Rom, im Jahr 1534. Gerade erst sieben Jahre zuvor haben deutsche Landsknechte und spanische Söldner Rom geplündert, ausgeraubt, und eine traumatisierte Bevölkerung zurückgelassen. Von nördlich der Alpen kommt die reformatorische Bewegung immer näher. Der Großteil der verarmten Bevölkerung leidet an Hunger und Seuchen und einem allgemeinen moralischen Verfall.
Glaube konkret
In diese Situation kommt ein neunzehnjähriger Pilger aus Florenz. Sein Name ist Filippo Romolo Neri. Aufgewachsen als Sohn eines Anwalts im aufstrebenden Florenz der Medici, hatte er unmittelbar nach der Krise um den eifernden Dominikaner Savonarola ein Jahr bei einem Verwandten am Fuß des Montecassino verbracht.
Er sollte Erbe des kinderlosen Onkels werden. Angetrieben von einem inneren Ruf, war er nach Rom aufgebrochen und findet Anschluss bei seinen Landsleuten aus Florenz. Als Hauslehrer verdient er sich eine einfache Schlafstätte und eine karge Mahlzeit. Im Umfeld der Augustinereremiten und an der Universität La Sapienza vor allem aber in der Bruderschaft von San Giacomo degli incurabili, die sich der Pflege unheilbarer Kranker widmet, formt sich Philipps Spiritualität.
Zurück zu den Quellen
Ähnlich wie seine Zeitgenossen ist er geprägt vom Ideal des „ad fontes“ („zurück zu den Quellen“). Für die einen bedeutet dies eine Rückbesinnung auf die heidnischen, antiken Ideale, für andere den Bruch mit der konkreten Kirche unter der Parole „Allein die Schrift!“, Philipp Neri zieht es zu den Anfängen der Kirche, konkret an die Gräber der frühen Christen in den römischen Katakomben.
Dort verbringt er viele Stunden, vor allem nachts im Gebet. Während seiner Nachtwache zu Pfingsten 1544 hat er eine sein weiteres Leben bestimmende, mystische Erfahrung bei der der Hl. Geist selbst sein Herz ergreift und weitet.
Tatsächlich wölben sich seither die Rippen in seiner Herzgegend und die auch tatsächliche Herzdilatation, wird nach seinem Tod von Ärzten verifiziert. Dies drückt Philipps Gestalt und Botschaft sehr eindrucksvoll aus: Er ist der Heilige des großen Herzens.
Kirchenreform anders
Philipp erkennt, dass das seelische Leid der Menschen mindestens so schwer wiegt, wie das Elend der Kranken. Er beginnt als Laie ein Apostolat auf den Straßen und Plätzen Roms, das ihn bald berühmt machte. Vor allem muntert er seine Gesprächspartner durch Scherze und Späße auf, was ihm den Beinamen „Clown Gottes“ einbringt.
In der Zwischenzeit beginnt das päpstliche Rom längst wieder, seine ganze Pracht zu entfalten. Rom zieht zunehmend Scharen von Pilgern an. An eine Infrastruktur, diese zu versorgen denkt niemand, außer Philipp.
Statt Papst und Kurie für die unterlassene Hilfeleistung an erkrankten Pilgern zu kritisieren, gründet er 1548 mit Freunden die Bruderschaft „Santissima Trinità dei pellegrini“, die erkrankte Pilger, aber auch Vagabunden und verarmte Römer versorgt.
Rom oder Indien
1551, Philipp ist schon 36 Jahre alt, gibt er dem jahrelangen Drängen seines Beichtvaters nach und empfängt die Priesterweihe. Zunächst will er, von der Begegnung mit Ignatius von Loyola und seinen Gefährten, vor allem aber von den Briefen des Franz Xaver beeindruckt, Missionar in Indien zu werden.
Das Wort des Abtes von Tre Fontane entscheidet aber seinen weiteren Weg: „Dein Indien ist Rom“.
Von nun an widmet er sich als Seelsorger an der Kirche San Girolamo della Carità und in San Giovanni dei Fiorentini der Erneuerung der Kirche.
Die Freude des Evangeliums
Philipp erkennt nicht nur das physische und seelische Elend seiner Umgebung, sondern vor allem auch das geistige Vakuum: das erschreckende religiöse Unwissen, den verbreiteten Aberglauben, den moralischen Verfall. Während in Deutschland den früheren Augustinermönch Luther die Frage umtreibt: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wie werde ich vor Gott gerecht?“, erkennt Philipp, dass die Begegnung mit dem Evangelium nur über die Erfahrung der Freude und der Freundschaft gelingt.
Auf dem Dachboden der Kirche San Girolamo della Carità versammeln sich bald regelmäßig um ihn Menschen aus allen Schichten: vom Obdachlosen bis zum Kardinal: man liest die Schrift in der Muttersprache, betet gemeinsam, singt, lacht und hört vom Leben der Heiligen. Diese völlig neue Art des spontanen Gemeindelebens nennt sich schlicht Oratorium. Der Name machte Geschichte: vor allem des Gesanges wegen. Im Kreis Philipps sind Musiker wie Palestrina . Was uns heute als Musikgattung Oratorium bekannt ist, geht aus diesem Kreis hervor.
Musik spielt in Philipps Wirken eine wesentliche Rolle wie Luthers deutsches Kirchenlied, wenngleich mit dem deutlichen Unterschied, dass weniger Sündenschuld sondern die Freude am Leben mit dem Evangelium im Vordergrund steht.
Mehr als 500 Jahre vor Twitter entwickelt er schließlich eine Methode der Katechese und des Gebetes, die auf Prägnanz und Kürze setzt. Die später als „Maximen des Hl. Philipp“ herausgegebenen Merksätze sind zugleich Spiegel seines Innenlebens, so formuliert er einmal:
„Die Heiterkeit stärkt das Herz und macht uns beständig in einem guten Leben. Deshalb soll ein Diener Gottes immer froh und gut gelaunt sein.“
Ähnlich knapp formuliert sind seine Gebete. Kurze Sätze, die leicht zu merken sind und den gewöhnlichen Alltag ins Gebet bringen. Das darf dann durchaus auch die alltägliche Erfahrung der Dunkelheit sein, die bei Neri so ins Wort kommt:
„Ich suche dich und finde dich nicht, mein Jesus, komm zu mir“
oder noch kürzer:
„Jesus sei mir Jesus!“
Während die Päpste auf ausgelassene Karnevalsfeste setzen, erfindet Philipp eine zweitägige „Fußwallfahrt zu den 7 Hauptkirchen Roms“. Dabei haben Gebet, Sakramentenempfang, Gesang aber auch gemeinsames Essen und Gespräche Platz. Diese „Sieben Kirchen Wallfahrt“ hat sich in Rom bis heute erhalten und findet seit Jahren auch in Wien Nachahmung.
Statt Klerikalismus und theologisches Unwissen öffentlich zu beklagen, hält Philipp die Priestergemeinschaft, die sich über die Jahre um ihn gesammelt hat an, etwa beim Aufbau der Kirche Santa Maria in Villacella (Chiesa Nuova) am heutigen Corso Vittorio Emmanuele II, mit eigenen Händen zu arbeiten. Zugleich drängte er seinen begabten Mitbruder Cesare Baronius, Kirchengeschichte systematisch zu forschen und zu schreiben- eine damals völlig neue theologische Disziplin. Baronius' kirchenhistorisches Werk wird richtungsweisend.
Heilige unter sich
Bei alledem darf man Philipps Umgang mit späteren Heilige nicht unerwähnt lassen: Neben Ignatius und seinen Gefährten, die bereits erwähnt wurden, müssen Catarina Ricci, Camillo von Lellis (dem er übrigens vergeblich von einer Ordensgründung abrät), Felix von Cantalice, Karl Borromäus und nicht zuletzt Franz von Sales erwähnt werden.
Auf letzteren machte die frohe, weltzugewandte Alltagsfrömmigkeit, die jedem Christen offensteht besonderen Eindruck. Später als er Bischof von Genf und Gegenreformator geworden ist, wird er gerade damit viele reformierte Christen zurückgewinnen, da er ähnlich wie Philipp die Freude des Evangeliums der finsteren Sündenangst der Calvinisten entgegensetzt.
Barmherzigkeit
Bei alledem sieht sich Philipp Neri zu keinem Zeitpunkt als Kirchenreformer. Aller Moralismus ist ihm, der zu sich selbst sehr streng sein kann, völlig fremd. Einer seiner überlieferten Aussprüche
„State buoni se potete“ (etwa: Bleibt gut, wenn ihr könnt),
illustriert seinen realistischen Blick auf den Menschen, der das Gute will, aber immer die Barmherzigkeit Gottes nötig hat.
Längst ist das Sakrament der Buße sein wichtigstes Apostolat. Auch Päpste und Kardinäle suchen ihn auf.
Damit wirkt er natürlich auf eine äußerst diskrete Weise an der Erneuerung der Kirche mit.
Auch kirchenpolitisch ist er - wenn auch widerwillig- aktiv: die Versöhnung zwischen Papst und französischem König gehört zu den wenigen seiner bekannten Verdienste.
Häufig versucht man, ihn zum Kardinal zu machen. Geschickt gelingt es ihm, dies immer neu abzuwenden auch wenn er sich dabei zum Narren macht. So wirft er bei einem der Versuche des Papstes, ihn zur Annahme der Kardinalswürde zu überreden, das Birett weit in die Luft und ruft: „Paradiso, paradiso!“ , womit die Sache beendet ist.
Ein Heiliger wider Willen
Die Versuche mit bizarrem und mitunter provokativem Verhalten seinen Ruf der Heiligkeit niederzuhalten, misslingt dagegen gründlich. Als er am 11. Mai 1615 von Papst Gregor XV gemeinsam mit Ignatius von Loyola, Franz Xaver und Teresa von Avila heiliggesprochen wird, geht in Rom das Bonmot um, der Papst habe drei Spanier und einen Heiligen zur Ehre der Altäre erhoben.
Vielleicht noch schöner ist nur noch das Kompliment Johann Wolfgang von Goethes in der „Italienischen Reise“. Dort bekennt der deutsche Dichterfürst, dass Philipp Neri sein Lieblingsheiliger sei und zwar aus zwei Gründen: zum einen aufgrund seiner bemerkenswerten Fröhlichkeit zum anderen aber wegen seiner tiefen Menschenkenntnis. So wird von Philipp erzählt, er habe über die Gabe verfügt, Beichtenden ihre verborgenen Sünden, oder anders formuliert, ihre ganze Wahrheit zu offenbaren.
Philipp und Papst Franziskus
Eine der vielen Episoden aus Philipps Leben veranschaulicht beide Aspekte: Einem Beichtenden überreichte Philipp einmal seine Brille. Die Irritation klärt er liebenswürdig auf: “Vielleicht siehst du dann Deine Sünden besser.“
500 Jahre nach Philipp Neris Missionstätigkeit in Rom beginnt Papst Franziskus seinen Dienst mit der programmatischen Schrift: „Evangelii Gaudium- die Freude des Evangeliums“. Vieles, wozu uns der Papst Jahren beharrlich einlädt, hat Philipp auf seine originelle Weise verkündet und gelebt. Er ist und bleibt –nicht nur in Rom- ein immer moderner und anziehender Heiliger.