
Am 19. Juni 1623 wurde Blaise Pascal geboren, ein Mann, den man den „König im Reich der großen Geister“ genannt hat. Der französische Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler lebte in einer Zeit religiöser Konflikte und politischer Umbrüche. Sein Leben fiel in die Epoche des Dreißigjährigen Krieges, der Europa erschütterte. Pascal war ein hochbegabtes, kränkliches Kind, das schon früh die Axiome Euklids rekonstruierte, mit 16 eine Arbeit über Kegelschnitte verfasste und mit 19 die erste mechanische Rechenmaschine entwickelte, um seinem Vater bei Steuerberechnungen zu helfen. Damit wurde er zu einem Pionier der modernen Technik. Zugleich gilt er als Mitbegründer der Wahrscheinlichkeitsrechnung und als einer der großen Denker der französischen Moralphilosophie.
Doch Pascal war mehr als ein Wissenschaftler. Er war ein Mensch voller Widersprüche, hin- und hergerissen zwischen scharfsinniger Vernunft und leidenschaftlicher Gottesliebe. „Man muss den Furchtsamen aufrichten, die in der Physik nichts zu erfinden wagen, und die Unverschämtheit jener Verwegenen beschämen, die in der Theologie Neues aufbringen“, schrieb er einmal. Seine Begegnung mit dem Jansenismus prägte ihn tief. Diese rigorose Strömung des Katholizismus, die auf den Bischof Cornelius Jansenius zurückgeht, lehrte die völlige Abhängigkeit des Menschen von der göttlichen Gnade und die Unfähigkeit, aus eigener Kraft zur Erlösung zu gelangen. Pascal schloss sich dieser Lehre an und lebte zunehmend asketisch. Seine Parteinahme für die Jansenisten fand ihren Ausdruck in den berühmten „Lettres provinciales“, in denen er die Jesuiten scharf kritisierte und die jansenistische Position verteidigte.
Den Höhepunkt seines religiösen Strebens markierte ein mystisches Erleuchtungserlebnis im Jahr 1654. Auf einem Zettel, dem berühmten „Mémorial“, hielt er seine Erfahrung fest: „FEUER. Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs – nicht der Philosophen und Gelehrten. Freude, Freude, Freude und Tränen der Freude. Vollkommene, innige Entsagung.“ Für Pascal bedeutete dies die radikale Hinwendung zu Gott und die Abkehr von der Welt. Er zog sich aus der Pariser Gesellschaft zurück und wandte sich von den Naturwissenschaften ab, überzeugt, dass die Vernunft die Intensität der göttlichen Erfahrung nicht erfassen könne.
Pascal entwarf eine Anthropologie der Fragilität. Der Mensch, so schrieb er, sei „ein denkendes Schilfrohr“, verloren zwischen Nichts und Unendlichkeit. „Denn was ist der Mensch in der Welt? Ein Nichts vor dem Unendlichen, ein All gegenüber dem Nichts, eine Mitte zwischen Nichts und All.“ Seine „Pensées“, ein Zettelkasten von Gedanken, erschienen posthum und gelten als sein philosophisches Hauptwerk. Darin zeigt er die Zerbrechlichkeit des Menschen und seine Flucht in Zerstreuung, um der eigenen Leere zu entkommen. „Alles Unglück in der Welt kommt daher, dass man nicht versteht, ruhig in einem Zimmer zu sein“, lautet einer seiner berühmtesten Sätze. Berühmt wurde auch seine „Wette auf Gott“: Wer glaubt, kann unendlich gewinnen, wer nicht glaubt, riskiert alles.
Am 19. August 1662 starb Blaise Pascal mit nur 39 Jahren, vermutlich an Hirnblutungen. „Möge Gott mich nie verlassen!“, waren seine letzten Worte. Er hinterließ kein geschlossenes System, sondern Fragen, die bis heute aktuell sind: Was ist der Mensch? Was gibt ihm Halt? Und wie weit trägt die Vernunft?