„Henri de Lubac hat in seinem frühen Werk ,Catholicisme‘ (1938) die Quellen der Schrift und der altkirchlichen Tradition für ein neues Verständnis der Kirche fruchtbar gemacht“, sagt Univ.-Prof. Jan-Heiner Tück (Institut für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Wien) zum SONNTAG. De Lubac habe dabei „die heilsindividualistische Verengung – Rette deine Seele! – aufgebrochen und an die sozialen Aspekte des Dogmas erinnert. Katholisch sein heißt, für alle zu hoffen. Kirche ist Sakrament des Heils – für alle".
Kirche ist dynamisch-missionarische Größe
Neben dieser universalen Solidarität habe de Lubac „an die geschichtliche Tiefendimension der Kirche erinnert. Was im Alten Bund bei Patriarchen und Propheten angelegt ist, das kommt im Neuen Bund mit der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus zur endgültigen Entfaltung. Die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen ist aufgerufen, das Vermächtnis Jesu Christi in der fortlaufenden Geschichte zu bezeugen“. Tück: „Vom Heiligen Geist getrieben, ist Kirche eine dynamisch-missionarische Größe, die der Fülle der Vollendung entgegengeht.“
„Agnostisches" Buch?
„Wer die Werke von Henri de Lubac studiert, staunt immer wieder über seine außergewöhnliche Kenntnis der christlichen Tradition, der Kirchenväter, aber auch der mittelalterlichen Theologie“, unterstreicht der Grazer Universitäs-Professor für Dogmatik, Bernhard Körner. Dabei sei es de Lubac „nicht nur um die Vergangenheit gegangen, sondern immer auch um die Gegenwart, um die heutigen Fragen, die für das menschliche Leben und die Theologie brisant waren“.
So habe er beispielsweise ein Buch „Auf den Wegen Gottes“ verfasst, in dem er nach seinen eigenen Aussagen „seinen atheistischen Freunden“ eine Hilfe anbieten wollte, damit sie den christlichen Gottesglauben authentisch verstehen können. Körner: „Dieses Buch war über weite Strecken eine Darlegung des kühnen mittelalterlichen Denkens über Gott – so kühn, dass es von Ordensbrüdern als zu agnostisch angesehen wurde."
Damit zusammenhängend sei „sein konsequentes und uneitles Zurücktreten zugunsten der Sache der Theologie und des Denkens von anderen, die er zitierte“. Dieses Zurücktreten von de Lubac sei, so Körner, „ein Ausdruck seiner kirchlichen Einstellung, an der er auch festgehalten hat, als er seitens seines Ordensoberen Lehrverbot erhalten hat“.
Catholicisme - großes Werk
„Die Einheit der großen katholischen Tradition war ihm innerste Gewissheit“, schreibt Kardinal Christoph Schönborn in seinem Vorwort zu de Lubacs „Schriften im Rückblick“. Die Verbindung mit der Tradition machte de Lubac fähig, „weit über die Grenzen der sichtbaren Kirchengemeinschaft hinaus ein wacher Hörender und liebender Verstehender zu sein“. „Catholicisme“ bleibe „eines der ganz großen Werke“ der Theologie des 20. Jahrhunderts.