Geburt Jesu - Relief an der Casa Santa in Loreto von Bernini
Geburt Jesu - Relief an der Casa Santa in Loreto von Bernini
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Hl. Abend.
Man muss es wirklich suchen, um es zu finden: Bethlehem, dieses damals kleine Dorf in einem kleinen Land ohne große Bedeutung im riesigen Römischen Reich. Nicht in einem der wenigen vornehmen Häuser in Bethlehem, auch nicht im Gasthaus, in der Herberge, sondern in einem Stall, und dort nicht in einem schönen Bett, einer Wiege, sondern in der Futterkrippe des Viehs. Dort ist ein neugeborenes Kind armer Eltern zu finden. Wer käme auf die Idee, an diesem Ort den zu suchen, auf den die Menschen seit Generationen gewartet haben, den verheißenen Immanuel, dessen Name „Gott mit uns“ bedeutet? Hat Gott sich so gut versteckt, dass man ihn kaum finden kann?
Dazu eine berührende Geschichte, die Elie Wiesel, der jüdische Schriftsteller und KZ-Überlebende, erzählt hat. Jeschiel, ein kleiner Bub, kommt weinend in das Zimmer seines Großvaters, eines berühmten Rabbiners. Was denn passiert sei, fragt ihn sein Großvater. Er und sein Freund haben Verstecken gespielt. „Ich habe ein so gutes Versteck gefunden, dass er mich nicht leicht finden konnte. Da hat er einfach aufgehört, mich zu suchen und ist weggegangen.“ Wie unfair, einfach das Spiel abzubrechen! Dem Großvater kommen selber Tränen in die Augen. Er sagt seinem Enkel: „Ja das ist sehr unschön. Und siehst du: Mit Gott ist es genauso. Er hat sich versteckt und wir schauen nicht nach ihm. Denk dir nur: Gott verbirgt sich und wir Menschen suchen ihn nicht einmal.“
Papst Benedikt zitiert diese Geschichte in einer Weihnachtspredigt. Ist es nicht genau das, was damals vor 2000 Jahren in Bethlehem geschehen ist: Gott hat sich ein unglaubliches Versteck ausgesucht: das Kind in der Krippe! Jesus, der Immanuel, der Gott mit uns!
Sie werden jetzt vielleicht protestieren und sagen: Es wird doch überall auf der Welt Weihnachten gefeiert! Die Weihnachtsmärkte boomen, das Weihnachtsgeschäft ist besser denn je! Und doch habe ich den Eindruck, dass wir alle ein wenig wie der Bub sind, der die Suche nach seinem gut versteckten Freund aufgegeben hat. Vom Christkind ist zwar noch die Rede, neben Weihnachtsmann und Elch und was es sonst an Figuren um dieses Fest gibt. Doch möchte ich es nicht beim Klagen über den Weihnachtsrummel belassen. Denn Weihnachten bedeutet doch viel mehr. Im Christuskind im Stall von Bethlehem ist Gott uns so nahegekommen wie nur irgendwie möglich. Er ist wirklich Mensch geworden und hört nicht auf, und zu suchen. Er gibt uns nicht auf!
Lukas 2,1-14
In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies war die erste Aufzeichnung; sie fand statt, als Quirinius Statthalter von Syrien war. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. Auch Josef machte sich von der Stadt Nazaret in Galiläa auf den Weg nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er stammte aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie und sie fürchteten sich sehr. Der Engel sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.