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22.10.2015

Schönborn: Situation von Wiederverheirateten differenziert sehen

Hoffen auf Entwicklung von Kriterien, nach denen geklärt werden kann, ob nach Schließung einer weiteren Zivilehe Zugang zu Sakramenten möglich ist.

Wiener Erzbischof erhofft sich von Synode und Papst die Entwicklung von Kriterien, nach denen geklärt werden kann, ob nach der Schließung einer weiteren Zivilehe ein Zugang zu den Sakramenten möglich ist.

 

Die katholische Kirche muss die Situation von wiederverheirateten Geschiedenen differenziert betrachten. Das hat Kardinal Christoph Schönborn einmal mehr betont. Er hoffe sehr, so Kardinal Schönborn im Interview mit "Kathpress" am Donnerstag, 22. Oktober 2015 in Rom, dass der entsprechende Vorschlag der deutschen Sprachgruppe von der Synode aufgegriffen und weiterentwickelt werde.

 

Überlegung der deutschsprachigen Gruppe

Die Gruppe hatte in die Synode eingebracht, dass künftig ein Priester im Gespräch und anhand bestimmter Kriterien mit dem jeweils Betroffenen klären soll, ob nach der Schließung einer weiteren Zivilehe "ein Zugang zu den Sakramenten möglich ist".

 

Schon Papst Johannes Paul II. habe 1981 in seinem Schreiben "Familiaris consortio" klar Unterscheidungsmerkmale angesprochen. Mit ihrer Hilfe sollten Seelsorger die Situationen von Schuld oder Unschuld bei geschiedenen Wiederverheirateten untersuchen könnten, führte Schönborn aus, der bei der Synode als Moderator der deutschsprachigen Arbeitsgruppe fungiert.

 

Wörtlich heißt es in dem Schreiben von Johannes Paul II.: "Die Hirten mögen beherzigen, dass sie um der Liebe willen zur Wahrheit verpflichtet sind, die verschiedenen Situationen gut zu unterscheiden. Es ist ein Unterschied, ob jemand trotz aufrichtigen Bemühens, die frühere Ehe zu retten, völlig zu Unrecht verlassen wurde oder ob jemand eine kirchlich gültige Ehe durch eigene schwere Schuld zerstört hat. Wieder andere sind eine neue Verbindung eingegangen im Hinblick auf die Erziehung der Kinder und haben manchmal die subjektive Gewissensüberzeugung, dass die frühere, unheilbar zerstörte Ehe niemals gültig war."

 

Freilich habe der Papst damals etwaige pastorale Umsetzungen noch nicht ausformuliert, erläuterte Schönborn. Diesen Ansatz müsse man aber weiterentwickeln. Das sei jedenfalls die klare und einstimmig angenommene Bitte der deutschsprachigen Arbeitsgruppe an den Papst.

 

Kriterien zum seelsorglichen Gespräch

Zu den Kriterien, nach denen im seelsorglichen Gespräch die Situation der wiederverheirateten Geschieden beleuchtet werden soll, gehören nach Ansicht der deutschsprachigen Gruppe etwa die Fragen, wie sie mit ihren Kindern umgegangen sind, als die eheliche Gemeinschaft in die Krise geriet? Habe es Versuche der Versöhnung geben und wie sei die Situation des verlassenen Partners jetzt? Was seien die Auswirkungen der neuen Partnerschaft auf die weitere Familie und die Gemeinschaft der Gläubigen? Oder wie sei die Vorbildwirkung auf die Jüngeren, die sich auf die Ehe entscheiden sollen?

 

Ob es im Rahmen der Synode noch machbar sei, solche konkreten Kriterien in das Schlussdokument aufzunehmen "wird man sehen", zeigte sich Schönborn abwartend. De facto sei es freilich schon in vielen Bischofskonferenzen der Fall, dass man sich um solche Hilfen für die Seelsorge bemühe. Der Wiener Erzbischof verwies in diesem Zusammenhang einmal mehr auf die "Fünf Aufmerksamkeiten", an denen man sich in der Erzdiözese Wien orientiere. (Aufmerksamkeit gegenüber den Kindern, dem getrennt lebenden Partner, gegenüber der Schuldfrage, gegenüber treuen Ehepaaren, gegenüber dem Gewissen und Gott.)

 

Einen weiteren Aspekt, den die deutsche Sprachgruppe erarbeitet hat, und von dem sich Schönborn erhofft, dass er in das Schlussdokument aufgenommen wird, betrifft eine neue Sicht von Scheitern. "Scheitern ist nicht nur etwas Negatives. Scheitern hat im menschlichen Leben eine ganz wichtige Rolle und ist oft auch Anlass, für eine Neuorientierung und Neubesinnung und neue Gotteserfahrung im eigenen Leben", sagte der Kardinal. Dieser positive Aspekt von Scheitern werde in der Seelsorge noch zu wenig benannt.

 

Intensive Diskussionen, einstimmige Beschlüsse

Sehr positiv hob der Kardinal hervor, dass es bei dieser Synode erstmals so viel Zeit für das Gespräch und die Arbeit in den kleinen Sprachgruppen gegeben habe wie nie zuvor. Unterschiedliche Standpunkte habe man in den insgesamt 40 Stunden in der Sprachgruppe in Ruhe ausdiskutieren können, was sich sehr positiv auf das Klima in der Gruppe ausgewirkt habe. Dieses Mehr an Gesprächen aufgrund der geänderten Arbeitsweise der Synode verbunden mit einer relativ großen kulturellen Homogenität in der deutschsprachigen Arbeitsgruppe hätten das Zustandekommen von einstimmigen Ergebnissen sehr begünstigt.

 

Besonders intensiv habe sich die deutsche Sprachgruppe beispielsweise in die theologische Frage vertiefen können, wann überhaupt eine Ehe zu einer sakramentalen Ehe wird, führte Schönborn aus. Ein Sakrament sei Zeichen für die Verbundenheit Gottes mit den Menschen. Schönborn: "Wenn zwei Getaufte, die aber keinen Glauben haben, heiraten, ist diese Ehe dann tatsächlich eine sakramentale Ehe?"

 

Viele Themen zu kurz gekommen

Bei der Synode seien aber auch viele Themen zu kurz gekommen, bedauerte der Kardinal. So seien beispielsweise die sozialen Bedingungen, unter denen heute Familien leben, zu wenig als pastorale Herausforderungen thematisiert worden. Selbiges gelte für den geschichtlichen Aspekt: Die Familie habe sich im Laufe der Zeit unglaublich entwickelt, so Schönborn. Freilich unter Beibehaltung der "Grundkonstante von Mutter, Vater und Kindern".

 

Er hätte sich zudem gewünscht, dass nicht nur von Problemen sondern auch mehr von den Stärken der Ehe gesprochen worden wäre. "Ehe und Familie sind das sicherste und nachhaltigste Beziehungsnetz, dass es unter Menschen gibt", betonte der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz.