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29.10.2025
Die zehn Gebote

3. Gebot: Du sollst den Tag des Herrn heiligen

Ein Kommentar von Ingrid Fischer (Theologische KurseUniversität Salzburg, Fachbereich Praktische Theologie, Moraltheologie und Spirituelle Theologie) zum dritten Gebot: „Gedenke des Schabbat-Tages, um ihn zu heiligen!“ 

Vom dritten Gebot gibt es im Alten Testament zwei Überlieferungen (Ex 20,8; Dtn 5,12); die Christen haben ihm eine weitere, neue Deutung gegeben.

 

Im Buch Exodus wird der „ausgesonderte“ Tag mit der Ruhe Gottes „am siebten Tag“ (= Sabbat/Samstag) nach vollbrachtem Schöpfungswerk begründet; im Buch Deuteronomium mit der Befreiung Israels aus der Knechtschaft in Ägypten, das deshalb auch allen anderen Geschöpfen an diesem Tag „Freiheit“ gewährt: den Sklaven, den Fremden, ja selbst dem Vieh. Hält Israel die Sabbat-Ruhe, so handelt es „wie Gott“ – darin stimmen beide Texte ebenso überein wie in ihrer Schutzabsicht:

Die Schöpfung wird vor Ausbeutung bewahrt und der Mensch vor Verknechtung in ungerechten Herrschaftsverhältnissen. In Israel ist der Sabbat also ein häuslicher Fest- und Ruhetag, an dem alle Kreatur das von Gott gewollte Heil erfährt.

 

Jesus achtet den Sabbat – erst recht, wenn er an diesem Tag Menschen von der Last ihrer Krankheit befreit: Provokant daran ist weniger die „ärztliche“ Tätigkeit als die überdeutliche Sinnerfüllung dieses „heilsamen“ Tages in der Person Jesu: Wo er ist, ist heile Existenz, ist „Sabbat“.

 

Nicht Ruhe sondern Schutz

An einem „ersten Tag der Woche“ (= Sonntag) hingegen finden die Frauen das Grab Jesu leer, und so wird dieser der Kirche zum „Herrentag“, an dem sie das Gedächtnismahl Jesu begeht. Nicht Ruhe oder Schutz ist hier das wichtigste Motiv, sondern die zweifache Teilhabe am „Leib Christi“: in der Versammlung der Gläubigen und im gebrochenen Brot/geteilten Kelch (vgl. 1 Kor 12,27; 1 Kor 10,16). Als „Achter Tag“ verweist er auf die endzeitliche Wiederherstellung der anfänglich guten Schöpfung. Der christliche Sonntag ist daher primär Tag der liturgischen Versammlung der Erlösten.

 

Gebot der Sonntagsruhe

Im 4. Jh. gibt Kaiser Konstantin den Getauften im römischen Reich am Vormittag Gelegenheit zur Teilnahme am Gottesdienst; das Gebot der Sonntagsruhe schließlich macht den Sonntag zum öffentlichen Feiertag. Die früher sinnbildlich verstandene „sabbatliche“ Freiheit der Christen von der Sünde und für das „nahe“ Reich Gottes konkretisiert sich zum arbeitsfreien Sonntag.

 

So beschreibt auch die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, wodurch der Sonntag sich auszeichnet: Am Auferstehungstag Christi – Achter Tag, Tag des Herrn oder Herrentag genannt – müssen die Christgläubigen in der gottesdienstlichen Versammlung das Wort Gottes hören und Eucharistie feiern. Zudem soll dieser Ur-Feiertag auch ein Tag der Freude und der Muße werden (vgl. SC 106).

 

Wir wird nun der Tag des Herrn „geheiligt“?

Das biblische Gebot will den Menschen das Dasein des guten Anfangs („Schöpfung“) gönnen: (wie Gott) voll Freude über das getane Wochenwerk zu ruhen; zugleich (wie Gott) einander aus jedweder Unterdrückung zu befreien und diese Freiheit zu schützen um für immer ins verheißene „Land seiner Ruhe“ einzugehen (= in der Gegenwart Gottes zu leben).

 

„Vor Gottes Angesicht“ lädt auch das kirchliche Gebot, nämlich in die Versammlung derer, die zum Herrn gehören und gemeinsam „Leib Christi“ (= Kirche) sind. Sie feiern im Herrenmahl die endgültige Befreiung aller Geschöpfe aus der tödlichen Gott-Ferne durch Christi Tod und Auferstehung („Erlösung“), wodurch ihre neue Existenz des guten Endes („Vollendung“) schon hier und jetzt angefangen hat.

 

 

Weiterführende Literatur zu den 10 Geboten
  • Auer, Alfons, Fünftes Gebot: Du sollst nicht töten! in: Wilhelm Sandfuchs (Hg.): Die 10 Gebote (Elf Beiträge zu den Zehn Geboten), Würzburg: Echter 1976, 65–80.
  • Bader, Erwin, 10 Gebote reloaded: Wegweiser zum geglückten Leben, Wien: Goldegg 2010.
  • Crüsemann, Frank, Bewahrung der Freiheit: Das Thema des Dekalogs in sozialgeschichtlicher Perspektive, München: Kaiser 1983.
  • Drewermann, E., Die Zehn Gebote, Zwischen Weisung und Weisheit. Gespräche mit Richard Schneider, Ostfildern: Patmos 2010.
  • Ernst, Stephan, Grundfragen theologischer Ethik. Eine Einführung, München: Kösel 2009.
  • Christian Frevel (Hg.), Mehr als Zehn Worte? Zur Bedeutung des Alten Testaments in ethischen Fragen, (QD 273), 2015.
  • Flierl, Alexander: Die (Un)Moral der Alltagslüge. Wahrheit und Lüge im Alltagsethos aus Sicht der katholischen Moraltheologie, Münster: LIT-Verlag 2005.
  • Grün, Anselm, Die Zehn Gebote: Wegweiser in die Freiheit, München DTV 2009.
  • Jünemann, E., Die Zehn Gebote – Orientierung für gerechte Strukturen, Paderborn: Bonifatius 2009.
  • KEK = Katholischer Erwachsenen-Katechismus, 2. Leben aus dem Glauben, Freiburg: Herder 1995.
  • KKK = Katechismus der Katholischen Kirche, Neuübersetzung aufgrund der editio typica latina, München: Oldenbourg 2005, Nrn. 2052–2557.
  • Köckert, Matthias, Die zehn Gebote, München: Beck Wissen 22013.
  • Papst Franziskus: Enzyklika Amoris Laetitia (19. März 2016).
  • Pesch, Otto Hermann, Die Zehn Gebote, Kevelaer: Topos Plus 2011.
  • Schockenhoff, Eberhard, Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf, Freiburg: Herder 2007.
  • Schüngel-Straumann, Helene, Der Dekalog – Gottes Gebote?, Stuttgart: Kath. Bibelwerk 21980.
  • Staubli, Thomas/Schroer, Silvia, Menschenbilder der Bibel, Ostfildern: Patmos 2014.
  • Steffensky, Fulbert, Die Zehn Gebote. Anweisungen für das Land der Freiheit, Stuttgart: Radius 2013.
  • Suttner, Bernhard, G., Die 10 Gebote. Eine Ethik für den Alltag im 21. Jahrhundert, Murnau: Mankau 2009.
  • Weber, Helmut: Allgemeine Moraltheologie. Ruf und Antwort, Graz: Styria 1991.

Mag. DDr. Ingrid FischerÜber die Autorin:

Mag. DDr. Ingrid Fischer hat in Wien zunächst Psychologie und Humanbiologie studiert (Promotion 1984) sowie  nach mehrjähriger Kinderbetreuungszeit das Theologiestudium (Liturgiewissenschaft) in Wien (Promotion sub auspiciis praesidentis 2012) abgeschlossen. Seit 2002 ist sie Wissenschaftliche Assistentin der Theologischen Kurse mit Schwerpunkt Liturgik und Kirchengeschichte. Ihr primäres Anliegen ist die für einen mündigen Glauben und eine ansprechende Feierkultur elementare theologische Erschließung liturgischer Ausdrucksformen in der Geschichte und Gegenwart.

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