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17.09.2015

Ehe leidet heute unter "halbierter Liebe"

Zulehner: Scheidung leichter als Untermieter-Kündigung

Die Institution Ehe steckt in der modernen Kultur in einer Krise, die u.a. auf ein narzisstisches Verständnis von Liebe zurückgeht und auch seitens der kirchlichen Seelsorge neue Antworten etwa in Bezug auf Scheidung und Wiederheirat erfordert: Darauf weist der Wiener Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner in seinem aktuellen Buch "Auslaufmodell - wohin steuert Papst Franziskus die Kirche?", in dem er mit Blick auf die Familiensynode 2015 den gegenwärtigen "tiefgreifenden Wandel" in den kulturellen Ehebildern skizziert.

 

Das Ehepatent von Joseph II.: Kinder als Ehezweck

Der Begriff Ehe stammt vom althochdeutschen "ewa" für "Ehevertrag", erinnert Zulehner, der als Ausgangspunkt seiner Überlegungen das von Joseph II. erlassene Ehepatent anführt, das das zuvor ausschließlich gültige katholische Kirchenrecht ersetzte. Nicht romantische Liebe, sondern der Zweck des Zeugens von Kindern - als Altersvorsorge, Arbeitskräfte und Soldaten - sei bei dem ersten staatlichen Eherecht eines nachreformatorischen katholischen Landes der "Zweck" des Kontraktes für eine "unzertrennliche Gemeinschaft" zwischen Mann und Frau gewesen.

 

Katholisches Eheverständnis heute: Liebe zwischen den Eheleuten

Alle Ehe-Vorbedingungen von 1783 seien in Europa ausgeweitet worden im Zuge der Entwicklung freiheitlicher Selbstbestimmung des Lebens, so der Pastoraltheologe. Das Familienideal "Vater-Mutter-Kind" erscheine heute als "überwindungsbedürftiges Klischee", auch wenn die "erdrückende Mehrheit" in den traditionellen Lebensformen lebe. Auch die katholische Kirche habe ihre Lehre von den Ehezwecken fortentwickelt und statt dem Zeugen von Kindern die Liebe zwischen den Eheleuten an die erste Stelle gerückt - wenngleich der absichtliche Ausschluss von Kindern im kirchlichen Eherecht weiterhin ein Ehenichtigkeitsgrund ist.

 

Scheidung leichter als Untermieter-Kündigung

Selbst in guten katholischen Familien sei das Zusammenleben vor der Ehe - die "Ehe ohne Trauschein" - zum Normalfall geworden, was den Weg zum Standesamt oder Traualtar zumindest verzögere. 40 Prozent von Österreichs Neugeborenen würden heute "unehelich" zur Welt kommen und man habe den Eindruck, "dass lediglich Schwule, Lesben und katholische Pfarrer unbedingt und möglichst bald heiraten wollen", so Zulehner. Von religiösen Maßstäben werde oft nur noch eine zusätzliche Legitimation erwartet: "Viele wollen den Segen Gottes und religiöse Rituale beim Beginn ihrer Beziehung. Sie lehnen es aber gleichzeitig ab, dass Religion diese Beziehung als lebenslang definiert und ein Beenden sanktioniert."

Als ein Hauptwert stelle sich heute die Vermeidung jeglicher Diskrimination für die eigene Lebensentscheidung dar, zudem sei der Ehe- und Familienbegriff inhaltlich umgebaut. Zulehner: "Aus dem Glücken der Liebe wurde Liebesglück, aus dem Heiligen etwas Weltliches, aus dem ewigen Zeitliches und somit Vergängliches". Bei der "entinstitutionalisierten" Ehe von heute gehe es um eine emotionale Liebesbeziehung mit flexibler rechtlicher Fassung. Heute sei es "leichter, einem Lebenspartner zu kündigen als einem Untermieter".

Die "Ökonomisierung des Lebens" bezeichnet Zulehner als wichtige Motoren dieser Entwicklung: Zeit für Kinder, den Partner und Alte seien nachrangige Ziele geworden, zumal die Wirtschaft heute nicht mehr auf die Arbeitskraft gut gebildeter Frauen verzichten könne. Gleichzeitig sei nun die Aufmerksamkeit für Erwachsene und deren Wünsche und Gleichstellungs-Ansprüche oberste Priorität. Dies gehe zu Lasten des Kindeswohls - erkennbar etwa bei der Diskussion um Adoption oder Samenspende an lesbische Paare - sowie auch zu Lasten der Pflege alter, behinderter, kranker oder sterbender Angehöriger, beobachtet der Religionssoziologe.


Liebe nur in guten Tagen

Ein auf Wohlbefinden ausgerichtetes, romantisches Verständnis von Liebe, bei dem Leid gezielt ausgelagert werde, sei weit verbreitet, beobachtet Zulehner. "Heute meint 'Liebe' immer öfter nur noch 'die guten Tage' mit dem Partner. Damit wird die Liebe selbst gleichsam halbiert. Aus der unbedingten Liebe zum geliebten Du wird eine bedingte Liebe zur geliebten Glücksleistung des anderen. Sie besteht, solange der andere 'gute Tage' abliefert." Entsprechend rangierten auch in Werteforschungen "softe" Eigenschaften wie Vertrauen, Treue und Ehrlichkeit in Werteforschungen an vordersten Plätzen in der Skala der Merkmale einer idealen Partnerschaft, "harte" Eigenschaften wie Rücksichtnahme, Verstehen, Kompromiss-oder Gesprächsbereitschaft jedoch weit hinten.

Diese Entwicklung, die das Liebesglück hervorhebe, habe von der einst "unauflöslichen" zur heute "entinstitionalisierten" Ehe geführt, so der Pastoraltheologe. Dennoch seien viele moderne Menschen in ihrer Partnerbeziehung unter "enormem Druck" - laut Zulehner aufgrund der schwach gewordenen Fähigkeit, die "Sehnsucht nach ewigem und unendlichem Glück letztlich an einem Gott festzumachen und sie in das verlorene und wieder gewonnene Paradies eines Himmels zu verlagern". Stattdessen werde der Himmel auf Erden - u.a. in der romantischen Liebe - gesucht. "Manchen erscheint ein Orgasmus wie ein Ausflug ins Paradies", so der Theologe.

Tragischerweise würde genau diese Form der Suche nach Glück in der Liebe viele Menschen unglücklich machen und verbrauchte Beziehungen als Hürden für das Glücksstreben sehen lassen. Zulehner warnt davor, die zu beobachtende "Abfolge von Liebensgeschichten mit hoher Intensität und raschem Verfallsdatum" - der Pastoraltheologe spricht von "konsekutiver Polygamie" - als Unmoral zu sehen. Vielmehr sei der Wunsch nach "maßlosem Glück in mäßiger Zeit", der sich in Begriffen wie "Erlebnisepisoden" und "Lebensabschnittspartner" manifestiere, auch Ausdruck dessen, dass der "Traum von der himmlischen Liebe" für viele gestorben sei.

 

Kirchliche Heirat ja, Scheidungsverbot nein

In Zulehners Erhebungen im Rahmen des "Zukunftsforums" der katholischen Kirche von 2013 antworteten 37 Prozent der Befragten in diesem Sinne. Sie sprachen sich gegen jegliche Hürden für das Verlassen einer Ehe aus und der Kirche jegliche Zuständigkeit ab, berichtet der Theologe. 18 Prozent - unter jungen Befragten nur 6 Prozent - hätten angegeben, sie würden das gegebene Eheversprechen aus existenziellen wie auch religiösen Gründen selbst in Tagen erkalteter Liebe halten. Zulehner: "Manchmal ist es ein Vertrag ohne Vertragen - und das in kantigem Gegensatz zum heute bevorzugten Vertragen ohne Vertrag."

Die größte Gruppe der Befragten - 45 Prozent - versuche die beiden Pole zusammenzuhalten: Durchaus seien diese Befragten dazu bereit, ihre eheliche Liebe mit Religion und Gott in Verbindung zu halten. Allerdings tendierten auch sie dazu, nicht unter allen Umständen zusammen bleiben zu müssen, zitierte Zulehner aus den Erhebungen. Kirchliche Heirat sei für diese "Mittelgruppe" ein hoher Wert, doch werde ein kirchliches Scheidungs- oder gar Wiederverheiratungsverbot abgelehnt.