Unter Hochmut (lateinisch superbia) versteht man seit der frühen Neuzeit den Habitus von Personen, die ihren eigenen Wert, ihren Rang oder ihre Fähigkeiten unrealistisch hoch einschätzen.
Weitere Begriffe dafür sind Anmaßung, Überheblichkeit, Arroganz, Einbildung, Blasiertheit, Prätention oder Dünkel.
Ein Verhalten, das von Hochmut zeugt, ist das Angeben, Prahlen, Großtun und Wichtigtun.
Der Gegensatz von Hochmut ist die Demut.
Psychotherapeut Marco Blumenreich: „Gerade Hochmut ist eine Gefahr, die immer da ist. Wenn man gelobt wird, wenn einem jemand auf die Schulter klopft und wenn man Anerkennung geschenkt bekommt, muss man schon aufpassen, dass man nicht dazu tendiert, hochmütig zu sein.“
Marco Blumenreich kennt das Gefühl des Hochmutes auch selbst, wie er sagt: „Zum Beispiel, wenn mir Menschen sagen, wie gut ich mich in meinem Alltag bewege, obwohl ich von Geburt an blind bin. Da muss ich schon aufpassen, dass ich mir in diesem Gefühl der Anerkennung gleichzeitig bewusst halte, dass ich selbst zwar viel leiste, aber dass ich letztendlich doch alles geschenkt bekommen habe. Mein Glaube hilft mir und bewirkt, dass Hochmut wieder in die Ferne rückt.“
Marco Blumenreich kennt durch seine Arbeit die Folgen von Hochmut: „Wir haben in der Therapie immer wieder Menschen, die darunter leiden, dass jemand hochmütig ist. Sehr oft also nicht diejenigen, die hochmütig sind, aber die Opfer.“
Wie äußert sich Hochmut?
Marco Blumenreich: „Er bewirkt, dass man sich selber nicht mehr wirklich sieht, also keine realistische Einschätzung von dem hat, was man ist und kann. Zugleich ist es so, dass wenn etwas nicht funktioniert, immer die anderen die Schuld dafür bekommen.“
Also eine Selbstüberschätzung?
Ja, aber nur zum Teil. Denn gleichzeitig ist es so, dass hochmütige Menschen einen Teil von sich selber gar nicht sehen – oder sehen wollen. Diesen blenden sie einfach mehr oder weniger geschickt aus.
Hat jeder von uns einen Hang dazu, ab und zu hochmütig zu sein?
Ja, natürlich kann es uns allen passieren, dass wir manchmal hochmütig sind. Das geht sehr schnell! Doch es gibt schon auch Menschen, die mehr dazu neigen, als andere. Und darunter leiden dann die Menschen im direkten Umfeld, wie der eigene Partner, oder Freunde. Und wenn ein Chef hochmütig ist – was sehr oft vorkommt – dann leiden die Mitarbeiter.
Gerade Menschen in Chefpositionen, die zu Narzissmus neigen, verabschieden sich oft sprichwörtlich nach oben hin und sind dann nach unten für die Mitarbeiter emotional nicht mehr erreichbar. Mitarbeiter leiden sehr oft unter solchen Chefs.
Aber nicht jeder ist in einer Chefposition. Gibt es Hochmut auch in ganz normalen Partnerschaften?
Ja klar. Hochmut erleben wir oft generell dort, wo der Respekt vor dem anderen nicht mehr gewahrt ist. Also dort, wo man dem anderen nicht mehr richtig zuhört und wo man sich emotional vom anderen entfernt.
Dann kann es nämlich zu hochmütigen Missverhältnissen im Dialog kommen. Das geht sogar so weit, dass nur noch über Kommandos, Beschimpfungen, Vorwürfen oder mit Streit kommuniziert wird – oder die Kommunikation komplett verebbt.
Christen gehen davon aus, dass Hochmut eine Sünde ist. Zu Recht?
Ganz klar ja! Weil Hochmut Leiden verursacht, für andere und für einen selbst. Wenn wir davon ausgehen, dass Gott uns erschaffen hat, dann ist die Sünde wie eine Verfehlung des Lebensziels, dass wir miteinander und füreinander in Liebe da sind. Hochmut bringt uns immer auch ein Stück weit von Gott weg.
Sie sagen, dass hochmütige Menschen, selbst oft gar nicht merken, dass sie Leiden verursachen. Warum ist das so?
Man sagt zu schnell und zu leicht „ich bin halt so“. Oder man legt sich Begründungen zurecht, etwa: „Das habe ich mir verdient, ich kann mir jetzt auch etwas nehmen.“
Und man muss bedenken, dass Hochmut ja auch oft eine Art Schutzhandlung ist – gerade um mangelndes Selbstbewusstsein zu überlagern. Denn ganz oft entwickelt sich Hochmut bei Menschen, die in der Kindheit zu wenig angenommen und geliebt wurden.
Dann müsste man ja eigentlich Mitleid mit ihnen haben?
Auch wenn sie es nicht immer merken, leiden hochmütige Menschen selber. Sie tendieren dazu, dass sie auf der emotionalen Ebende sehr gefühlskalt sind – und im Extremfall gar keine Emotionen (mehr) empfinden können.
Deswegen kann ich nur dazu appellieren, auch wenn es schwer fällt, einem hochmütigen Menschen gegenüber trotzdem auf Augenhöhe zu begegnen, also zu versuchen, in Beziehung zu bleiben und nicht zu sagen „So ein hochmütiger Pimpf“. Wir brauchen das Vertrauen, dass Menschen sich ändern können.
Hilft der Glaube gegen Hochmut?
Ja, davon bin ich überzeugt. Wenn wir uns vor Augen halten, dass Jesus die Mitte ist, versteht man, dass man selbst nicht der Mittelpunkt der Welt ist. Das tut gut und bringt uns in eine demütige Haltung.
Demut aber nicht in dem Sinn, dass ich mir denke, ich bin wertlos – sondern es geht darum, dankbar dafür zu sein, dass ich selbst große und wunderbare Fähigkeiten habe, die aber von Gott kommen.
Gibt es ein gesundes Selbstbewusstsein?
Ja klar. Und gerade im kirchlichen Bereich brauchen wir dieses Selbstbewusstsein. Wir tendieren nämlich oft dazu, Gutes zu tun und ja nicht darüber zu sprechen, damit wir eben nicht hochmütig wirken.
Es ist aber aus meiner Sicht voll in Ordnung und auch wichtig, Dinge, die gut funktionieren, mutig nach außen zu tragen. Und wenn man dann anstatt „Ich bin stolz darauf“ sagt und denkt „Ich bin dankbar dafür“ – dann ist das gut.
Welche Tipps haben Sie, um sich laufend vor Hochmut zu schützen?
Was uns allen helfen kann, ist, zu nahestehenden ehrlichen Menschen zu gehen und sie zu fragen: Wie siehst Du mich? Wie empfindest du mich in dieser Situation? Denn typisch für Hochmut ist, dass die Eigenwahrnehmung oft von der Realität – und damit von der Fremdwahrnehmung – abweicht.
Deswegen einfach ab und zu mit anderen reden und das Feedback auch wirklich dankbar annehmen und sich zu Herzen nehmen.
Außerdem sind regelmäßige Aussprachen mit einem geistlichem Begleiter explizit empfehlenswert. Einige von uns Psychotherapeuten arbeiten mit Priestern zusammen und umgekehrt schicken uns Priester Menschen zur Therapie, wenn zum Beispiel medizinische Gründe vorliegen. Diese beidseitige Zusammenarbeit ist sehr wichtig.