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29.10.2025
Die zehn Gebote

6. Gebot: Du sollst nicht die Ehe brechen

Ein Kommentar von Stefan Heberl (Theologische KurseUniversität Salzburg, Fachbereich Praktische Theologie, Moraltheologie und Spirituelle Theologie) zum sechsten Gebot: „Du wirst nicht ehebrechen! Die Ehe ist kostbares Zeichen der Liebe.“

Dieses Gebot, überliefert in Ex 20,14 und Dtn 5,18, scheint auf den ersten Blick klar und unmissverständlich zu sein. Schnell wird ihm dann auch das katholische Eheverständnis zugrunde gelegt und damit ein sicheres Argument gegen Scheidung gefunden. Eines wird dabei jedoch übersehen: Die Zehn Gebote reagieren wie alle Regeln und Gesetze auf bestimmte gesellschaftliche Herausforderungen und sind Kinder ihrer Zeit. Um die ursprüngliche Intention des sechsten Gebotes zu klären, ist der Kontext seiner Entstehung zu betrachten.

 

Gesellschaftlicher Kontext

Aufschlussreich ist die Definition von Ehebruch in Dtn 22,22: „Wenn ein Mann dabei ertappt wird, wie er bei einer verheirateten Frau liegt, dann sollen beide sterben, der Mann, der bei der Frau gelegen hat, und die Frau.“ Die Frau ist des Ehebruchs schuldig, weil sie ihre Ehe gebrochen hat, der Mann, weil er in eine fremde Ehe eingebrochen ist. Hatte eine verheiratete Frau außerhalb ihrer Ehe Geschlechtsverkehr, war sie immer eine Ehebrecherin. Der verheiratete Mann hingegen beging nur dann Ehebruch, wenn er mit einer anderen verheirateten Frau verkehrte.

 

Diese uns ungerecht erscheinende Behandlung von Mann und Frau ist vor dem Hintergrund der patriarchalen Gesellschafts- und Familienordnung des Volkes Israel zu sehen. Da die Ehefrau im weitesten Sinne zum Besitz des Mannes gehörte, stellte der Ehebruch die Verletzung seiner Besitz- und Rechtssphäre dar. Darüber hinaus garantierte die sexuelle Treue der Ehefrau die Legitimität seiner Nachkommen. Das sechste Gebot stellt also in erster Linie eine Norm zum Schutz des Fortbestands des Stammes, der Sozialordnung und der Gerechtigkeitsvorstellung dar.

 

Das sechste Gebot ins Heute übersetzen

Da die Sozialordnung des Volkes Israel gänzlich verschieden von unserer ist, muss das Ehebruchsverbot heute immer wieder neu ins Heute übersetzt werden, damit es seine Relevanz nicht verliert. Die Tradition der Kirche hat mit diesem Verbot lange Zeit alles in Verbindung gebracht, was sich auf Sexualität bezog und sämtliche sexuellen Handlungen außerhalb der Ehe pauschal als Todsünde bewertet.

 

Eine solche Interpretation hält weder dem exegetischen Befund noch dem Ringen theologischer Ethik um eine differenzierte Bewertung stand.

 

Keiner Abwertung der Sexualität

In seinem ursprünglichen Wortlaut intendiert das 6. Gebot weder eine generelle Abwertung von Sexualität noch begründet es ein pauschales Verbot von Handlungen wie Masturbation, Pornographie, Prostitution, etc. Es eignet sich nicht einmal ohne weiteres zur Begründung der Unauflöslichkeit der Ehe, sondern setzt vielmehr ein Scheidungsrecht voraus, das es in Israel auch gab.

 

Respekt vor der Ehe anderer zu haben 

Die heutige Relevanz des Ehebruchsverbots liegt vielmehr im Schutz der Ehe als Gemeinschaft der treuen Liebe in einer gleichberechtigten Partnerschaft zwischen Mann und Frau.

 

Mit diesem Anliegen wendet es sich an zweierlei Adressaten: Zum einen mahnt es Außenstehende, Respekt vor der Ehe anderer zu haben und nicht in eine fremde Ehe einzudringen. Zum anderen ruft es den EhepartnerInnen selbst den Respekt vor der eigenen Ehe ins Gedächtnis und will davor bewahren, sie leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

 

Ehe ist kostbares Zeichen der Liebe

In einem Umfeld, in dem alles ständig verfügbar ist, bildet die Ehe einen Raum der Unverfügbarkeit. „Die Ehe ist ein kostbares Zeichen, denn wenn ein Mann und eine Frau das Sakrament der Ehe feiern, dann spiegelt Gott sich sozusagen in ihnen wieder, prägt in sie die eigenen Züge und den unauslöschlichen Charakter seiner Liebe ein", wie es Papst Franziskus in seinem Schreiben "Amoris Laetitia" von 2016 formuliert hat. An der Ehe zwischen Mann und Frau kann die zärtliche Liebe Gottes für die Menschen sichtbar werden.

 

Können Menschen lieben wie Gott?

Angesichts solch großer Worte drängt sich die Frage auf: Ist das nicht eine Überforderung des Menschen? Können Menschen überhaupt lieben wie Gott? Der Mensch ist zwar Abbild Gottes (vgl. Gen 1,27), der die Liebe und Treue ist, aber eben nicht das Urbild.

 

Menschsein bedeutet unvollkommen zu sein und scheitern zu können – auch in der Ehe. Das Gegenteil von „menschlich“ wäre „perfekt“. Im Bewusstsein dessen ringen der Papst, die Bischöfe und ihre theologischen BeraterInnen derzeit um eine menschliche Lösung für die sog. wiederverheirateten Geschiedenen, d. h. Menschen, die ihre sakramentale Ehe als gescheitert betrachten und eine neue Verbindung zu einem anderen Partner eingegangen sind, aus der sich ebenfalls Verpflichtungen ergeben.

 

Sie – wie bisher – vom Sakrament der Eucharistie auszuschließen, erscheint unter Berufung auf Jesus und seine Zuwendung zu den Menschen als theologisch sehr fragwürdig. Die christliche Ehe ist ein Ideal, zu dem die EhepartnerInnen gemeinsam unterwegs sind, das sechste Gebot der Wegweiser dorthin und die Liebe und Treue Gottes die Motivation, diesen Weg zu gehen.

 

Weiterführende Literatur zu den 10 Geboten
  • Auer, Alfons, Fünftes Gebot: Du sollst nicht töten! in: Wilhelm Sandfuchs (Hg.): Die 10 Gebote (Elf Beiträge zu den Zehn Geboten), Würzburg: Echter 1976, 65–80.
  • Bader, Erwin, 10 Gebote reloaded: Wegweiser zum geglückten Leben, Wien: Goldegg 2010.
  • Crüsemann, Frank, Bewahrung der Freiheit: Das Thema des Dekalogs in sozialgeschichtlicher Perspektive, München: Kaiser 1983.
  • Drewermann, E., Die Zehn Gebote, Zwischen Weisung und Weisheit. Gespräche mit Richard Schneider, Ostfildern: Patmos 2010.
  • Ernst, Stephan, Grundfragen theologischer Ethik. Eine Einführung, München: Kösel 2009.
  • Christian Frevel (Hg.), Mehr als Zehn Worte? Zur Bedeutung des Alten Testaments in ethischen Fragen, (QD 273), 2015.
  • Flierl, Alexander: Die (Un)Moral der Alltagslüge. Wahrheit und Lüge im Alltagsethos aus Sicht der katholischen Moraltheologie, Münster: LIT-Verlag 2005.
  • Grün, Anselm, Die Zehn Gebote: Wegweiser in die Freiheit, München DTV 2009.
  • Jünemann, E., Die Zehn Gebote – Orientierung für gerechte Strukturen, Paderborn: Bonifatius 2009.
  • KEK = Katholischer Erwachsenen-Katechismus, 2. Leben aus dem Glauben, Freiburg: Herder 1995.
  • KKK = Katechismus der Katholischen Kirche, Neuübersetzung aufgrund der editio typica latina, München: Oldenbourg 2005, Nrn. 2052–2557.
  • Köckert, Matthias, Die zehn Gebote, München: Beck Wissen 22013.
  • Papst Franziskus: Enzyklika Amoris Laetitia (19. März 2016).
  • Pesch, Otto Hermann, Die Zehn Gebote, Kevelaer: Topos Plus 2011.
  • Schockenhoff, Eberhard, Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf, Freiburg: Herder 2007.
  • Schüngel-Straumann, Helene, Der Dekalog – Gottes Gebote?, Stuttgart: Kath. Bibelwerk 21980.
  • Staubli, Thomas/Schroer, Silvia, Menschenbilder der Bibel, Ostfildern: Patmos 2014.
  • Steffensky, Fulbert, Die Zehn Gebote. Anweisungen für das Land der Freiheit, Stuttgart: Radius 2013.
  • Suttner, Bernhard, G., Die 10 Gebote. Eine Ethik für den Alltag im 21. Jahrhundert, Murnau: Mankau 2009.
  • Weber, Helmut: Allgemeine Moraltheologie. Ruf und Antwort, Graz: Styria 1991.

Mag. Theol. Stefan HeberlÜber den Autor:

Stefan Heberl, Theologische KurseUniversität Salzburg, Fachbereich Praktische Theologie, Moraltheologie und Spirituelle Theologie.

 

 

 

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