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Impressionen aus dem Wiener Stadttempel der Israelitischen Kultusgemeinde
Erzdiözese Wien/ Schönlaub, Stephan Schönlaub / Impressionen aus dem Wiener Stadttempel der Israelitischen Kultusgemeinde
22.01.2026

Wien: Eine Geschichte von Judentum und Christentum

Wien erzählt auf kleinem Raum eine große Geschichte: vom jüdischen Viertel am Judenplatz über den Stadttempel bis zur Leopoldstadt. Seit dem Mittelalter prägten Nähe im Alltag und kirchlich verordnete Distanz das Miteinander:

 

  • 1420/21 und 1670 stehen für Vertreibung und Gewalt
  • das 19. Jahrhundert für Emanzipation und kulturelle Blüte
  • 1938–45 für Zerstörung und Deportation
  • 1965 markiert das Zweite Vatikanische Konzil mit „Nostra aetate“ die Wende: Abkehr vom Antijudaismus, Anerkennung der bleibenden Erwählung Israels.

Heute verbinden Mahnmale, „Mechaye ha-Metim“, der Koordinierungsausschuss und klare kirchliche Stimmen die Vergangenheit mit Verantwortung – als gelebte Gegenwart einer lernfähigen Stadt.

Wer heute durch die Wiener Innenstadt geht, kann die ganze lange Geschichte in einem halben Tag abschreiten. Am Judenplatz blickt man auf das verschlossene Bücherhaus von Rachel Whiteread: das Mahnmal für die 65.000 ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden, enthüllt am 25. Oktober 2000, eingefasst in einen Platz, unter dessen Pflaster die archäologischen Reste der mittelalterlichen Synagoge zugänglich sind. Die BetonBibliothek ohne Eingang ist kein tröstliches Kunstwerk, sondern eine Absage an bequeme Erzählungen – ein bewusst untröstlicher Ton in Barockkulisse.

 

Ein paar Gehminuten weiter, in der Seitenstettengasse, liegt der Stadttempel (1826), die einzige historische Wiener Synagoge, die den November 1938 architektonisch überstand; die dicht verbaute Lage hinderte das Abbrennen. Und über den Donaukanal, in der Leopoldstadt, erinnern vier weiße Säulen an den Leopoldstädter Tempel (1858–1938), einst eine der größten Synagogen Europas, 1938 zerstört. Zwischen diesen drei Orten – Judenplatz, Seitenstettengasse, Tempelgasse – liegen acht Jahrhunderte gemeinsamen Lebens, Trennung, Gewalt und Neubeginn. Diese dichte räumliche Lesbarkeit macht die Wiener Geschichte einzigartig, aber sie verpflichtet auch zu Genauigkeit.

 

Jüdische Geschichte ab 1200 in Wien

Um 1200 formiert sich die erste große jüdische Gemeinde am späteren Judenplatz: eine Synagoge, eine Schule, ein Spital, ein Friedhof – die Grundmatrix jüdischer Selbstorganisation ist vollständig. Der Gelehrte Isaak Ben Mose, „Or Sarua“, verbindet Wien mit dem aschkenasischen Gelehrtennetz und kommentiert Rechtsfragen, die bis heute zitiert werden.

 

Gleichzeitig steht die Gemeinde in einem Herrenrecht, das Schutz gewährt und Abhängigkeit schafft: Die Judenordnung von 1244 regelt Handel, Pfandwesen, Eidesformen und eine eigene Gerichtsbarkeit (Judenrichter). Doch schon Ende des 12. Jahrhunderts zeigt sich, wie brüchig Schutz ist: 1196 stürmen Kreuzfahrer das Haus des herzoglichen Münzmeisters Schlom, ermorden ihn und 15 Personen seines Haushalts; Herzog Friedrich I. lässt – ungewöhnlich entschlossen – die Anführer hinrichten. Dies ist die früheste Wiener Szene, in der Rechtsordnung und Volkszorn direkt kollidieren.

 

Entscheidend für das Alltagsklima wird 1267 das Wiener Provinzialkonzil im Stephansdom. Was das IV. Laterankonzil (1215) grundgelegt hatte, wird hier lokal festgeschrieben: Kennzeichnungspflicht, sozialer Abstand, Bauauflagen für Synagogen. Theologisch steht dahinter die Vorstellung, das Judentum sei zwar Träger der Verheißung, in der Heilsgeschichte aber von der Kirche überboten; im Bildprogramm heißt das „Ecclesia versus Synagoga“. Praktisch führt das zu einer Erziehung zur Distanz – kein Vernichtungsprogramm, aber eine dauerhafte Entfremdung im Alltag der Stadt.

 

Der Brand im jüdischen Viertel

Ein Detail, das selten erzählt wird: Der Brand im jüdischen Viertel 1406 – ausgerechnet in der Synagoge ausgebrochen – schwächt die Gemeinde wirtschaftlich, weil Pfänder, Geschäftsbücher und Sicherheiten in Flammen aufgehen. In den Prozessen der Folgejahre versuchen christliche Schuldner, sich auf verlorene Pfandbriefe zu berufen; der Misstrauenspegel steigt, und die Predigt liefert zunehmend die Moral zu ökonomischen Konflikten. Solche Krisen sind die Zündschnüre für spätere Eskalationen.

 

1420/21 kommt es zur staatlich gelenkten Verfolgung, die als Wiener Gesera erinnert wird. Unter Herzog Albrecht V. werden Juden verhaftet, zur Taufe gezwungen, vertrieben oder hingerichtet; über zweihundert Tötungen nennen die Quellen. Die Synagoge am Judenplatz wird zerstört. Die Begründungen folgen dem damaligen Repertoire: vermeintliche Hostienschändung, Ritualmordgerüchte, Kontakte zu Hussiten.

 

1419 hatte die Theologische Fakultät der Universität Wien bereits eine Debatte über „jüdische Blasphemie“ geführt – keine direkte Befehlslinie, aber ein klares Diskursklima, das die Maßnahmen begünstigt. In der jüdischen Überlieferung bleibt der Kiddusch Haschem, also Selbsttötungen in der Synagoge, um Zwangstaufen zu entgehen. Später kursieren verschiedene jiddische Fassungen der „Wiener Gesera“, die die Forschung ediert und einordnet. Heute kann man die Synagogenreste unter dem Mahnmal besichtigen; zwei Schichten der Geschichte – 1421 und 1938 – liegen hier aufeinander.

 

Ein Nachhall, der oft übersehen wird: In der Jordangasse, Ecke Judenplatz, hängt ein spätgotisches Relief mit der Taufe Jesu und einer lateinischen Inschrift, die die Vernichtung der Juden feiert – hoch angebracht, schwer lesbar, aber bis heute sichtbar. Es ist ein steingewordenes Triumphzeichen über die „Synagoga“. Dass das Mahnmal heute praktisch visàvis steht, ist mehr als urbaner Zufall: Es korrigiert die alte Erzählung im selben Bildraum.

 

17. Jahrhundert

Im 17. Jahrhundert entsteht jüdisches Leben neu – nun am Unteren Werd, der späteren Leopoldstadt. 1624 legt Ferdinand II. ein Ghetto an: drei Synagogen, Klaus, Mikwe, Hospitäler, eigene Zivilgerichtsbarkeit. Berühmt ist der Rabbiner Jomtow Lipman Heller, der in Prag und Wien wirkte und später in Krakau die „Tosafot Jom Tov“ verfasst. Der Untere Werd ist Schutzraum und Stigma zugleich: Die Mauern sichern vor Pogromen, aber sie markieren: Ihr seid die Anderen.

 

Dann die zweite Vertreibung. Leopold I. ordnet 1669/70 die Ausweisung an. Die Synagoge wird abgetragen, die Leopoldskirche errichtet; die „Judenstadt“ heißt fortan Leopoldstadt. Leopold Karl von Kollonitsch, später Erzbischof von Wien, und der Kapuziner Emerich Sinelli argumentieren religiös und politisch; die Stimmung im Bürgertum ist antijüdisch aufgeladen. Wirtschaftlich spürt es die Stadt rasch: Steuerausfälle und Leistungseinbußen sind real; in den 1670ern und 1680ern wird die Wiedereinwanderung in Einzelfällen wieder erlaubt.

 

Dass ein Bezirk bis heute den Namen des Vertreibers (Leopoldstadt) trägt, ist eine Wiener Eigentümlichkeit, die die Ambivalenz konserviert: Erinnerung als Ortsname.

 

Eine bezeichnende Notiz: Der jüdische Friedhof in der Seegasse wird vor der Zerstörung bewahrt, indem man Steine vergräbt; nach 1945 werden sie wieder aufgefunden und aufgestellt. So überlebt der älteste jüdische Friedhof Wiens, wenn auch in fragmentarischer Form – ein archäologisches Gedächtnis für eine ausgetriebene Gemeinde.

 

18. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert stehen Maria Theresia und Joseph II. oft im Vordergrund; man sollte Samuel Oppenheimer und Samson Wertheimer daneben stellen. Die beiden Hoffaktoren finanzieren Heere, liefern Proviant, organisieren Kreditketten – unentbehrlich für die monarchische Kriegswirtschaft, aber stets angreifbar.

 

1718 entsteht in Wien eine kleine sephardischtürkische Gemeinde, deren Rechtsstatus sich von der aschkenasischen Mehrheit unterscheidet. Joseph II. erlässt am 2. Januar 1782 für Wien und Niederösterreich das Toleranzpatent: Zugang zu Schulen und Gewerben, Abschaffung entwürdigender Abgaben, deutsche Sprache als Verwaltungssprache – aber weiter Beschränkungen bei Gemeindeautonomie und Besitz.

 

Integration erfolgt aus Nützlichkeit, noch nicht aus religiöser Anerkennung. Es ist ein Schritt, nicht das Ziel. Das Staatsgrundgesetz von 1867 bringt Gleichstellung und Religionsfreiheit.

 

Wien wird in wenigen Jahrzehnten zur jüdischen Metropole Mitteleuropas. Der Stadttempel (Seitenstettengasse, 1826), geplant von Joseph Kornhäusel, ist als Toleranzbethaus in einen Wohnblock integriert – ein baurechtliches Erbe der josephinischen Zeit. Isak Noa Mannheimer als Prediger und Salomon Sulzer als Oberkantor prägen Liturgie und Musik; Sulzers Synagogenmusik wird europaweit stilbildend. Die Gemeinde organisiert sich mit Schulen, Spitälern, Wohlfahrt; 1890 verleiht das Israelitengesetz der IKG den öffentlichrechtlichen Status.

 

Gleichzeitig entstehen zahlreiche neue Synaogogen. Der Leopoldstädter Tempel (Architekt Ludwig Förster, 1858) wird zum Vorbild für Prag, Krakau und Bukarest; sein Innenraum nach der Restaurierung von 1921 war in Farbe und Ornamentik überwältigend.

 

Und doch tat sich die Mehrheitsgesellschaft schwer: Christlichsoziale Programme und völkische Pamphlete arbeiteten in den 1890er und 1900er Jahren mit antijüdischen Stereotypen – weniger theologisch, mehr national und sozial. So steht neben Freud, Kelsen, Mahler, Schönberg, Schnitzler und Zweig die andere, dunkle Druckerschwärze der Zeitungen und Flugblätter. Diese Dissonanz begleitet die Erste Republik. Eine soziale Fußnote: In den ArmenKüchen der IKG werden um 1900 täglich tausende Mahlzeiten ausgegeben – nicht nur an Juden, sondern auch an NichtJuden, wenn Not am Mann ist. Diakonie ist in Wien keine Einbahnstraße; sie schafft kontaktarme Solidarität – gemeinsam stehen, getrennt bleiben.

 

1918 bis 1938

Zwischen 1918 und 1938 radikalisiert sich Europa; in Wien nimmt die antisemitische Agitation zu, teils als „Sozialkritik“, teils offen. Im März 1938 kommt der „Anschluss“. Auf Straßen und Plätzen beginnen die Reibpartien – Juden werden zum Straßenscheuern gezwungen, unter Gejohle, unter Blicken. Geschäfte werden arisiert, Wohnungen geräumt, Existenzen vernichtet.

 

In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 brennen in Wien die Synagogen und Bethäuser. Der Stadttempel entgeht dem Abbrennen, weil er in einen Häuserblock eingebaut ist – er wird dennoch verwüstet.Tausende werden verhaftet, verschleppt, gedemütigt.

 

Die Kirchen? Einzelne halfen, ja. Aber breit und hörbar war der Widerstand nicht. Theodor Kardinal Innitzer, Erzbischof von Wien, unterschreibt am 18. März 1938 eine Unterstützung des Anschlusses Österreichs ans Deutsche Reich mit  „Heil Hitler!“ Später folgt eine Korrektur – unter Druck aus Rom –, doch der Schaden ist angerichtet, ein Schaden, dessen sich Innitzer bewusstwird und zeitlebens drunter leidet. Diese Episode ist Lehrstück in kirchlicher Zeitdiagnostik: klare Stimme versäumt.

 

Ab 1941

Ab Februar 1941 beginnen die Deportationen aus Wien, vor allem vom Aspangbahnhof (3. Bezirk), später auch vom Nordbahnhof (2. Bezirk). Bis Oktober 1942 gehen 45 Transporte nach Lodz, Minsk, Riga, Theresienstadt, Sobibor, Auschwitz – 45.527 Menschen allein in dieser ersten Phase. Danach folgen „Nachtransporte“ 1943–45, häufig in kleineren Gruppen.

 

65.000 ermordete Juden

In Summe werden mehr als 65.000 österreichische Juden ermordet; die meisten von ihnen waren Wiener. Aspang und Nordbahnhof sind heute ein Stadtentwicklungsgebiete; Gedenkzeichen erinnern an die Waggons in die Leere. Ein wenig beachtetes Detail: Die Verwaltungslisten der IKG – Matrikel, Hauslisten – wurden von den Nationalsozialisten benutzt, um Deportationen zu organisieren. Dass das IKGArchiv (seit 1852) dennoch überlebt hat, ist ein Glücksfall der Quellenlage; es liegt heute in zentralen Beständen als Leihgabe im Wiener Wiesenthal Institut – für Forschung, Restitution, Familienarbeit.

 

Nach 1945

1945/46 zählt die jüdische Gemeinde Wien nur noch einige tausend Menschen – Rückkehrer, „UBoote“, Überlebende, wenige Remigranten. Österreich erzählt sich lange als „erstes Opfer“; erst die WaldheimDebatte 1986 kippt das Narrativ in Richtung Mitverantwortung. 1991 bekennt Bundeskanzler Franz Vranitzky offiziell die Mitverantwortung österreichischer Bürger an NSVerbrechen. Der Judenplatz erhält 2000 ein Mahnmal von Whiteread und darunter ein Museum mit Synagogenresten. Die Inschrift auf dem Sockel listet die Lager; die Türen des „Bücherhauses“ bleiben ohne Klinke – kein Zutritt zur Erzählung, die man gern schließen würde. Ein Blick auf die Gestaltung lohnt: An den Kanten des Sockels sind die Namen der Vernichtungsorte alphabetisch eingeschrieben – Auschwitz wartet hier auf B wie Bełżec – eine Systematik gegen die Anekdote. Und im Pflaster markieren Bronzeplatten den Grundriss der Synagoge darunter – Archäologie als zweiter Textband, über dem die Gegenwart geht.

 

Theologischer Wendepunkt

Der theologische Wendepunkt ist 1965 – „Nostra aetate“ vom 28. Oktober. Drei Sätze sind fundamental. Erstens: Die Kirche bekennt die bleibende Erwählung Israels; Gottes Bund ist nicht widerrufen. Zweitens: Sie verwirft den Antisemitismus in jeder Form. Drittens: Sie verabschiedet die Substitutionstheologie – die Vorstellung, die Kirche habe Israel ersetzt. Das ist eine bis heute nicht völlig eingelöste epochale Wende: nicht „außerhalb“ liegende Juden, sondern ein Beziehungsbegriff von Kirche, der israeltheologisch denkt.

 

Die Wiener Umsetzung trägt einen Namen: Franz Kardinal König. Er arbeitet an den Konzilstexten mit und denkt pastoral. 1956 wird – auf Initiative unter anderem von Prälat Karl Rudolf und dem Judaisten Kurt Schubert – der Koordinierungsausschuss für christlichjüdische Zusammenarbeit gegründet, zunächst in Pax Christi, seit 1965 als eigenständiger Verein. König unterstützt ihn, ermutigt die Öffnung in Bildung, Katechese und Medien. König hat es einmal ohne Zier gesagt: Christen hätten lange so gehandelt, als bräuchten sie das Alte Testament nicht ganz ernst zu nehmen. Genau das ist der Kern der Wende – das Ernstnehmen der eigenen Quellen und ihrer jüdischen Herkunft.

 

Mechaye haMetim

Seit Jahrzehnten findet in Wien um den 9. November eine Gedenkwoche mit einem hebräischen Titel: „Mechaye haMetim – Der die Toten auferweckt“ statt. Der Auftakt ist ein ökumenischer Gottesdienst in der Ruprechtskirche (Wiens älteste Kirche, in der Nähe des Stadttempels und des Morzinplatzes, der alten Gestapozentrale), danach ein Schweigegang durch die Innenstadt zum Judenplatz. Es ist eine schlichte Choreografie – keine Rednertribüne, keine Parade –, aber sie setzt Stadt, Kirche und jüdische Gemeinde sichtbar in ein gemeinsames Erinnern. Vorträge, Gedenkspaziergänge und Schulangebote rahmen die Woche. Träger sind christliche und jüdische Organisationen gemeinsam; der Koordinierungsausschuss koordiniert Programmteile, vermittelt Referentinnen und Referenten, publiziert in „Dialog – DuSiach“ und arbeitet mit der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule zusammen. Der Weg zwischen Morzinplatz und Stadttempel zeigt die Nähe von Verfolgung und Gottesdienst im Wiener Stadtraum – und warum Erinnerung hier nicht Amtskultur, sondern Bürgerpraxis ist.

 

Die Gegenwart

Zur Gegenwart gehört Klarheit. Christoph Kardinal Schönborn, Erzbischof von 1995 bis 2025, hat Antisemitismus wiederholt scharf verurteilt, die Vertreibung von 1670 als „Katastrophe“ benannt und Fürbitten in allen Pfarren angeregt. Nach antisemitischen Ausschlägen 2023 erklärte er: kein Platz für Judenhass, verbunden mit der Selbstkritik, dass kirchliche Polemik der Vergangenheit den Boden bereitet hatte. 2025 widmet die IKG ihm im Stadttempel einen Stern in der Kuppel – kein Gleichmachen, sondern ein öffentliches Vertrauenszeichen.

 

Die Erklärung „Nostra aetate“ ist keine verhandelbare Absichtserklärung der katholischen Kirche, sondern Arbeitsprogramm. In Seminaren und Priesterfortbildung wird das jüdischchristliche Verhältnis neu unterrichtet; Lehrpläne in Religionspädagogik und Erwachsenenbildung rücken uralte Gedankengebäude zurecht. Problematische Karfreitagsgebete werden redigiert; Passionspredigten daraufhin befragt, inwieweit sie eine angebliche Kollektivschuld des Judentums transportieren. Die Bibelwissenschaft arbeitet mit jüdischen Partnern; Gedenkformate wie „Mechaye haMetim“ verbinden Theologie, Liturgie und Zivilgesellschaft. Der Koordinierungsausschuss – 1956 als Arbeitskreis, 1965 als Verein – ist die Drehscheibe: Schulprojekte, Stadtspaziergänge, Ausstellungen, wissenschaftliche Reihen. Ohne diese strukturierte Arbeit gäbe es keinen nachhaltigen Wandel.

 

Wer vom Stephansdom zum Stadttempel, von dort zum Judenplatz und weiter in die Tempelgasse geht, sieht die ganze Geschichte in einer Stunde: mittelalterliche Trennung (Dom), bürgerliche Sichtbarkeit (Stadttempel), doppelte Erinnerung (Judenplatz 1421/2000), zerbrochene Monumentalität (Leopoldstädter Tempel). Dazu Seegasse, Währinger Friedhof, Morzinplatz. Wien hat gelernt, was Erinnerung bedeutet: nicht Schuldverhaftung als Dauerzustand, wohl Verantwortlichkeit als Praxis. Und die Kirche hat gelernt, sich selbst biblisch zu lesen – mit Israel, nicht gegen Israel. Das ist der Kern der epochalen Wende von 1965 – und der Grund, warum die Geschichte von Judentum und Christentum in Wien heute belastbar erzählt werden kann: klar, unbeschönigt, fair.