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Franz Jägerstätter auf einem Motorrad 1921
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02.01.2026
Heilige & Selige

Seliger Franz Jägerstätter (21. Mai)

Franz Jägerstätter, ein einfacher Bauer aus dem Innviertel, vertraute seinem Gewissen mehr als der politischen Macht seiner Zeit. Seine Verweigerung des Wehrdienstes im NS-Staat machte ihn zum stillen, langen unverstandenen Zeugen christlicher Verantwortung – getragen und gestützt von einer
außergewöhnlichen Ehefrau.

Kindheit, Prägungen und erste Krisen

Franz Jägerstätter wird am 20. Mai 1907 in St. Radegund im Bezirk Braunau geboren. Seine Eltern, die ledige Bauernmagd Rosalia Huber und der Knecht Franz Bachmeier, können aufgrund ihrer sozialen Lage nicht heiraten. Franz wächst bei seiner Großmutter Elisabeth Huber auf – einer gebildeten, tiefgläubigen Frau, die ihm Halt und Orientierung gibt. Die Entbehrungen der Kriegsjahre und die Armut im Alltag prägen seine Kindheit nachhaltig. 1917 heiratet Rosalia Huber den Bauern Heinrich Jägerstätter, der den Buben adoptiert und ihm eine neue familiäre und wirtschaftliche Perspektive eröffnet. Der Adoptivgroßvater weckt in Franz die Freude an Büchern, auch an religiöser Literatur; der Adoptivvater macht ihn zum künftigen Erben des Bauernhofs. Zwischen 1927 und 1930 arbeitet Franz am steirischen Erzberg. Die harte industrielle Arbeitswelt, fernab vom heimatlichen Dorf, führt ihn in eine Phase geistiger und religiöser Entwurzelung. Doch gerade diese Krise macht sein späteres Glaubensleben bewusster und reflektierter. 1933 wird er Vater einer unehelichen Tochter, Hildegard – ein Ereignis, das er verantwortungsvoll annimmt, ungewöhnlich für das bäuerliche Milieu seiner Zeit. Trotz seiner ernsten Grundhaltung ist Franz ein lebensfroher junger Mann: Er liebt sein Moped und macht damit durchaus Eindruck – auch bei den jungen Frauen seiner Umgebung.

 

Ehe, Familie und die wachsende Entscheidungskraft des Gewissens

1935 begegnet er Franziska Schwaninger aus Hochburg. Die beiden heiraten am Gründonnerstag 1936 und brechen unmittelbar danach zu einer Hochzeitsreise nach Rom auf – ein untypischer, aber sprechender Ausdruck ihres gemeinsamen religiösen Gleichkangs. Auf dem „Leherbauernhof“ entwickeln sie ein gemeinsames geistliches Leben: tägliches Gebet, Bibellektüre und ein offenes Ringen um Glaubensfragen. Franz’ Umfeld bemerkt, wie sehr er durch diese Ehe innerlich wächst. Franziska sagt später: „Wir haben einer dem anderen im Glauben weitergeholfen.“ Aus der Ehe gehen drei Töchter hervor. Franz wird zudem Mesner von St. Radegund. Parallel dazu schärft sich sein Blick auf die politischen Entwicklungen. Den „Anschluss“ Österreichs 1938 lehnt er entschieden ab. Für ihn sind Christentum und NS-Ideologie unvereinbar. Ein Traum, in dem er die NSDAP als Zug ins Verderben erkennt, bestärkt seine Ablehnung. Zweimal wird er auf Betreiben der Heimatgemeinde vom Wehrdienst zurückgestellt – doch Franz weiß, dass er einer neuerlichen Einberufung nicht folgen kann. Für ihn bedeutet Waffendienst unweigerlich Mitschuld an einem verbrecherischen Krieg. Angehörige, Freunde und selbst Priester versuchen, ihn umzustimmen. Franziska hofft auf einen Ausweg, bleibt aber unverbrüchlich an seiner Seite: „Wenn ich nicht zu ihm gehalten hätte, hätte er gar niemanden gehabt.“ Ein Gespräch mit dem Linzer Bischof Fließer bringt ihm keine Unterstützung. Als sie das Ordinariat verlassen, sagt Franz trocken: „Sie trauen sich selber nicht, sonst kommen’s selber dran.“ Auch diese Erfahrung führt ihn tiefer in die Überzeugung hinein, seinem Gewissen folgen zu müssen.

 

Verweigerung, Martyrium und innere Kämpfe

Am 1. März 1943 meldet sich Jägerstätter bei seiner Kompanie – und erklärt sofort, dass er aus religiösen Gründen den Wehrdienst mit der Waffe verweigere. Er bietet lediglich den Sanitätsdienst an. Unmittelbar nach dieser Erklärung wird er verhaftet und ins Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Linz gebracht. Die Isolationshaft, Schikanen und die Ungewissheit treiben ihn in eine schwere Glaubenskrise; zeitweise spürt er, wie er schreibt, die Nähe Gottes nicht mehr. Im Mai 1943 wird er nach Berlin-Tegel verlegt. Dort betreut ihn Pfarrer Heinrich Kreutzberg, der ihm berichtet, dass Pater Franz Reinisch bereits 1942 aus den gleichen Motiven verweigert und den Tod erlitten hat. Jägerstätter findet Trost darin, nicht allein zu stehen. Die Bibel, die Eucharistie und ein Kinderfoto werden zu seinen wichtigsten Stützen. Am 6. Juli 1943 verurteilt ihn das Reichskriegsgericht wegen Wehrkraftzersetzung; am 9. August wird er im Zuchthaus Brandenburg enthauptet. Die Gefängnisseelsorger erkennen in ihm sofort einen christlichen Märtyrer.

 

Zwiespältige Nachkriegsjahre

Nach dem Krieg beginnt eine lange Phase des Schweigens und der Ablehnung. Das Linzer Ordinariat untersagt zunächst sogar, über den „Fall Jägerstätter“ überhaupt zu sprechen. In einer Zeit, in der viele ihre eigenen Kriegsverluste und Gewissensnöte zu verarbeiten haben, wird die Entscheidung eines Wehrdienstverweigerers häufig als Provokation oder Illoyalität empfunden. Auch kirchliche Kreise tun sich schwer: Die Frage, warum ein einfacher Bauer moralische Klarheit besaß, die vielen kirchlichen Autoritäten damals öffentlich fehlte, ist unbequem.

 

Langsame Anerkennung – getragen von Franziska

Erst die 1950er- und 1960er-Jahre bringen eine neue Sichtweise. Eine entscheidende Rolle spielt der amerikanische Soziologe Gordon Zahn, der Zeitzeugen befragt und 1964 In Solitary Witness veröffentlicht. Er stellt Jägerstätter als exemplarischen Gewissenszeugen dar. Auch im Zweiten Vatikanischen Konzil wird sein Name genannt; Auf dem II: Vatikanum verweist der Erzbischof von Bombay, Thomas D. Roberts ausdrücklich auf Jägerstätter und leitet damit zunächst innerkirchlich eine Neubewertung des unbequemen Innviertlers ein . 1971 sorgt Axel Cortis Fernsehfilm *Der Fall Jägerstätter* für große Aufmerksamkeit. Über all diese Jahrzehnte bleibt Franziska Jägerstätter die beharrliche Bewahrerin des Vermächtnisses ihres Mannes. Sie führt den Hof weiter, gibt Auskunft, erzählt Jugendlichen und Besuchern von Franz’ Haltung und wird so selbst zu einer glaubwürdigen Zeugin. Erst 1997 hebt das Landgericht Berlin das Todesurteil offiziell auf – ein später, aber klarer moralischer Freispruch.

 

Seligsprechung und bleibende Bedeutung

2007 erkennt die Kirche offiziell das Martyrium Franz Jägerstätters „aus Hass gegen den Glauben“ an. Am 26. Oktober wird er im Linzer Mariendom seliggesprochen. Seine 94‑jährige Frau trägt die Urne ihres Mannes – ein symbolischer Moment, in dem persönliches Zeugnis und kirchliche Anerkennung zusammenfinden. Heute gilt Franz Jägerstätter als einer der klarsten katholischen Gewissenszeugen des 20. Jahrhunderts. Sein Leben zeigt, dass ein einzelner Mensch – getragen von Glauben und Gewissen – stärker sein kann als der Druck der Masse, staatliche Macht oder Angst vor dem Tod. Dass seine Geschichte weltweit Gehör gefunden hat, ist seinem Mut zu verdanken – und dem treuen, unerschütterlichen Erinnern seiner Frau Franziska, die am 16. März 2013, wenige Tage nach ihrem 100. Geburtstag vertorben ist.

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