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Mensch, Darm
cc flickr esparanta palma / Der Sonntag
10.11.2015

Wenn der Darm mit dem Gehirn spricht

Interview mit Peter Holzer, Professor für Experimentelle Neurogastroenterologie

 

Wie kommunizieren Darm und Hirn miteinander?

 

Peter Holzer: Es sind sensible Nerven, die den Magen-Darm-Trakt durchziehen, auf chemische und mechanische Reize empfindlich sind und die Information über die Nervenbahnen an das Gehirn liefern.

 

Dazu kommen weitere Informationsschienen: Der Darm produziert eine große Zahl von Hormonen, die auf dem Blutweg ins Gehirn kommen, dort Appetit, Hunger, Sattheitsgefühl mitbestimmen.

 

Aber, wie wir seit kurzem wissen, auch Emotionen und Stimmungslagen mitbeeinflussen können. Es gibt ein riesiges Immunsystem im Darm, deren Existenz auch schon länger bekannt ist.

 

Man hat sich immer wieder gefragt, warum gibt es das?

 

Wir wissen, dass im Darm so viele Mikroben, Bakterien, Pilze im ganz normalen, gesunden Leben vorhanden sind. Es ist klar, dass ein Immunsystem da sein muss, um die doch fremden Organismen, obwohl sie in einer Symbiose mit uns leben, in Schach zu halten.

 


Kann es zu Kommunikationsproblemen kommen?

 

Peter Holzer: Wenn es in der Kommunikation zwischen Darm, Mikrobiom und Immunsystem Unstimmigkeiten gibt, wird das Immunsystem aktiviert und setzt Immunmediatoren ab, die über den Blutweg ebenfalls ins Gehirn gelangen können.

 

Wenn der Darm selbst bei Stress durchlässiger wird, gehen Dinge im Inneren des Darms leichter in die Darmwand.

 

Es können Metaboliten, also Stoffe, die diese Mikroben im Darm produzieren, quasi selbst Informationsträger sein, die ins Gehirn gelangen und dort die Funktion des Gehirns beeinflussen und verändern können. 

 

Bei diesen Hypes, die wir zurzeit in dieser Forschung haben, sieht man, dass bei vielen neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen Veränderungen in diesem Darmmikrobiom vorkommen.

 

Man hypothesiert, dass das Mikrobiom auch etwas mit der Krankheit ursächlich zu tun haben könnte. Der Beweis steht in den meisten Fällen noch aus.



Beeinflusst unsere Nahrung das Mikrobiom und kann die richtige Ernährung zu einer idealen Zusammensetzung von Bakterien führen?

 

 

Peter Holzer: Die Qualität der Ernährung beeinflusst ganz offensichtlich, welche einzelne Bakterienarten vorhanden sind. Es kommen bis zu Tausend verschiedene in unserem Darmmikrobiom vor. Je mehr Arten, je mehr Diversität, desto gesünder, so glauben wir, ist es. Dabei ist noch sehr viel Forschung im Gang.

 

Aber die Ernährung kann das Mikrobiom sehr deutlich beeinflussen – und das geht oft rasch. Es gibt Untersuchungen, wenn man zu einer anderen Ecke der Welt mit anderer Kost, Kultur, Umgebung fährt, dann sieht man innerhalb einer Woche eine Umstellung im Mikrobiom. Das kann zum Guten oder Schlechten führen, wie manche Reisende miterleben müssen.

 

Mit der Ernährung kann man Mikrobiom sicher in der Weise steuern, dass eine naturnahe gemischte Kost sicher gut ist.

 

Ein gesünderes Darmmikrobiom wirkt sich positiv auf das Gehirn, auf die emotionale Situation und die Stimmungslage, unter Umständen sogar auch auf kognitive Vorgänge aus.

 

Wir wissen es nicht genau, aber Ernährung ist sicher der erste Ansatzpunkt, auf das Mikrobiom Einfluss auszuüben.


Ist der Darm das Fenster zum Gehirn? Können Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer im Darm nachgewiesen werden?

 

Peter Holzer: Das wird von manchen Medien relativ hochgespielt. Bei Parkinson und Alzheimer: ja und nein.

 

Ich würde nicht wagen zu behaupten, sie sind in erster Linie vom Darm bestimmt. Wir können das momentan noch nicht sagen.

 

Es gibt einzelne Versuche, bei Parkinson beispielsweise, auch bei der Multiplen Sklerose, bei denen man die Übertragung des Mikrobioms eines gesunden Menschen auf den Patienten gemacht und gefunden hat, dass sich die Symptome verbessert haben.

 

Das sind einzelne Fälle. Wir können daraus noch nicht schließen, dass das wirklich eine therapeutische Option ist.

 

Der andere Ansatz sind natürlich Probiotika, die auch in aller Munde sind. Bestimmte lebende Bakterien, die man schluckt und hofft, dass sie auch über die Magenbarriere in den Dickdarm gelangen und dort quasi zu einer Verbesserung der Zusammensetzung des Mikrobioms und damit der ganze Situation führen.

 

In manchen Fällen gibt es eine Verbesserung, aber die wissenschaftliche Beweislage ist in vielen Fällen noch sehr wackelig.

 


Was ist die Ursache von Reizdarm?

 

Peter Holzer: Der Reizdarm ist eine Krankheit, die nach wie vor aus hypothetischen Gebilden erklärt wird.

 

Eine Erklärung ist, dass die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn in beiden Richtungen nicht richtig funktioniert, gestört ist, dass die Informationen, die vom Darm ins Gehirn gelangen, dort gewissermaßen überbewertet werden und dass wieder Signale vom Gehirn an den Darm gehen und zu einer Störung der Darmfunktion führen.

 

Das sind alles Erklärungsmodelle. Auch hier wird diskutiert, ob das Darmmikrobiom eine Rolle spielt.

 

Das Problem beim Reizdarm ist, dass es bis jetzt keine gut greifende Therapie gibt. Probiotika sind auch schon verwendet worden. Manchen Patienten helfen sie, bei anderen hat es kaum einen Effekt.     

Das ist sicher ein Problem. Patienten sind durchwegs sehr arm in ihrem Leidensweg, der meist schon lange dauert, wo man nur sozusagen stufenweise diverse Dinge probieren kann, um die Situation zu verbessern.


Ist der Bauch das Zentrum des Wohlbefindens und der Gesundheit?

 

Peter Holzer: Es ist ein essentielles Organ keine Frage. Wir brauchen es zum tagtäglichen Überleben, weil wir nicht selbst das Sonnenlicht  verwertende Organismen auf andere organische Stoffe angewiesen sind, uns zu ernähren, und die wir finden müssen.

 

Deshalb die enge Zusammenarbeit zwischen Darm und Gehirn. Aber der Mensch ist was er tut und denkt durch das Gehirn definiert.

 

Darm ist sehr wichtig, ich würde mich nicht durch den Darm definieren. Es besteht ein wichtiges Informationssystem zwischen Gehirn und Darm. Es ist ein großes Nervensystem da, das die Verdauung steuert. Es kann zum größtenteils unabhängig vom Gehirn, vom Kopf agieren kann.

 

Aber soll die Kirche schon noch im Dorf lassen. Es ist ein wichtiges unterstützendes Nervensystem. Aber was uns dann Probleme macht  emotionell, kognitiv und stimmungsmäßig oder Leiden spielt sich im Kopf und im Gehirn ab.