Dienstag 24. Februar 2026

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Come 2gether im Don Bosco-Haus
privat / Univ.-Prof. Mag. Dr. Andrea Lehner-Hartmann
15.09.2015

Sensibel sein für die Fragen der Kinder

Interview mit Universitätsprofessorin Andrea Lehner-Hartmann über Kinderpastoral

Vor welchen Herausforderungen steht religiöses Lernen in einer pluralen Gesellschaft?

 

Lehner-Hartmann: Die Herausforderungen bestehen darin, dass wir einerseits mit einem breiten Angebot an verschiedenen Religionen und Weltanschauungen konfrontiert sind.

 

Darüber hinaus wird religiöses Lernen auch durch unterschiedliche kulturelle und soziale Lebensentwürfe und Lebensbedingungen herausgefordert, wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichen Lebensgewohnheiten und kulturellen Mustern und Bräuchen sowie Denkweisen aufeinander treffen.

 

Dabei ist der Unterschied nicht nur zwischen Christentum und anderen Religionen oder Weltanschauungen festzumachen, sondern christliches Leben weist in sich eine Vielfalt an Lebensformen, an Verständnisweisen von Glauben, an religiösen Bedürfnissen und Ausdrucksweisen auf.

 

 

 

Wie kann die Familie ein Ort religiösen Lernens sein?

 

Lehner-Hartmann: Auch wenn es zunehmend Eltern gibt, die Religion und religiöse Erziehung für ihre Kinder grundsätzlich ablehnen oder die Entscheidung für oder gegen eine Religion den Kindern selber überlassen wollen, tauchen mit Kindern in Familien die Fragen nach der Bedeutung von Religion intensiver auf.

 

Abendgebet und Einschlafrituale werden selbst von jenen Eltern praktiziert, die sich kirchlich nur schwach oder gar nicht verwurzelt fühlen.

 

Gleichzeitig lässt sich bei Eltern eine große Unsicherheit im Umgang mit den religiösen Fragen, die ihre Heranwachsenden stellen, bemerken. Viele fühlen sich in religiösen Fragen nicht kompetent und delegieren diese lieber an ExpertInnen in Pfarren und Religionsunterricht.

 

Was sind dann die neuen Orte für religiöses Lernen heute?

 

Lehner-Hartmann: Fällt die Familie als Lernort aus, ist zunehmend der Religionsunterricht oder davor eventuell auch noch der Kindergarten der Ort religiöser Erstbegegnung. Möglicherweise bleibt er auch der einzige Ort religiösen Lernens.

 

Daneben gibt es – bisher noch viel zu wenig beachtet – die Peergruppe, wo die Begegnung mit Religion und religiösen Fragen weniger in explizit organisierter Form als über Beziehungen und Freundschaften in der Schule und in der Freizeit erfolgt: Was glaubst du? Was feierst du da? Etc.

 

Auch die mediale Welt, wo Begegnung mit Religion in distanzierter Form stattfinden kann, kann ein Ort religiösen Lernens sein.

 

Was sind die Basics für religiöses Lernen?

 

Lehner-Hartmann: Die Basics, damit man von religiösem Lernen überhaupt sprechen kann, bestehen darin, dass es Lernumgebungen und Begegnungen gibt, die Fragen nach Gott und der Welt stellen lassen.

 

Die Frage nach den Basics ist also weniger eine Frage danach, was man in Sachen Religion alles wissen sollte, als danach, wo sich die Fragen nach Religion überhaupt stellen und wem man sie stellen kann.

 

Religiöses Lernen erfolgt ja zunächst über konkrete Begegnungen und konkretes Mit(er)leben – sei es mit den Eltern, Großeltern, bei Freunden oder in der Schule.

 

Worauf muss eine zeitgemäße Kinderpastoral besonders achten?

 

Lehner-Hartmann: Eine zeitgemäße Kinderpastoral hat zunächst eine Sensibilität für die Fragen der Kinder zu entwickeln, wie sie die Frage nach Gott, dem Sinn des Lebens, dem Woher und Wohin stellen.

 

Dies kann oftmals auch zu einer existenziellen Anfrage an jene werden, die mit den Kindern arbeiten.

 

Eine zeitgemäße Kinderpastoral braucht daher Menschen, die sich in religiösen Fragen anfragen lassen und sich selber als Suchende verstehen.

 

Eine zeitgemäße Kinderpastoral hat sich also daran zu orientieren, wie man Kinder in den ständigen Such- und Verständigungsprozess einer Gemeinde, wie ihn Norbert Mette als charakteristisch für eine Pfarrgemeinde ansieht, hineinnehmen kann.

 

Dies bedeutet, die christliche Botschaft nicht nur für Kinder zu formulieren, sondern sie zunächst auf die Fragen der Kinder hin und mit ihnen neu lesen zu lernen.

 

Dafür braucht es dann weniger theologische ExpertInnen als Menschen, die bereit sind, sich den religiösen Fragen unter der Perspektive des Christentums zu stellen.