Mittwoch 4. März 2026

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P. Michael Zacherl SJ
Ordensgemeinschaften
08.09.2017

Die Kraft der Ordensregeln

Interview mit „Ordens“-Bischofsvikar P. Michael Zacherl über die Bedeutung der Regeln für die einzelnen Orden

 

 

Gemeinhin und etwas verkürzt wird er als der „Bischofsvikar für die Orden“ in der Erzdiözese Wien bezeichnet.

 

Genau genommen ist P. Michael Zacherl SJ aber „Bischofsvikar für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens“. So lautet die korrekte amtliche Bezeichnung seiner Funktion. Die Bandbreite reicht von den Männer- und Frauenorden bis hin zu den Säkularinstituten.

 

„Wenn man die Männer- und Frauenorden in der Erzdiözese Wien zusammenzählt, sind es an die 130 verschiedene Gemeinschaften“, sagt P. Zacherl und schmunzelt: „Da ist es fast unmöglich, den detaillierten Überblick zu gewinnen.“

 

Und er weiß: „Neben den Ordensregeln von Benedikt, Basilius und Augustinus sind die unterschiedlichen Spiritualitäten des Franz von Assisi, des Ignatius von Loyola, von Franz von Sales, Don Bosco oder auch von Charles de Foucauld bei uns verbreitet.“


Was versteht man unter einer Ordensregel?

 

Zacherl: Eine Ordensregel ist eine schriftlich fixierte Lebensordnung einer Ordensgemeinschaft. Für gewöhnlich vom Ordensgründer (oder einer Ordensgründerin) verfasst und von der kirchlichen Autorität anerkannt.

 

Ordensregeln voraus gehen die Mönchsregeln von Benedikt und Basilius und die Regel für Kanoniker, die sogenannte Augustinusregel.

 

Diese sind gültige Normtexte, auf die spätere Neugründungen aufbauen und ergänzende Texte zur jeweiligen Spezifizierung und Aktualisierung anfügen. Jüngere Orden (etwa ab dem 13. Jahrhundert) haben eher kurzgefasste Grundtexte, die für gewöhnlich „unantastbar“ und identitätsstiftend sind.

 

Diese Texte werden jeweils durch Satzungen oder Konstitutionen präzisiert, die zugleich im Laufe der Ordensgeschichte an die veränderten Zeitverhältnisse angepasst werden.

 

Was unterscheidet eine Ordensregel von einer sogenannten Konstitution oder Satzung?


Konstitutionen oder Satzungen oder noch besser Durchführungsbestimmungen geben die näheren Details an, wie diese Regel im Leben tatsächlich umgesetzt werden soll.

 

Diese sind im Laufe der Zeit immer wieder Veränderungen ausgesetzt. Wenn etwa eine Gemeinschaft in einem Generalkapitel sich Gedanken darüber macht, was heute nicht mehr so angebracht ist oder den Zeitverhältnissen angepasst werden müsste, werden Änderungen in den Satzungen beschlossen, aber für gewöhnlich nicht in den eigentlichen Ordens-Regeln.

 

Ist die Beobachtung der evangelischen Räte – Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam – die Grundlage der Ordensregeln?


Das ist die Grundlage, in der die verschiedenen Ordensgemeinschaften als solche einen gemeinsamen Nenner haben.


Oder kommt da noch etwas Ordensspezifisches hinzu? Etwa der Lebensstil des Ordensgründers, der Ordensgründerin?


Der Lebensstil, die Lebenserfahrung und Biographie eines Ordensgründers oder einer Ordensgründerin fließen mehr oder weniger stark in das Regelwerk ein.

 

Ein konkretes Beispiel?

 

Bei uns Jesuiten gibt es als viertes Gelübde das der Treue gegenüber dem Papst beziehungsweise des Gehorsams gegenüber seinen Sendungen. Bei der Suche nach dem Willen Gottes spielt der Papst für Ignatius eine ganz besondere Rolle.

 

Was bedeutet die Vielfalt an Ordensspiritualitäten in unserer Erzdiözese Wien für die Kirche?


Die Vielfalt kristallisiert sich vor allem in den Charismen der die einzelnen Ordensgemeinschaften.

 

So etwa bei den Gründungen Don Boscos das Charisma für die Jugend. Bei den Barmherzigen Brüdern und Schwestern das Charisma für die Kranken, bei den Franziskanern etwa die Liebe zur Armut und die Einfachheit des Lebens, bei den Schwestern der Mutter Teresa die Sorge um Obdachlose und Sterbende.

 

Dadurch sind die Ordensgemeinschaften in besonderer Weise Geschenke für die Ortskirche. Die Vielfalt ist ein großer Segen. Die Ortskirche tut gut daran, diese Geschenke wahrzunehmen und  zu fördern.

 

Was fasziniert Sie persönlich als Jesuit an der Regel des hl. Ignatius?

 

Zunächst einmal die Unterscheidung der Geister, die wir bei Ignatius lernen können, sodann die Entschiedenheit, mit der die Regeln und Satzungen ausgestattet sind. Weiters der Grundbezug zu den ignatianischen Exerzitien.

 

Hatte die Ignatius-Regel einen Einfluss auf Ihren Eintritt in den Orden?

 

Indirekt sicher; in ihren Auswirkungen an den Mitbrüdern, die ich kennen lernen durfte. Ich kannte die Regel vor dem Eintritt nicht. Ich wusste aber davon, weil ich bei den Jesuiten in die Schule gegangen bin. Da habe ich so manches an der Lebenspraxis der Jesuiten kennengelernt, was mich angezogen hat.

 

Beschäftigen Sie sich immer wieder mit der Ignatius-Regel?

 

Ja, schon. Nicht so von A bis Z, aber immer wieder mit verschiedenen Punkten daraus, etwa bei den jährlichen Exerzitien und beim Exerzitien-Geben.

 

Was ist auch für Nicht-Ordensleute spannend bei der Regel des hl. Ignatius? Was davon kann man als Laie leben?


Die ignatianische Spiritualität ist etwas, was durchaus auch von Laien wahrgenommen wird. Da gibt es die „Gemeinschaften des christlichen Lebens“ (GCL), aber auch andere Formationen, die die Spiritualität des heiligen Ignatius aufgenommen haben und hier eine starke Maßgabe für ihr eigenes persönliches Leben finden.