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Tochter hält die Hände ihrer Mutter
iStock / Halfpoint / Tochter hält die Hände ihrer Mutter
29.10.2025
Die zehn Gebote

4. Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren

Ein Kommentar von Rebecca Pillichshammer und Stephan Richter (Theologische KurseUniversität Salzburg, Fachbereich Praktische Theologie, Moraltheologie und Spirituelle Theologie) zum vierten Gebot: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit deine Tage verlängert werden.“

Das vierte Gebot (Ex 20, 12 und Dtn 5, 16) war und ist zu allen Zeiten aktuell: "Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt." (Ex 20,12)

 

Für Frauen und Männer, die mitten im Leben stehen

Das Gebot richtet sich nicht - wie häufig vermutet - an noch minderjährige Kinder, die hier aufgefordert werden, sich dem Willen autoritärer Eltern zu unterwerfen. Es richtet sich vielmehr an erwachsene Frauen und Männer: Sie, die mitten im Leben stehen, sollen ihre eigenen Mütter und Väter nicht geringachten, sondern sie "ehren", d. h. sie respektieren.

 

Es handelt sich also um eine Art "Generationenvertrag", der die Gegenseitigkeit der Eltern-Kind-Beziehung betont. So wie Eltern für ihre heranwachsenden Kinder zu sorgen haben, so haben auch die Kinder später einmal die Pflicht, ihre Eltern im Alter materiell abzusichern und sie nicht einfach ihrem Schicksal zu überlassen. Das Gebot ist damit Ausdruck des "Sippenethos" des Alten Testaments: In Zeiten, in denen es noch keine staatliche Pension gab, stärkte es die Familienbande und institutionalisiert die gegenseitige Hilfe.

 

Gesellschaftliche Bedeutung der Eltern

Daneben wird aber auch die gesellschaftliche Bedeutung der Eltern in der damaligen Zeit hervorgehoben: Vater und Mutter galten als "Überlieferer" und "Bewahrer" der Tradition. Sie erscheinen damit als eine Art Garanten der Beziehung zu Gott über die Generationen hinweg. Wer seine Eltern würdigt und respektvoll mit ihnen umgeht, würdigt Gott selbst und erweist ihm Achtung und Ehre.

 

Dass das nicht nur für die Eltern vorteilhaft ist, sondern auch den Kindern guttut, kommt in der Begründung des Gebots zum Ausdruck, das in seiner Art innerhalb des Dekalogs einmalig ist und darauf hinweisen könnte, dass der Respekt vor den alt gewordenen Eltern manchmal eine nicht zu unterschätzende Herausforderung sein kann. Eigens wird daher betont, dass der Lohn für die Achtung vor den Eltern ein langes und erfülltes Leben ist.

 

Aktueller denn je

Heute erscheint dieses Gebot aktueller denn je. Im Laufe des Lebens verlieren viele Kinder den guten Kontakt zu ihren Eltern. Spontane oder regelmäßige Familientreffen werden immer seltener. Aufgrund räumlicher Distanz und einer sehr anspruchsvollen Arbeitswelt muss die Pflege erkrankter oder alter Eltern meist Pflegekräften überlassen werden. Das kann manchmal die beste Lösung für alle Beteiligten sein und durchaus im Sinne des vierten Gebots.

 

Es kann aber auch zu Einsamkeit, Isolation und zu einer Belastung aller Beteiligten führen. Materielle Absicherung alleine wird einem alten Menschen nicht gerecht. So beinhaltet die Aufforderung zum Respekt gegenüber den alt gewordenen Eltern gerade in Zeiten ihrer Zerbrechlichkeit und Schwäche auch, sich Zeit für sie zu nehmen, ihnen zuzuhören und für sie da zu sein. Sie zu "ehren" heißt zu würdigen, was sie für uns getan haben: Sie haben uns geboren, uns aufgezogen und zu dem werden lassen, was wir heute sind.

 

Weiterführende Literatur zu den 10 Geboten
  • Auer, Alfons, Fünftes Gebot: Du sollst nicht töten! in: Wilhelm Sandfuchs (Hg.): Die 10 Gebote (Elf Beiträge zu den Zehn Geboten), Würzburg: Echter 1976, 65–80.
  • Bader, Erwin, 10 Gebote reloaded: Wegweiser zum geglückten Leben, Wien: Goldegg 2010.
  • Crüsemann, Frank, Bewahrung der Freiheit: Das Thema des Dekalogs in sozialgeschichtlicher Perspektive, München: Kaiser 1983.
  • Drewermann, E., Die Zehn Gebote, Zwischen Weisung und Weisheit. Gespräche mit Richard Schneider, Ostfildern: Patmos 2010.
  • Ernst, Stephan, Grundfragen theologischer Ethik. Eine Einführung, München: Kösel 2009.
  • Christian Frevel (Hg.), Mehr als Zehn Worte? Zur Bedeutung des Alten Testaments in ethischen Fragen, (QD 273), 2015.
  • Flierl, Alexander: Die (Un)Moral der Alltagslüge. Wahrheit und Lüge im Alltagsethos aus Sicht der katholischen Moraltheologie, Münster: LIT-Verlag 2005.
  • Grün, Anselm, Die Zehn Gebote: Wegweiser in die Freiheit, München DTV 2009.
  • Jünemann, E., Die Zehn Gebote – Orientierung für gerechte Strukturen, Paderborn: Bonifatius 2009.
  • KEK = Katholischer Erwachsenen-Katechismus, 2. Leben aus dem Glauben, Freiburg: Herder 1995.
  • KKK = Katechismus der Katholischen Kirche, Neuübersetzung aufgrund der editio typica latina, München: Oldenbourg 2005, Nrn. 2052–2557.
  • Köckert, Matthias, Die zehn Gebote, München: Beck Wissen 22013.
  • Papst Franziskus: Enzyklika Amoris Laetitia (19. März 2016).
  • Pesch, Otto Hermann, Die Zehn Gebote, Kevelaer: Topos Plus 2011.
  • Schockenhoff, Eberhard, Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf, Freiburg: Herder 2007.
  • Schüngel-Straumann, Helene, Der Dekalog – Gottes Gebote?, Stuttgart: Kath. Bibelwerk 21980.
  • Staubli, Thomas/Schroer, Silvia, Menschenbilder der Bibel, Ostfildern: Patmos 2014.
  • Steffensky, Fulbert, Die Zehn Gebote. Anweisungen für das Land der Freiheit, Stuttgart: Radius 2013.
  • Suttner, Bernhard, G., Die 10 Gebote. Eine Ethik für den Alltag im 21. Jahrhundert, Murnau: Mankau 2009.
  • Weber, Helmut: Allgemeine Moraltheologie. Ruf und Antwort, Graz: Styria 1991.

Mag. Stephan RichterÜber die Autoren:

Rebecca Pillichshammer und Stephan Richter, Theologische KurseUniversität Salzburg, Fachbereich Praktische Theologie, Moraltheologie und Spirituelle Theologie.

 

 

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