Der Stephansdom an einem Montag am frühen Vormittag: Das Wahrzeichen Wiens präsentiert sich heute nicht ganz so, wie wir es, genau genommen wie mein Sohn sich das vorgestellt hat.
„Da ist ja einiges los“, sagt er ganz erstaunt. Ja, da hat er recht: An allen Ecken und Enden wird geputzt, gewischt und staubgesaugt. Die Sesseln, auf denen wohl gestern und in den ersten Gottesdiensten des heutigen Tages die Gläubigen Platz gefunden haben, werden zusammengestellt und weggeräumt. Überall herrscht Betriebsamkeit.
Auch die ersten Touristen sind schon hier, warten auf die ersten Führungen, die um 9.00 Uhr beginnen. „Hier riecht es gut“, sagt Tobias: „So feierlich.“ Ich denke, ich weiß, was er meint: Der Duft von brennenden bzw. gerade eben erst ausgeblasenen Kerzen hängt in der Luft. Drei Messen wurden hier heute bereits gefeiert.
Mit aufmerksamem Blick geht mein Sohn durch den Dom. Das große Kreuz in der Mitte der Kirche fällt ihm schnell auf. Auch die berühmte Domkanzel erregt seine Aufmerksamkeit – vor allem die seltsamen Tiere, die sich da am Handlauf tummeln. „Mami, ich glaube das sind Kröten, Schildkröten, Eidechsen und Schlangen“, sagt er: „Und ich glaube, die kämpfen miteinander.“ Ja, erkläre ich ihm, da hast du Recht, das tun sie. „Die Kröten und Schlangen gelten als Symbol für das Böse, die Eidechsen und Schildkröten verkörpern das Gute.“ „Da kämpft also Gut gegen Böse“, sagt Tobias: „So wie immer im Leben.“
Wir gehen weiter. Besonders angetan haben es Tobias die unzähligen Figuren, die da auf jeder Säule stehen und in den Dom hinunterblicken. Den einen oder anderen Heiligen erkennt er sogar.
Der hl. Christophorus, der das Jesuskind auf den Schultern trägt, etwa springt ihm ins Auge oder der hl. Georg mit dem Drachen. Jede Säule wird einzeln und mit konzentriertem Blick betrachtet. „So viele Heiligenfiguren in einer Kirche“, ist er fasziniert.
Aber nicht nur die Heiligenfiguren auf den Säulen fallen meinem Kind ins Auge. Auch eine große Figur und ein Bild in der Mitte der Kirche: Der Heilige Klemens Maria Hofbauer, der Stadtpatron von Wien, ist meinem Kind bisher gänzlich fremd gewesen.
Ebenso die selige Hildegard Burjan, die ihn besonders fasziniert, weil ihre Lebenszeit noch gar nicht so lange her ist.
Ganz vorne in der ersten Reihe der Kirchenbänke setzt mein Sohn sich hin, schaut mit großen Augen nach oben, dreht sich auf seinem Sitzplatz, um zu sehen, welcher Blick sich ihm hinter seinem Rücken bietet. „Was für ein wunderschönes Fenster – da hinter der Orgel“, freut er sich: „Das leuchtet so richtig.“
Einen Wunsch äußert mein Kind während unserer Domerkundung. Er möchte hinauf zur Pummerin – schließlich hat ihm der Opa gerade erst vor ein paar Tagen ein Foto von der Ankunft der neuen Pummerin 1952 in Wien gezeigt. Ein Lift bringt uns hinauf in den Nordturm.
Als sich die Lifttüren öffnen bietet sich uns ein einzigartiger Blick auf das bunte Dach des Stephansdomes und die Stadt. „Zum Greifen nahe“, sagt Tobias mit Blick auf die Schindeln: „Ich mag das, dass das Dach so bunt ist, nicht nur in einer Farbe. Das sieht so fröhlich und leicht aus.“
Ganz im Gegensatz zur Glocke. „Die hab ich mir ja viel kleiner vorgestellt“, staunt mein Kind: „Da muss ja der ganze Turm wackeln, wenn die geschlagen wird.“ Zu Silvester wird er heuer ganz anders auf das Geläut der Pummerin hören, versichert er mir, aber nicht nur das: „Mami, wir müssen bald wieder hierherkommen, wir haben ja noch nicht einmal die Hälfte gesehen.“
Wo er Recht hat, hat er Recht. Der Stephansdom ist auch für Kinder ein ganz besonderes Erlebnis. Vor einigen Jahren wurde sogar ein Audioguide eigens für Kinder entwickelt, der mit spannenden Geschichten durch den Stephansdom führt.
Den Text für den Audioguide hat Kinderbuchautor Thomas Brezina geschrieben und gemeinsam mit Dompfarrer Toni Faber und anderen Prominenten eingesprochen.
Allen Stephansdominteressierten sei außerdem das Buch „Ein Haus voller Zeichen und Wunder“ wärmstens ans Herz gelegt. Die ehemalige Diözesan-archivarin Annemarie Fenzl erzählt darin mit viel Sachwissen und Liebe zum Detail aus der Geschichte des Domes.
Lene Mayer-Skumanz liefert wunderbare Sagenerzählungen und Annett Stolarski sorgt für die ansprechende Bebilderung und die eine oder andere humorvolle Comic-zeichnung.
Das Buch eignet sich nebenbei bemerkt auch durchwegs als Reiseführer „vor Ort“.