Wer in Mailand eine Messe besucht, merkt es sofort: Hier klingt die Liturgie anders. Die Abläufe sind vertraut, aber nicht identisch mit dem, was man aus dem römischen Ritus kennt. Das liegt am Ambrosianischen Ritus, einer der ältesten Liturgietraditionen des Westens – eigenständig gewachsen, oft bedroht, aber bis heute lebendig.
Sein Ursprung reicht in die Spätantike zurück, in eine Zeit, in der Mailand politisches und kirchliches Zentrum war. Die dortige Liturgie entwickelte sich in enger Berührung mit gallikanischen und orientalischen Formen. Und obwohl Rom im Laufe der Jahrhunderte vieles vereinheitlichte, blieb Mailand eigenwillig – und stolz auf seine Tradition. Dass dieser Ritus überlebt hat, ist keine Selbstverständlichkeit. Zweimal stand er kurz vor dem Aus.
Karl Borromäus, der große Reformbischof des 16. Jahrhunderts, rettete ihn nach dem Konzil von Trient, indem er ihn erneuerte und theologisch festigte.
Und Kajetan Gaisruck, ein gebürtiger Kärntner und Erzbischof von Mailand in der nachnapoleonischen Zeit, verteidigte ihn erneut gegen römische Vereinheitlichungsversuche. Ohne diese beiden Männer wäre der Ambrosianische Ritus heute wohl Geschichte.
Ein vertrauter Ablauf – mit überraschenden Wendungen
Die Messe im Ambrosianischen Ritus folgt grundsätzlich der gleichen Struktur wie die römische Messe: Eröffnungsriten, Wortgottesdienst, Eucharistiefeier, Schlussriten. Doch innerhalb dieser Ordnung setzt Mailand eigene Akzente, die den Charakter der Liturgie prägen.
Schon der Beginn wirkt anders. Die Gemeinde singt oft die traditionelle dreifache Anrufung „Kyrie eleison“, die im Ambrosianischen Ritus eine besondere Rolle spielt. Wird der alte Gesang der zwölf Kyrie gesungen, entfällt sogar der Bußakt. Nach dem Gloria folgt ein Gebet, das „Gebet zu Beginn der versammelten Gemeinde“.
Auch die Lesungen haben ihre eigene Dramaturgie. Vor jeder Lesung bittet der Lektor den Priester um eine Segnung – ein Brauch, der schon bei Ambrosius bezeugt ist. Nach dem Evangelium bereiten die Ministranten während eines Gesangs bereits den Altar vor. Wort und Mahl sind hier enger miteinander verwoben als im römischen Ritus.
Eine der auffälligsten Besonderheiten folgt danach: Der Friedensgruß steht zwischen Wortgottesdienst und Eucharistiefeier, nicht kurz vor der Kommunion. Damit bewahrt der Ambrosianische Ritus eine Tradition, die in der frühen Kirche weit verbreitet war und heute vor allem in den östlichen Liturgien weiterlebt.
Auch die Gabenbereitung hat ihre Eigenheiten. Das Credo steht hier – nicht nach der Predigt. Im Ambrosianischen Ritus gilt das Glaubensbekenntnis als Voraussetzung für die Eucharistie, nicht als Antwort auf das Wort.
Im Eucharistischen Hochgebet selbst bleibt vieles vertraut. Doch danach folgt ein eigener Ritus: das Brechen des Brotes, begleitet von einem besonderen Gesang. Erst dann kommt das Vaterunser.
Die Messe endet mit einem weiteren ambrosianischen Markenzeichen: drei Kyrie eleison vor dem Segen und dem Entlassungsruf.
Der Ambrosianische Ritus ist mehr als eine regionale Besonderheit. Er ist ein Fenster in die frühe Kirche, ein Stück lebendige Tradition, das sich gegen alle Vereinheitlichungswellen behauptet hat. Er zeigt, dass die katholische Liturgie nie völlig monolithisch war – und dass Vielfalt nicht Schwäche bedeutet, sondern Reichtum. Mailand feiert anders. Und gerade darin liegt seine Stärke.