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Liebespaar hält sich die Hände
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29.10.2025
Die zehn Gebote

9. und 10. Gebot: Begehren

Ein Kommentar von Julia Feldbauer (Theologische KurseUniversität Salzburg, Fachbereich Praktische Theologie, Moraltheologie und Spirituelle Theologie) zum neunten und zehnten Gebot: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau.“ und „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut.“

Das neunte Gebot „Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen!“ ist das sogenannte Begehrensverbot und gehörte formal bis zur Trennung durch Augustinus mit dem zehnten Gebot „Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen“ zusammen.

 

In der Bibel ist das Gebot in zwei verschiedenen Fassungen in Dtn 5, 21 und Ex 20, 17 zu finden, wobei exegetisch umstritten ist, welche der beiden Versionen die ältere Fassung ist.

 

Frau und Besitz

In der Exodus-Fassung wird das Haus an erster Stelle genannt und danach erst die Frau als Teil des Besitzes, der zum „Haus“ gehört. Im Gegensatz dazu zieht die Deuteronomium-Fassung die Frau vor und trennt sie vom Haus, dem Besitz des Mannes, ab. Sie erhält damit eine Sonderstellung, was auf eine Entwicklung und Verbesserung der sozialen Stellung der Frau innerhalb des patriarchalen Ethos des Alten Testaments hinweisen könnte.

 

Als weiterer Unterschied zwischen Exodus und Deuteronomium sind die beiden unterschiedlichen Verben „chamad“ und „awah“ im hebräischen Original zu nennen. Für „chamad“ gibt es unterschiedliche Übersetzungsmöglichkeiten wie „begehren“ und „verlangen“. Es beschreibt nicht nur das Begehren in Gedanken, sondern auch die Tat an sich, die der innerlichen Vorbereitung einer Handlung auf dem Fuß folgt. Im Gegensatz dazu bezeichnet „awah“ in der Deuteronomium-Fassung eher ein inneres Streben.

 

Unterschied zum siebten Gebot

Das Gebot unterscheidet sich also vom Diebstahlsverbot in dem Sinn, dass nicht nur das tatsächliche Stehlen, sondern bereits der Gedanke, das innere Verlangen verboten ist. Außerdem kann es als eine Erweiterung des Ehebruchverbotes gesehen werden, da alle Bestrebungen, die Frau eines anderen zu erobern, untersagt sind.

 

Die beiden Begehrensverbote bezeugen, wie gut das Alte Testament den Menschen und seine Psyche kennt: Handlungen bereiten sich normalerweise in Herz und Kopf von Menschen vor und „fallen nicht einfach vom Himmel“. Beide Gebote können also als Aufforderung verstanden werden, sich den eigenen Wünschen und Gedanken ehrlich und selbstkritisch zu stellen und manch innere Aufräumarbeit zu leisten.

 

Keine Überforderung

Ganz sicher will weder das neunte noch das zehnte Gebot Menschen überfordern im Sinne von: "Erlaube Dir keine Träume und keine Emotion!" Der Wunsch nach einem erfüllten Leben, selbst die Sehnsucht nach der Traumfrau oder dem Traummann ist legitim. Doch gilt es, mit solchen Wünschen und den damit verbundenen Emotionen verantwortlich umzugehen und sie nicht einfach unreflektiert auf Kosten anderer auszuleben. Wie alle Gebote unterstreichen das neunte und zehnte Gebot die Notwendigkeit, den Mitmenschen in seiner Würde immer im Blick zu behalten - auch wenn starke Begehrlichkeiten im Spiel sind.

 

Appell die Sphäre der Mitmenschen zu achten

Das neunte und das zehnte Gebot wiederholen das vorher bereits Gesagte und setzen es als bekannt voraus. Doch etwas theoretisch zu wissen ist etwas anderes als es auch in der Praxis zu tun oder zu lassen. Beide Gebote appellieren und mahnen, die Sphäre des Mitmenschen auch gedanklich zu achten und zu schützen. Theologische Ethik spricht hier von "Paränese", Ermahnung an die innere Gesinnung von Menschen. Menschen und ihre Beziehungen sind nicht nur in der Tat, sondern auch in Gedanken zu respektieren.

 

Weiterführende Literatur zu den 10 Geboten
  • Auer, Alfons, Fünftes Gebot: Du sollst nicht töten! in: Wilhelm Sandfuchs (Hg.): Die 10 Gebote (Elf Beiträge zu den Zehn Geboten), Würzburg: Echter 1976, 65–80.
  • Bader, Erwin, 10 Gebote reloaded: Wegweiser zum geglückten Leben, Wien: Goldegg 2010.
  • Crüsemann, Frank, Bewahrung der Freiheit: Das Thema des Dekalogs in sozialgeschichtlicher Perspektive, München: Kaiser 1983.
  • Drewermann, E., Die Zehn Gebote, Zwischen Weisung und Weisheit. Gespräche mit Richard Schneider, Ostfildern: Patmos 2010.
  • Ernst, Stephan, Grundfragen theologischer Ethik. Eine Einführung, München: Kösel 2009.
  • Christian Frevel (Hg.), Mehr als Zehn Worte? Zur Bedeutung des Alten Testaments in ethischen Fragen, (QD 273), 2015.
  • Flierl, Alexander: Die (Un)Moral der Alltagslüge. Wahrheit und Lüge im Alltagsethos aus Sicht der katholischen Moraltheologie, Münster: LIT-Verlag 2005.
  • Grün, Anselm, Die Zehn Gebote: Wegweiser in die Freiheit, München DTV 2009.
  • Jünemann, E., Die Zehn Gebote – Orientierung für gerechte Strukturen, Paderborn: Bonifatius 2009.
  • KEK = Katholischer Erwachsenen-Katechismus, 2. Leben aus dem Glauben, Freiburg: Herder 1995.
  • KKK = Katechismus der Katholischen Kirche, Neuübersetzung aufgrund der editio typica latina, München: Oldenbourg 2005, Nrn. 2052–2557.
  • Köckert, Matthias, Die zehn Gebote, München: Beck Wissen 22013.
  • Papst Franziskus: Enzyklika Amoris Laetitia (19. März 2016).
  • Pesch, Otto Hermann, Die Zehn Gebote, Kevelaer: Topos Plus 2011.
  • Schockenhoff, Eberhard, Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf, Freiburg: Herder 2007.
  • Schüngel-Straumann, Helene, Der Dekalog – Gottes Gebote?, Stuttgart: Kath. Bibelwerk 21980.
  • Staubli, Thomas/Schroer, Silvia, Menschenbilder der Bibel, Ostfildern: Patmos 2014.
  • Steffensky, Fulbert, Die Zehn Gebote. Anweisungen für das Land der Freiheit, Stuttgart: Radius 2013.
  • Suttner, Bernhard, G., Die 10 Gebote. Eine Ethik für den Alltag im 21. Jahrhundert, Murnau: Mankau 2009.
  • Weber, Helmut: Allgemeine Moraltheologie. Ruf und Antwort, Graz: Styria 1991.

Mag. Julia Feldbauer BEdÜber die Autorin:

Julia Feldbauer, Theologische KurseUniversität Salzburg, Fachbereich Praktische Theologie, Moraltheologie und Spirituelle Theologie.

 

 

 

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