
Über die Autoren:
Rebecca Pillichshammer und Stephan Richter, Theologische Kurse, Universität Salzburg, Fachbereich Praktische Theologie, Moraltheologie und Spirituelle Theologie.
Das vierte Gebot (Ex 20, 12 und Dtn 5, 16) war und ist zu allen Zeiten aktuell: "Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt." (Ex 20,12)
Das Gebot richtet sich nicht - wie häufig vermutet - an noch minderjährige Kinder, die hier aufgefordert werden, sich dem Willen autoritärer Eltern zu unterwerfen. Es richtet sich vielmehr an erwachsene Frauen und Männer: Sie, die mitten im Leben stehen, sollen ihre eigenen Mütter und Väter nicht geringachten, sondern sie "ehren", d. h. sie respektieren.
Es handelt sich also um eine Art "Generationenvertrag", der die Gegenseitigkeit der Eltern-Kind-Beziehung betont. So wie Eltern für ihre heranwachsenden Kinder zu sorgen haben, so haben auch die Kinder später einmal die Pflicht, ihre Eltern im Alter materiell abzusichern und sie nicht einfach ihrem Schicksal zu überlassen. Das Gebot ist damit Ausdruck des "Sippenethos" des Alten Testaments: In Zeiten, in denen es noch keine staatliche Pension gab, stärkte es die Familienbande und institutionalisiert die gegenseitige Hilfe.
Daneben wird aber auch die gesellschaftliche Bedeutung der Eltern in der damaligen Zeit hervorgehoben: Vater und Mutter galten als "Überlieferer" und "Bewahrer" der Tradition. Sie erscheinen damit als eine Art Garanten der Beziehung zu Gott über die Generationen hinweg. Wer seine Eltern würdigt und respektvoll mit ihnen umgeht, würdigt Gott selbst und erweist ihm Achtung und Ehre.
Dass das nicht nur für die Eltern vorteilhaft ist, sondern auch den Kindern guttut, kommt in der Begründung des Gebots zum Ausdruck, das in seiner Art innerhalb des Dekalogs einmalig ist und darauf hinweisen könnte, dass der Respekt vor den alt gewordenen Eltern manchmal eine nicht zu unterschätzende Herausforderung sein kann. Eigens wird daher betont, dass der Lohn für die Achtung vor den Eltern ein langes und erfülltes Leben ist.
Heute erscheint dieses Gebot aktueller denn je. Im Laufe des Lebens verlieren viele Kinder den guten Kontakt zu ihren Eltern. Spontane oder regelmäßige Familientreffen werden immer seltener. Aufgrund räumlicher Distanz und einer sehr anspruchsvollen Arbeitswelt muss die Pflege erkrankter oder alter Eltern meist Pflegekräften überlassen werden. Das kann manchmal die beste Lösung für alle Beteiligten sein und durchaus im Sinne des vierten Gebots.
Es kann aber auch zu Einsamkeit, Isolation und zu einer Belastung aller Beteiligten führen. Materielle Absicherung alleine wird einem alten Menschen nicht gerecht. So beinhaltet die Aufforderung zum Respekt gegenüber den alt gewordenen Eltern gerade in Zeiten ihrer Zerbrechlichkeit und Schwäche auch, sich Zeit für sie zu nehmen, ihnen zuzuhören und für sie da zu sein. Sie zu "ehren" heißt zu würdigen, was sie für uns getan haben: Sie haben uns geboren, uns aufgezogen und zu dem werden lassen, was wir heute sind.
| Weiterführende Literatur zu den 10 Geboten |
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