Vor 50 Jahren - am 8. Dezember 1965 - ging das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende. Es wurde von Papst Paul VI. feierlich beendet, war die größte Kirchenversammlung in einer 2.000-jährigen Geschichte der Kirche und das 21. und bisher letzte ökumenische Konzil der katholischen Kirche. Drei Jahre hatten insgesamt 2.850 Konzilsväter über eine Reform der Kirche gerungen. Der Wunsch nach Öffnung, nach einem neuen Anfang in die heutige Zeit hinein, nach Überwindung festgefahrener Mechanismen bestimmte mit atemberaubender Dynamik die Beratungen. Ihr Ergebnis sind insgesamt 16 Dokumente, die bis heute Richtschnur und Quelle der Inspiration für die Kirche und die Gläubigen gleichermaßen sind und um deren Verständnis und Verwirklichung nach wie vor gerungen wird.
Das Konzil wollte die Kirche durch eine Reform ihrer Strukturen in eine neue Zeit führen und den Weg für die Einheit der getrennten Christen ebnen. Die ganze christliche Wahrheit sollte auf eine neue Art ausgesagt werden. Dazu erarbeitete die Versammlung zwei dogmatische und zwei pastorale Konstitutionen, neun Dekrete und drei Erklärungen. In diesen Dokumenten definierte die Kirche u.a. ihr eigenes Selbstverständnis neu, sie klärte ihre Haltung zur Welt, reformierte die Liturgie, bekannte sich zur Religionsfreiheit und richtet ihr Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen neu aus.
Wir stark der Impuls war, zeigte sich darin, dass schon während des Konzils die Beschlüsse umgesetzt wurde, was bei der erneuerten Liturgie und der Zulassung der Muttersprache besonders deutlich wurde. Die ökumenischen Bestrebungen in Richtung Orthodoxie wurden im Jänner 1964 in Jerusalem deutlich, wo Papst Paul VI. mit dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras zusammentraf und zu einem Durchbruch in den Beziehungen zwischen Rom und Konstantinopel führte. Am 7. Dezember 1965, als die vier letzten Konzilsdokumente beschlossen wurden, erfolgte schließlich die feierliche Aufhebung der wechselseitigen Exkommunikation zwischen katholischer und orthodoxer Kirche, der seit 1054 bestand.
Mit der Einrichtung der Bischofssynode als eigenständiges Beratungsorgan für den Papst in der kollegialen Verantwortung aller Bischöfe für die Kirche hatte Papst Paul VI. eine Idee der Konzilsväter aufgegriffen und diese noch während des Konzils realisiert. Offiziell geschah dies am 15. September 1965, unmittelbar nach Eröffnung der vierten und letzten Sitzungsperiode des Konzils mit dem Motu Proprio "Apostolica sollicitudo".
Zu den unmittelbaren Früchten des Konzils zählt auch der sogenannte "Katakombenpakt", den am 16. November 1965, drei Wochen vor dem Ende des Konzils, 40 Bischöfe in den Domitilla-Katakomben außerhalb Roms als erste unterzeichneten und denen sich viele Bischöfe anschlossen. In dem 13 Punkte umfassenden Text wird unter anderem ein Verzicht auf jeglichen Reichtum bekundet und das Bekenntnis abgelegt, alles Nötige für den apostolisch-pastoralen Dienst an den Armen zu leisten. Und mit einem spektakulären Briefwechsel zwischen dem deutschen und dem polnischen Episkopat im November 1965 bekam die Aussöhnung beider Völker und der konkrete Einsatz für Frieden gerade während des Kalten Krieges eine vielbeachtete Konkretisierung.
Zur Überraschung aller kündigte Papst Johannes XXIII. am 25. Jänner 1959 die Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils an. Johannes XXIII. war 1958, nach dem langen Pontifikat von Pius XII., im Alter von 77 Jahren als "Übergangspapst" gewählt worden. Er galt eher als "harmlos" und kaum jemand traute ihm zu, dass er bahnbrechende Reformen in Gang setzen würde, zumal ein ökumenisches (d.h. die gesamte katholische Weltkirche betreffendes) Konzil gemeinsam mit dem Papst die höchste Autorität in der römisch-katholischen Kirche hat. Es besteht aus der Versammlung aller Bischöfe unter dem Vorsitz des Bischofs von Rom, d.h. des Papstes.
In der Vorbereitungsphase erarbeitete die römische Kurie eine Reihe von Texten ("Schemata"), die dem Konzil zur Verabschiedung vorgelegt werden sollten. Die Kurie hoffte, die Konzilsväter würden zusammenkommen, die Texte feierlich verabschieden und das Konzil nach kurzer Zeit beenden. Doch die Konzilsväter entzogen sich dieser Strategie.
Schon die Eröffnungsrede des Papstes machte deutlich, dass er ein Konzil ganz eigener Art wollte: Es sollte ein "pastorales" Konzil sein, das heißt weder neue Dogmen noch Lehrverurteilungen aussprechen, sondern ein "Aggiornamento" (so viel wie "Heutig-Werden") der Kirche ermöglichen: Im Blick auf die gegenwärtige Welt sollte das Glaubenserbe der Kirche so formuliert werden, dass es "die Zeichen der Zeit" berücksichtigt und "in den sprachlichen Ausdrucksformen des modernen Denkens dargelegt wird". Davon erhoffte sich Johannes XXIII. einen "Sprung nach vorn" ("un balzo in avanti").
In einem mehrjährigen, arbeitsintensiven, von Auseinandersetzungen und manchen Rückschlägen geprägten Prozess entstanden insgesamt 16 Konzilsdokumente. Nicht einmal der Tod von Johannes XXIII. vermochte die Entwicklung aufzuhalten. Sein Nachfolger, Paul VI., der 1963 gewählt wurde, führte die Arbeit im gleichen Sinne, wenn auch mit einem vorsichtigeren Stil nach insgesamt vier Tagungsperioden am 8. Dezember 1965 zu Ende.
Beobachter und Kommentatoren des Konzils haben stets festgehalten, dass nicht nur seine schriftlichen Ergebnisse, sondern auch das Konzilsgeschehen selbst für dessen Deutung von großer Bedeutung sind. Das Kollegium der Bischöfe, das zum ersten Mal seit der Spätantike so international zusammengesetzt war, dass es nicht nur die europäische, sondern wirklich die Weltkirche repräsentierte, nahm seine Leitungsverantwortung eigenständig wahr und ließ sich nicht als "ausführendes Organ" von der vatikanischen Kurie vereinnahmen.
Die Konzilsdokumente wurden in einem dialogischen Prozess erarbeitet, in den auch viele Theologen und Fachleute einbezogen wurden, darunter auch solche, die zuvor in Rom "schlecht angeschrieben" waren. Kirchenintern wie im Verhältnis zur Welt von heute wurde das Gemeinsame und nicht das Trennende betont. Das Lehramt soll ermutigen und ermöglichen, nicht verurteilen und verbieten, betonten die Konzilsväter.
Beim Zweiten Vatikanischen Konzil erfolgten entscheidende Weichenstellungen, die heute in der Kirche längst Allgemeingut geworden sind. Bei der Reform der Liturgie nahm das Konzil Abschied vom Latein als einziger Sprache für den Gottesdienst. Die Liturgie sollte fortan auch in der Muttersprache gefeiert werden. Die früher stark formalistische liturgische Praxis wurde mit Rückbezug auf die biblischen und altkirchlichen Quellen mit neuem Leben erfüllt und die aktive Teilnahme ("actuosa partecipatio") der Gläubigen an der Gestaltung des Gottesdienstes ermöglicht.
Die Kirche wurde als "Volk Gottes" interpretiert. War Kirche zuvor weitgehend mit Hierarchie gleichzusetzen gewesen, wurde dieses Kirchenverständnis vom Kopf auf die Füße gestellt: Kirche ist zuerst Volk Gottes. Die fundamentale Gleichheit aller Getauften hat den Vorrang vor dem Unterschied zwischen "Geweihten" und "Nichtgeweihten". Die Laien wurden als vollwertige, mündige und an der Sendung der Kirche aktiv Beteiligte gewürdigt.
Positiv gewürdigt wurde die ökumenische Bewegung, die sich zunächst außerhalb der katholischen Kirche entwickelt hatte. Den Katholiken wurde ans Herz gelegt, sich daran aktiv zu beteiligen. Erstmals wurde anerkannt, dass die Ökumene nicht als "Rückkehr" der getrennten Kirchen unter das Dach der katholischen Kirche verstanden werden kann.
Im Verhältnis zu den nichtchristliche Religionen (Dokument "Nostra aetate") wurde betont, dass der Geist Gottes auch außerhalb der Kirche am Werk ist. Damit wurde Abschied genommen vom Prinzip "Außerhalb der Kirche kein Heil". Besonders gewürdigt wurde das Judentum als Wurzel der Kirche. Jedem Antisemitismus erteilten die Konzilsväter eine klare Absage.
Der Bibel wurde im Leben der Kirche ein sehr hoher Stellenwert zuerkannt: Das Lehramt steht nicht über dem Wort Gottes, sondern hat ihm zu dienen. Die literaturwissenschaftliche und geschichtliche Erforschung biblischer Texte wurde ermutigt, damit das Urteil der Kirche auf Grund der wissenschaftlichen Erkenntnisse reift. Damit wurde die Stellung der theologischen Forschung gegenüber der lehramtlichen Autorität neu bestimmt.
Im Hinblick auf das Verhältnis der Kirche zur Welt von heute wurden die Natur- und Humanwissenschaften als Ausgangs- und Anknüpfungspunkte für die Verkündigung der Kirche positiv beurteilt, ohne die Grenzen und Gefahren zu verschweigen. Wörtlich heißt es im ersten Satz der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute ("Gaudium et spes"): "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi". Der modernitätsfeindliche Stil von Lehramt, Theologie und kirchlichem Leben wurde zu Gunsten eines dialogischen und offenen Zugangs zur Wirklichkeit überwunden.
Die Religionsfreiheit wurde erstmals als Menschenrecht anerkannt: Die Freiheit des Individuums muss respektiert und vor jeder Art von Zwang geschützt werden. Die staatlichen Ordnungen haben sich am Respekt vor den Menschenrechten zu orientieren.
Dass das Konzil weder neue Dogmen proklamierte noch andere letztverbindliche Aussagen machte, erweist sich rückblickend als Stärke und Schwäche zugleich. Dasselbe gilt für das Bestreben, auch die Meinung von Minderheiten, insbesondere der konservativen kurialen Gruppe, zu berücksichtigen. Viele Texte haben Kompromisscharakter. Manche Unausgeglichenheiten lassen auch zu, dass sich die Vertreter gegensätzlicher Auffassungen zu Recht auf einzelne seiner Aussagen berufen können. Kardinal Franz König, eine der großen Gestalten des Konzils, hat daher immer wieder betont, dass man einerseits die Texte des Zweiten Vaticanums genau lesen, aber auch ihre Entstehungsgeschichte und ihr Umfeld im Auge behalten müsse.
In den ersten Jahren nach dem Konzil ermöglichte die starke Reformdynamik sehr viele Veränderungen: Die Aufwertung der Laien, die Entstehung der Pfarrgemeinderäte und diözesanen Pastoralräte, die biblische und liturgische Erneuerung, ein neuer Führungsstil veränderten das Gesicht der Kirche. Die Entwicklung in der Kirche und die gesellschaftlichen Veränderungen - die neue Rolle der Frau, der Zuwachs an individueller Freiheit und Toleranz, der wirtschaftliche Aufschwung und der technische Wandel - beeinflussten einander wechselseitig. Allerdings brachen die Konflikte innerhalb der Kirche schon sehr bald wieder auf: Von manchen wird schon die Enzyklika "Humanae vitae" von 1968 als "Wendepunkt" angesehen.
In den letzten Jahren stehen - außer bei Randgruppen - weniger die Konzilsbeschlüsse selbst in Frage. Auf das Konzil berufen sich alle, der Papst und seine Kritiker, Bischöfe und Theologen unterschiedlichster Richtung. Vielmehr geht es um die Art der Umsetzung des Konzils in die Lebenswirklichkeit der Kirche, um die Gewichtung von Dokumenten, von einzelnen Teilen oder sogar von Begriffen.
Die Umsetzung von Konzilen dauert in der Regel mehrere Jahrzehnte und ist auch für das Zweite Vaticanum längst noch nicht abgeschlossen. Fest steht, dass eine "Rückkehr hinter das Konzils" nicht möglich ist, was auch die Päpste seither immer wieder unterstrichen haben. Viele erkennen in Papst Franzikus einen vom Konzil zutiefst geprägten Kirchenmann. Sein Pontifikat kann in vielerlei Hinsicht als eine vertiefte Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils gedeutet werde, bei der es ihm um eine "Kirche in der Welt von heute" geht, die den Menschen ganz nahe sein will.