Interview mit P. Andreas Batlogg SJ über den Jesuitentheologen P. Karl Rahner.
Warum ist es um P. Karl Rahner SJ still geworden?
Batlogg: Vielleicht ist er im Moment vordergründig nicht so gefragt. Er ist 1984 verstorben, also vor über 25 Jahren. Ein Augustinus oder ein Thomas von Aquin waren auch nicht jederzeit in aller Munde. Karl Rahner ist dennoch für Theologie und Kirche unverzichtbar.
Was kann von Karl Rahner heute gelernt werden?
Batlogg: Pater Rahner hat radikal die Frage nach Gott gestellt. Akademische Theologie ist ebenso wie der kirchliche Betrieb in Gefahr, zu einer Selbstbeschäftigung, einem Glasperlenspiel zu werden.
Das hat auch mit Eitelkeit zu tun. Auf dem Zweiten Vatikanum hat sich Rahner bis zur Erschöpfung verausgabt. Er hat dabei nicht eifersüchtig auf sein Copyright geschielt, sondern sich in den Dienst der Sache gestellt und Bischöfen – nicht nur Kardinal König – zugearbeitet. Diese Art von Selbstlosigkeit bewundere ich. Heute muss man sich ständig beweisen. Dabei kann die Frage nach Gott verlorengehen.
„Die religiöse Anlage des Menschen ist unausrottbar“, sagte Rahner 1954. Welche Chancen sah Rahner für das Christentum?
Batlogg: Aus einem „Nachwuchschristentum“ wird ein „Wahlchristentum“. Das sah Rahner klar voraus. Es genügt nicht, einmal von den Eltern zur Taufe getragen worden zu sein. Dass Christen eine Minderheit werden, zeichnete sich schon damals ab.
Aber Rahner hat sich gegen die Ideologie der „kleinen Herde“ gewendet, die ausgrenzt oder sich elitär als etwas Besseres vorkommt. Das nannte er Ghetto-Katholizismus. Er war von der Gottbegabung und Gottfähigkeit des Menschen überzeugt.
In „Hörer des Wortes“ und „Geist in Welt“ hat er eine entsprechende theologische Anthropologie vorgelegt. „Das Christentum hat seine Chance mehr denn je“: Rahner glaubte an die innerweltliche Erkennbarkeit dieser Chance. Christen hoffen gegen alle Hoffnung.Anderseits kommt es mehr als früher, als homogene Milieus den einzelnen tragen konnten, auf den selbstbewussten Glauben des einzelnen an. Wir können uns in Strukturfragen aufreiben, aber die Gottesfrage bleibt.
Um ein oft verzerrt wiedergegebenes Rahner-Wort zu nehmen: „Der Fromme von morgen wird ein ,Mystiker‘ sein, einer, der etwas ,erfahren‘ hat, oder er wird nicht mehr sein.“
Es klingt etwas brutal: Aber Glauben hat nicht in erster Linie mit einer Art „Dressur für das religiös Institutionelle“ zu tun, sondern mit der Sehnsucht, Gott wirklich und wirksam zu erfahren. Dafür braucht es glaubwürdige Zeugen und Mystagogen wie Karl Rahner: Frauen und Männer, die in diese Erfahrung einweisen und dazu anleiten können, wie das in Exerzitien geschieht.
Die „Gesammelten Werke“ Rahners umfassen 32 Bände. Welches Buch von/über Karl Rahner empfehlen Sie als Einstiegslektüre?
Batlogg: Wer Rahner noch nicht kennt, fängt am besten mit geistlichen Schriften an, vielleicht mit Band 29. Oder mit Band 28 „Christentum in Gesellschaft“, der Texte zur Pastoral, zur Jugend (etwa „Mein Problem“) und zur christlichen Weltgestaltung enthält.
Rahner hat Theologie nicht nur für Theologen betrieben. In einigen Monaten wird Band 7 „Der betende Christ“ erscheinen. Dort sind die Klassiker „Worte ins Schweigen“ und „Von der Not und dem Segen des Gebetes“ abgedruckt – spirituelle Texte mit einer unglaublich dichten, oft versteckten theologischen Potenz.
Diese Best- und Longseller haben Generationen von Menschen geholfen, sich ihre Glaubensfragen nicht wegreden zu lassen.