Gewöhnlich wird das in der katholischen und lutherischen Zählweise erste Gebot auf diesen Satz beschränkt. Aber der biblische Text geht noch weiter: »Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld.« (Ex 20,4-6)
Fremdgötterverbot
Im orthodoxen, anglikanischen und reformierten Christentum wird dieser Passus als zwei Gebote gezählt: Fremdgötterverbot und Bilderverbot. Historisch gesehen stammt das Fremdgötterverbot aus einer Zeit, in der in Israel noch die Vorstellung eines Götter-Pantheons herrschte. Man spricht daher in diesem Zusammenhang noch nicht von Monotheismus, sondern von Monolatrie – also der Forderung nach der Verehrung eines einzigen Gottes, ohne die Existenz anderer Götter zu bestreiten (vgl. Mi 4,5)
Gleichzeitig ist zu beobachten, dass das Buch Deuteronomium seine heutige Gestalt in einer Zeit gefunden hat, in der sich der Monotheismus bereits durchgesetzt hatte. Unmittelbar vor dem Dekalog heißt es: »JHWH, er ist der Gott, keiner sonst außer ihm.« (Dtn 4,35) Was ist dann der theologische Sinn des Fremdgötterverbotes im Kontext des Monotheismus? Er hängt eng mit dem Bilderverbot zusammen. Menschliche Projektionen (»sich von Gott ein Bild machen«) sollen nicht dazu führen, das Wesen Gottes mit unseren begrenzten Vorstellungen über IHN zu verwechseln. Das Verbot, sich solchen (selbst gemachten!) Vorstellungen zu unterwerfen, dient wieder der Bewahrung der Freiheit – Unterdrückung und Gewalt im Namen Gottes wird so zurückgewiesen.
Symbolsprache
Dass Menschen sich gleichzeitig einer bildhaften Sprache bedienen müssen (»Gott ist wie ...«), um von Gott überhaupt etwas aussagen zu können, wird in der bildhaften Rede von der »Eifersucht« Gottes deutlich. Sie dürfte ursprünglich aus der prophetischen Verkündigung stammen. Der Prophet Hosea etwa verwendet das Bild der Ehe, um die Beziehung zwischen JHWH (Mann) und Israel (Frau) zu schildern (Hos 2,4-25). Es ist aber wichtig, sich bewußt zu machen, dass sich dabei um eine Symbolsprache handelt, deren Sinn erschlossen werden muss. Darum weiß auch das Hoseabuch, in dem JHWH sagt: »Denn ich bin Gott und kein Mann, der Heilige in deiner Mitte.« (Hos 11,9b) Die Rede von der Eifersucht will sagen, dass Gott leidenschaftlich an seinem Volk hängt und IHM das Verhalten und Ergehen Israels nicht gleichgültig sind.
Das Wort von der Verfolgung der Schuld an der dritten und vierten Generation wirkt zunächst bestürzend. Im Hintergrund steht die Realität, dass in einer Familie drei bis vier Generationen zusammenleben können. Welche destruktiven Verhaltensweisen werden von einer Generation auf die Nächste weitergegeben? Zu beachten ist, dass die Segenszusage hier ungleich höher ist, indem sie »Tausende« betrifft, nicht nur die Hausgemeinschaft.
| Weiterführende Literatur zu den 10 Geboten |
- Auer, Alfons, Fünftes Gebot: Du sollst nicht töten! in: Wilhelm Sandfuchs (Hg.): Die 10 Gebote (Elf Beiträge zu den Zehn Geboten), Würzburg: Echter 1976, 65–80.
- Bader, Erwin, 10 Gebote reloaded: Wegweiser zum geglückten Leben, Wien: Goldegg 2010.
- Crüsemann, Frank, Bewahrung der Freiheit: Das Thema des Dekalogs in sozialgeschichtlicher Perspektive, München: Kaiser 1983.
- Drewermann, E., Die Zehn Gebote, Zwischen Weisung und Weisheit. Gespräche mit Richard Schneider, Ostfildern: Patmos 2010.
- Ernst, Stephan, Grundfragen theologischer Ethik. Eine Einführung, München: Kösel 2009.
- Christian Frevel (Hg.), Mehr als Zehn Worte? Zur Bedeutung des Alten Testaments in ethischen Fragen, (QD 273), 2015.
- Flierl, Alexander: Die (Un)Moral der Alltagslüge. Wahrheit und Lüge im Alltagsethos aus Sicht der katholischen Moraltheologie, Münster: LIT-Verlag 2005.
- Grün, Anselm, Die Zehn Gebote: Wegweiser in die Freiheit, München DTV 2009.
- Jünemann, E., Die Zehn Gebote – Orientierung für gerechte Strukturen, Paderborn: Bonifatius 2009.
- KEK = Katholischer Erwachsenen-Katechismus, 2. Leben aus dem Glauben, Freiburg: Herder 1995.
- KKK = Katechismus der Katholischen Kirche, Neuübersetzung aufgrund der editio typica latina, München: Oldenbourg 2005, Nrn. 2052–2557.
- Köckert, Matthias, Die zehn Gebote, München: Beck Wissen 22013.
- Papst Franziskus: Enzyklika Amoris Laetitia (19. März 2016).
- Pesch, Otto Hermann, Die Zehn Gebote, Kevelaer: Topos Plus 2011.
- Schockenhoff, Eberhard, Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf, Freiburg: Herder 2007.
- Schüngel-Straumann, Helene, Der Dekalog – Gottes Gebote?, Stuttgart: Kath. Bibelwerk 21980.
- Staubli, Thomas/Schroer, Silvia, Menschenbilder der Bibel, Ostfildern: Patmos 2014.
- Steffensky, Fulbert, Die Zehn Gebote. Anweisungen für das Land der Freiheit, Stuttgart: Radius 2013.
- Suttner, Bernhard, G., Die 10 Gebote. Eine Ethik für den Alltag im 21. Jahrhundert, Murnau: Mankau 2009.
- Weber, Helmut: Allgemeine Moraltheologie. Ruf und Antwort, Graz: Styria 1991.
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