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Kardinal Reinhard Marx
cc flickr esparanta palma / Der Sonntag
30.09.2015

Marx: „Die Theologie der Liebe in den Fokus rücken“

Interview mit Kardinal Reinhard Marx über eine aktualisierte seelsorgliche Begleitung der Paare.

 

Wenn die Ordentliche Bischofssynode im Herbst  die Grundzüge der kirchlichen Ehe-Lehre gleichsam „aktualisiert“, wie könnten diese Sätze lauten?

 

Marx: Ich würde sechs Sätze nennen:

  1. Die Auslegung biblischer und kirchlicher Texte aufmerksam beachten.
  2. Die Ehetheologie vom Aspekt des Bundes her durchdenken.
  3. Personalität als Grundaspekt verstärken.
  4. Systematisch-theologische und kirchenrechtliche Aspekte präziser differenzieren.
  5. Die Biographie bzw. den Glaubensweg der Ehepartner stärker beachten.
  6. Die Theologie der Liebe in den Fokus rücken.

Manche Theologinnen und Theologen sprechen von einer noch notwendigen Vertiefung der Lehre über das Ehe-Sakrament. Nehmen die Synodenväter und -mütter die „Ergebnisse“ der Theologie der letzten Jahrzehnte genug wahr?

 

Marx: Die Theologie muss immer wieder neu in den kirchlichen Reflexionsprozess „eingespeist“ werden und ich bin überzeugt, dass Debatten der vergangenen Jahre berücksichtigt werden, aber das kann noch intensiver erfolgen. Das haben wir schon während der Synode im Herbst 2014 gespürt.

 

Die Sakramententheologie, in der es ja um die wirksamen Zeichen der Nähe Gottes geht, muss ja immer wieder neu durchdacht und den Menschen immer wieder neu er-läuternd nahegebracht werden, gerade im Blick auf das Sakrament der Ehe.

Papst Franziskus hat am 23. Jänner 2015 gesagt, dass seiner Meinung nach viele katholische Ehen tatsächlich ungültig seien. Kann es sein, dass viele Paare bei der Eheschließung nicht verstanden haben, worum es sich beim kirchlichen Ja-Wort handelt?

 

Marx: Daran müssen wir arbeiten, das in einer neuen Weise verständlich zu machen. Die verschiedenen Verständnisse von Ehe rücken heute immer weiter voneinander ab und werden auch vielfältiger.

 

Gleichzeitig sind die Motive für eine Eheschließung sehr verschieden und liegen nicht immer offen zutage. In dieser Situation ist im Fall eines Scheiterns die Frage durchaus berechtigt: Kann nicht auch eine (vielleicht zunächst verdeckte) Beeinträchtigung des nötigen Konsenses am Anfang dieser zuletzt gescheiterten Ehe gestanden haben?

 

 

Aber im Grundsatz glaube ich, dass die meisten Menschen, die eine kirchliche Eheschließung wollen, eigentlich die Dauer der Beziehung, Kinder und den Zuspruch Gottes wünschen. Da kann man weiter ansetzen.

Ist die Eheannullierung mehr als eine „Scheidung auf katholisch“? Gleichsam der Königs-Weg der Pastoral?

 

Marx: Das ist klar zu verneinen! Nicht jedes Scheitern einer Ehe kann auf eine ungültige Eheschließung zurückgeführt werden. Aber auch hier gilt: Wir müssen die oft komplexen Begrifflichkeiten verständlicher machen. Ohnehin gibt es im Eherecht eine ganze Reihe von schwierigen Fragen, die zu klären sind.

 

Die Theologie des Bundes der Ehe, wie sie auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil entwickelt wurde, ist noch nicht genügend ins Kirchenrecht integriert worden. Da gilt es noch theologisch zu arbeiten. Das ist mit der Synode nicht beendet.

Müsste nicht im Zusammenhang der Ehe- und Familienpastoral auch die klassische Lehre der seelsorglichen Begleitung neu entdeckt werden?

 

Marx: Unsere Seelsorge leistet hier viel Gutes, oft im Verborgenen. Aufgrund der reichen Erfahrung der Kirche gibt es sicherlich noch mehr, was neu gehoben werden kann. Für Vieles gibt es auch schon hoffnungsvolle Ansätze, aber die weißen Flecken auf dieser pastoralen Landkarte sind zu groß, als dass wir zufrieden sein könnten.

Was heißt es für die Praxis der Kirche, dass das Buß-Sakrament hierzulande faktisch verdunstet und dass gleichzeitig die Kommunion fast selbstverständlich geworden ist?

 

Marx: Es liegt auf der Hand, dass wir uns verstärkt um eine Erneuerung der Bußpraxis bemühen müssen. Dabei ist zu bedenken: Der verstärkte Kommunionempfang der Eucharistiegemeinde war ein Wunsch des Zweiten Vatikanischen Konzils.

 

In Bezug auf die Bußpraxis ist auch zu sehen, dass es in der Pastoral eine Vielfalt gibt, etwa in den Formen kirchlicher Beratungsarbeit, in denen auch Schuld und Verantwortung eine Rolle spielen.


Eine Praxis des Bußsakraments, wie man sie in der Vergangenheit kannte, wird sich so nicht wiederherstellen lassen. Gerade moralische Appelle werden hier nichts erreichen.

 

Man wird also nach neuen Gestalten der Praxis des Bußsakraments Ausschau halten müssen. Dazu gehört auch die theologische Weiterentwicklung, die Buße als Sakrament der Heilung zu verstehen.