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29.10.2025
Die zehn Gebote

2. Gebot: Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren

Ein Kommentar von Oliver Achilles (Theologische KurseUniversität Salzburg, Fachbereich Praktische Theologie, Moraltheologie und Spirituelle Theologie) zum zweiten Gebot: „Du sollst den Namen JHWHs, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn JHWH lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht.“ (Ex 20,7/Dtn 5,11)

Historisch gesehen liegt der Ursprung dieses Gebotes im kultisch-rechtlichen Bereich. So beantwortet Gott in Ps 24,4 die Frage, wer seinen Heiligen Berg betreten darf: »Derjenige der nicht meine Lebenskraft zu Rechtsbetrug nutzt und nicht betrügerisch schwört.« Was der Alttestamentler Eckart Otto hier als »zum Rechtsbetrug nutzen« übersetzt hat, ist dasselbe hebräische Verb, das auch im zweiten Gebot gebraucht wird. Der HERR soll nicht zum Zeugen einer Falschaussage gemacht werden, die insbesondere im Rechtsstreit schlimme Folgen haben kann.

 

Geheiligt werde Dein Name

Jesus greift dieses Gebot in seiner Verkündigung auf und legt es radikal aus: Er verbietet das Schwören überhaupt – er erlaubt nicht einmal, an Stelle des Gottes Namens einen anderen Ausdruck einzusetzen, der ein Gott zum Zeugen anrufen ermöglichen könnte (Mt 5,33-37; Jak 5,12). Dieses Verbot ist Ausdruck der Haltung Jesu, die in der ersten Bitte im Vaterunser deutlich wird: »Geheiligt werde Dein Name« (Mt 6,15; Lk 11,15)

 

Der Namen, der geheiligt werden soll, ist im biblischen Kontext das bekannte »Tetragramm« (gr. = aus vier Buchstaben geschrieben) JHWH. Mose erfährt am brennenden Dornbusch: »das ist meinen Namen in Ewigkeit« (Ex 3, 15). Um der Heiligung dieses Namens willen und aus Ehrfurcht wählte die jüdische Tradition einen ähnlichen Weg wie Jesus mit seinem Schwurverbot: der Namen wird nicht ausgesprochen, sondern an seiner Stelle adonaj (= Herr) bzw. haschem (= der Namen) gesagt. Das Christentum übernahm diesen Brauch und verwendete den griechischen Ausdruck kyrios bzw. das lateinische Äquivalent dominus. Beide Worten bedeuten »Herr«.

 

Ältesten Zeugnisse für die Verehrung des Heiligen Namens Gottes

Bereits in den Handschriften der Bibel findet sich im Alten wie im Neuen Testament der Brauch, das Tetragramm bzw. den Ausdruck Kyrios besonders hervorzuheben. Man spricht in diesem Zusammenhang von den nomina sacra – den heiligen Namen. Sie sind, entsprechende dem Alter der Handschriften, eines der ältesten Zeugnisse für die Verehrung des Heiligen Namens Gottes.

 

Ungebrochene Aktualität dieses Gebotes

In unserer Zeit, in der nicht nur sehr viele Menschen das Wort »Gott« vollkommen gedankenlos verwenden, sondern sogar entsetzliche Verbrechen »in Namen Gottes« begangen werden, zeigt sich die ungebrochene Aktualität dieses Gebotes. Der 1878 in Wien geborene jüdische Gelehrte Martin Buber hat das 1923 so zum Ausdruck gebracht, als er über das Wort »Gott« schrieb:

 

"Ja", sagte ich, "es ist das beladenste aller Menschenworte. Keins ist so besudelt, so zerfetzt worden. (...) Die Geschlechter der Menschen mit ihren Religionsparteiungen haben das Wort zerrissen; sie haben dafür getötet und sind dafür gestorben; es trägt ihrer aller Fingerspur und ihrer aller Blut. (...) Wir können das Wort 'Gott' nicht reinwaschen, und wir können es nicht ganzmachen; aber wir können es, befleckt und zerfetzt wie es ist, vom Boden erheben und aufrichten über einer Stunde großer Sorge." (Gottesfinsternis, S. 508 f.)

 

Weiterführende Literatur zu den 10 Geboten
  • Auer, Alfons, Fünftes Gebot: Du sollst nicht töten! in: Wilhelm Sandfuchs (Hg.): Die 10 Gebote (Elf Beiträge zu den Zehn Geboten), Würzburg: Echter 1976, 65–80.
  • Bader, Erwin, 10 Gebote reloaded: Wegweiser zum geglückten Leben, Wien: Goldegg 2010.
  • Crüsemann, Frank, Bewahrung der Freiheit: Das Thema des Dekalogs in sozialgeschichtlicher Perspektive, München: Kaiser 1983.
  • Drewermann, E., Die Zehn Gebote, Zwischen Weisung und Weisheit. Gespräche mit Richard Schneider, Ostfildern: Patmos 2010.
  • Ernst, Stephan, Grundfragen theologischer Ethik. Eine Einführung, München: Kösel 2009.
  • Christian Frevel (Hg.), Mehr als Zehn Worte? Zur Bedeutung des Alten Testaments in ethischen Fragen, (QD 273), 2015.
  • Flierl, Alexander: Die (Un)Moral der Alltagslüge. Wahrheit und Lüge im Alltagsethos aus Sicht der katholischen Moraltheologie, Münster: LIT-Verlag 2005.
  • Grün, Anselm, Die Zehn Gebote: Wegweiser in die Freiheit, München DTV 2009.
  • Jünemann, E., Die Zehn Gebote – Orientierung für gerechte Strukturen, Paderborn: Bonifatius 2009.
  • KEK = Katholischer Erwachsenen-Katechismus, 2. Leben aus dem Glauben, Freiburg: Herder 1995.
  • KKK = Katechismus der Katholischen Kirche, Neuübersetzung aufgrund der editio typica latina, München: Oldenbourg 2005, Nrn. 2052–2557.
  • Köckert, Matthias, Die zehn Gebote, München: Beck Wissen 22013.
  • Papst Franziskus: Enzyklika Amoris Laetitia (19. März 2016).
  • Pesch, Otto Hermann, Die Zehn Gebote, Kevelaer: Topos Plus 2011.
  • Schockenhoff, Eberhard, Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf, Freiburg: Herder 2007.
  • Schüngel-Straumann, Helene, Der Dekalog – Gottes Gebote?, Stuttgart: Kath. Bibelwerk 21980.
  • Staubli, Thomas/Schroer, Silvia, Menschenbilder der Bibel, Ostfildern: Patmos 2014.
  • Steffensky, Fulbert, Die Zehn Gebote. Anweisungen für das Land der Freiheit, Stuttgart: Radius 2013.
  • Suttner, Bernhard, G., Die 10 Gebote. Eine Ethik für den Alltag im 21. Jahrhundert, Murnau: Mankau 2009.
  • Weber, Helmut: Allgemeine Moraltheologie. Ruf und Antwort, Graz: Styria 1991.

Mag. Oliver AchillesÜber den Autor:

Mag. Oliver Achilles hat in Bonn, Tübingen und Wien Katholische Theologie studiert und war fast 20 Jahre lang als Pastoral- und Pfarrassistent in der Erzdiözese Wien tätig. Seit 2008 ist er als wissenschaftlicher Assistent bei den Theologischen Kursen tätig und lehrt Altes und Neues Testament. Als Bibliker geht es ihm um eine Auslegung der Heiligen Schrift "die Gottes würdig ist" (Origenes) - und die sich im Leben bewähren kann.

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