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29.10.2025
Die zehn Gebote

Die zehn Gebote – Eine Einleitung

Was sind die zehn Gebote? Wie werden sie gezählt? Sind es Gebote oder Verbote? Zehn Beobachtungen zum Einstieg.

Ein Kommentar von Oliver Achilles, von den Theologischen KursenUniversität Salzburg, Fachbereich Praktische Theologie, Moraltheologie und Spirituelle Theologie.

Der Herr sprach zu Mose: Komm herauf zu mir auf den Berg und bleib hier! Ich will dir die Steintafeln übergeben, die Weisung und die Gebote, die ich aufgeschrieben habe. Du sollst das Volk darin unterweisen. ( Ex 24,12 )

 

 

  1. In der hebräischen Bibel wird nicht von den »Zehn Geboten«, sondern von den »Zehn Worten« gesprochen. Der entsprechende griechische Ausdruck lautet »Dekalog«.
     
  2. Der Dekalog wird gleich zweimal überliefert: einmal als direkte Gottesrede am Berg Sinai (Ex 20) und einmal als von Mose übermittelte Gottesrede im Ostjordanland (Dtn 5). Beide Fassungen sind einander sehr ähnlich, stimmen aber nicht vollständig miteinander überein.
     
  3. Der Text nummeriert die Zehn Worte nicht - und so gibt es unter den Glaubensgemeinschaften unterschiedliche Zählweisen: Katholiken und Lutheraner zählen die Gebote anders als orthodoxe, reformierte oder anglikanische Christen und die jüdische Tradition kennt ebenfalls ihre eigene Zählung.
     
  4. Wir sind es gewohnt, die zehn Worte als eine Sammlung von Verboten zu betrachten. Nach einem alten Witz kommt Mose vom Berg Sinai und sagt den Israeliten: » Die gute Nachricht ist: ich konnte ihn auf zehn Gebote herunter handeln. Die schlechte Nachricht ist: Ehebruch ist immer noch dabei.« Doch die hebräische Formulierung des Dekalogs zeigt ein ganz anderes Bild. Hier wird nicht einfach gesagt: »Tu das nicht!« Wörtlich übersetzt steht dort: »Das wirst du nicht tun!«
     
  5. Für dieses Verhalten gibt es eine Begründung - der Dekalog wird von Gott nicht einfach so befohlen. Seine Einleitung ist zentral für sein Verständnis: »Ich bin JHWH, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, dem Sklavenhaus, herausgeführt habe.« (Ex 20,2/Dtn 5,6). Zuerst hat Israel die Erfahrung der Befreiung gemacht - dann erst kommen die Worte und Gebote des Herren. Jetzt wird auch ihre oben genannte hebräische Formulierung verständlich: Weil Israel erfahren hat, wie JHWH rettet und befreit, wird es ihm unmöglich sein, sich einem anderen Gott zuzuwenden. Diese Gottesrede ist keine Einschränkungen der menschlichen Freiheit, sie dient ihrer Bewahrung.
     
  6. Diese Einleitung macht außerdem deutlich: Ich muss die Geschichte Israels kennen, um zu verstehen, wovon im Dekalog überhaupt gesprochen wird. Ohne diese Einbettung bleiben die Worte letztlich unverständlich.
     
  7. Der Dekalog ist keine Zusammenfassung der Tora - der fünf Bücher Mose oder eine Art Inhaltsangabe des Alten Testamentes. So kommen die laut Jesus wichtigsten Gebote der Tora - die Gottes- und Nächstenliebe (Mk 12,29ff.) im Dekalog gar nicht vor, sie finden sich aber in Lev 19,18 und Dtn 6,5. Auch die zentralen Bestimmungen der Tora, die nach Jesus Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue sind (Mt 23,23), werden hier nicht erschöpfend dargestellt.
     
  8. Was den Dekalog so wichtig macht, ist seine Charakterisierung als direkte Gottesrede: »Und Gott redete alle diese Worte und sprach« (Ex 20,1; vgl. Mt 15,4; Jak 2,11) Gleichzeitig ist er der Auftakt der göttlichen Offenbarung am Sinai.
     
  9. Von der biblischen Erzählung her gesehen, ist Mose der erste Empfänger des Dekalogs, da das Volk aus Furcht bei der Offenbarung abseits stand (Ex 20,18-19; Dtn 4,11-12; Hebr 12,18-19). In Dtn 5 erfährt die neue Generation Israels, die in das verheißene Land einziehen wird, durch Mose den Inhalt des Dekalogs. Damit ist von Anfang an deutlich gemacht, dass die Weitergabe dieser Worte an die nächste Generation notwendig ist. Mit seiner aktualisierenden Wiedergabe des Dekalogs aus Ex 20 in Dtn 5 beginnt Mose außerdem seine Auslegung der Tora.
     
  10. Dieser mosaischen Auslegung entspricht im Neuen Testament die Auslegung der Tora durch Jesus Christus, wie sie vor allem in der Bergpredigt auf uns gekommen ist. Dort steht ganz und gar nicht ihrer Aufhebung (Mt 5,17 ff; Lk 16,17), sondern die Interpretation der Tora im Kontext der Verkündigung der angebrochenen Gottes Herrschaft auf dem Programm. Der Dekalog wird dabei von Jesus als authentischer Ausdruck des Gotteswillens verstanden (Mk 10,17 ff.), ohne damit die anderen Gebote abzuwerten (Mk 12,28 ff.). Entscheidend ist die Aussage des Herrn: »Tu das, und du wirst leben« (Lk 10,28).
     

 

 

Weiterführende Literatur zu den 10 Geboten
  • Auer, Alfons, Fünftes Gebot: Du sollst nicht töten! in: Wilhelm Sandfuchs (Hg.): Die 10 Gebote (Elf Beiträge zu den Zehn Geboten), Würzburg: Echter 1976, 65–80.
  • Bader, Erwin, 10 Gebote reloaded: Wegweiser zum geglückten Leben, Wien: Goldegg 2010.
  • Crüsemann, Frank, Bewahrung der Freiheit: Das Thema des Dekalogs in sozialgeschichtlicher Perspektive, München: Kaiser 1983.
  • Drewermann, E., Die Zehn Gebote, Zwischen Weisung und Weisheit. Gespräche mit Richard Schneider, Ostfildern: Patmos 2010.
  • Ernst, Stephan, Grundfragen theologischer Ethik. Eine Einführung, München: Kösel 2009.
  • Christian Frevel (Hg.), Mehr als Zehn Worte? Zur Bedeutung des Alten Testaments in ethischen Fragen, (QD 273), 2015.
  • Flierl, Alexander: Die (Un)Moral der Alltagslüge. Wahrheit und Lüge im Alltagsethos aus Sicht der katholischen Moraltheologie, Münster: LIT-Verlag 2005.
  • Grün, Anselm, Die Zehn Gebote: Wegweiser in die Freiheit, München DTV 2009.
  • Jünemann, E., Die Zehn Gebote – Orientierung für gerechte Strukturen, Paderborn: Bonifatius 2009.
  • KEK = Katholischer Erwachsenen-Katechismus, 2. Leben aus dem Glauben, Freiburg: Herder 1995.
  • KKK = Katechismus der Katholischen Kirche, Neuübersetzung aufgrund der editio typica latina, München: Oldenbourg 2005, Nrn. 2052–2557.
  • Köckert, Matthias, Die zehn Gebote, München: Beck Wissen 22013.
  • Papst Franziskus: Enzyklika Amoris Laetitia (19. März 2016).
  • Pesch, Otto Hermann, Die Zehn Gebote, Kevelaer: Topos Plus 2011.
  • Schockenhoff, Eberhard, Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf, Freiburg: Herder 2007.
  • Schüngel-Straumann, Helene, Der Dekalog – Gottes Gebote?, Stuttgart: Kath. Bibelwerk 21980.
  • Staubli, Thomas/Schroer, Silvia, Menschenbilder der Bibel, Ostfildern: Patmos 2014.
  • Steffensky, Fulbert, Die Zehn Gebote. Anweisungen für das Land der Freiheit, Stuttgart: Radius 2013.
  • Suttner, Bernhard, G., Die 10 Gebote. Eine Ethik für den Alltag im 21. Jahrhundert, Murnau: Mankau 2009.
  • Weber, Helmut: Allgemeine Moraltheologie. Ruf und Antwort, Graz: Styria 1991.

 

Unterschiede in der Zählweise der zehn Gebote

Grafik erstellt von Oliver Achilles © THEOLOGISCHE KURSE & Universität Salzburg, Fachbereich Praktische Theologie, Moraltheologie und Spirituelle Theologie

Mag. Oliver AchillesÜber den Autor:

Mag. Oliver Achilles hat in Bonn, Tübingen und Wien Katholische Theologie studiert und war fast 20 Jahre lang als Pastoral- und Pfarrassistent in der Erzdiözese Wien tätig. Seit 2008 ist er als wissenschaftlicher Assistent bei den Theologischen Kursen tätig und lehrt Altes und Neues Testament. Als Bibliker geht es ihm um eine Auslegung der Heiligen Schrift "die Gottes würdig ist" (Origenes) - und die sich im Leben bewähren kann.

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