Not vielleicht für eine Woche, das geht nicht auf Dauer. Und da muss man ganz klar sehen – das ist auch das, was wir in diversen Krisenstäben hier permanent einbringen -, dass diese Notunterkünfte, diese Notquartiere echt genau das sind, was der Name sagt, nämlich Notunterbringungen und nicht mehr.
Wenn ich wüsste, wie lange das jetzt noch dauert, könnte ich wahrscheinlich viel Geld damit machen – möchte ich nicht –, aber ich denke, dass wir hier auf vielen Ebenen gefordert sind, es geht einerseits um Notunterbringung, andererseits aber auch um diesen gesamten, hintergründig politischen Arbeitsprozess. Das heißt, wir müssen hier schauen, dass es zu einer europäischen Lösung, zu einer Lösung in Österreich kommt. Die Zivilgesellschaft, die Pfarren leisten unglaublich viel, aber das Problem können sie nicht lösen. Momentan sind wir ausschließlich an den Symptomen dran.