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Kardinal Franz König.
Franz Josef Rupprecht, Rupprecht@kathbild.at / Kardinal Franz König.
09.02.2026

Franz Kardinal König: Brückenbauer zwischen Kirche und Welt

Franz Kardinal König (1905–2004): Erzbischof von Wien (1956–1985), Konzilsvater und Gründer von PRO ORIENTE. Ein Brückenbauer zwischen Kirche und Welt: engagiert für Ökumene und interreligiösen Dialog, mutig in der Ostpolitik, nahe bei den Menschen seiner Diözese. Sein Vermächtnis prägt Wien und weit darüber hinaus.

Franz Kardinal König prägte nahezu ein halbes Jahrhundert österreichische und weltkirchliche Geschichte – als Erzbischof von Wien (1956–1985), Konzilsvater, Ökumene‑Pionier und beharrlicher Anwalt des Dialogs mit Andersdenkenden und Andersgläubigen. Sein Wirken spannt sich von der Seelsorge in der ländlichen Diözese St. Pölten über die großen Debatten des Zweiten Vatikanischen Konzils bis zur kirchlichen Ostpolitik und zur Gründung der Stiftung PRO ORIENTE. Nicht zufällig wurde er im In- und Ausland als „Brückenbauer“ gewürdigt.

 

Die frühen Jahre

Herkunft, Ausbildung und erste Jahre als Priester (1905–1952)

Franz König wurde am 3. August 1905 in Warth bei Rabenstein an der Pielach (Niederösterreich) geboren. Nach der Volksschule in Kirchberg/Pielach besuchte er das Stiftsgymnasium Melk und maturierte 1927 mit Auszeichnung. Ein kirchliches Stipendium führte ihn nach Rom (Collegium Germanicum), wo er an der Päpstlichen Universität Gregoriana Philosophie und Theologie studierte und 1930 zum Dr. phil. promoviert wurde. 1933 empfing er in Rom die Priesterweihe und schloss 1936 das Theologiestudium mit dem Dr. theol. ab.

 

Erstes Wirken

Von 1934 bis 1937 wirkte König als Kaplan in der Diözese St. Pölten (u. a. Altpölla, Neuhofen/Ybbs, St. Valentin, Scheibbs). Während der NS‑Zeit war er Domkurat in St. Pölten und engagierte sich in der Jugendseelsorge. Nach Kriegsende 1945 wurde er Religionsprofessor in Krems; 1946 habilitierte er sich in Wien als Privatdozent für Religionswissenschaften.

 

Seit 1948 lehrte er in Salzburg als ao. Professor für Moraltheologie und wirkte an dem Standardwerk „Christus und die Religionen der Erde“ (1951) federführend mit; 1956 erschien sein „Religionswissenschaftliches Wörterbuch“. Diese wissenschaftliche Prägung – besonders seine Beschäftigung mit altiranischer Religion (Zarathustra) – bereitete jene Weite des Blicks vor, die sein späteres Dialog‑Engagement kennzeichnen sollte.

 

Bischof, Erzbischof, Kardinal (1952–1958)

Am 31. Mai 1952 ernannte Papst Pius XII. König zum Titularbischof von Livias und Koadjutor in St. Pölten; die Bischofsweihe erfolgte am 31. August 1952. 1953 initiierte er als damaliger Familienreferent der Österreichischen Bischofskonferenz den Katholischen Familienverband Österreichs.

 

Nach dem Tod von Kardinal Theodor Innitzer ernannte Pius XII. ihn am 10. Mai 1956 zum Erzbischof von Wien (Inthronisation 17. Juni 1956). Sein bischöflicher Wahlspruch stammte aus Eph 4,15: Veritatem facientes in caritate – die Wahrheit in Liebe tun. 1958 erhob ihn Johannes XXIII. zum Kardinal.

 

Seelsorge bei den Menschen

In Wien entwickelte König früh einen Stil „nachgehender Seelsorge“: Hunderte Pfarrbesuche, Präsenz in Schulen und Betrieben und der bewusste Dialog mit der Arbeiterschaft. Zugleich löste sich die Kirche in Österreich auf seine Initiative hin aus alten politischen Lagerbindungen – ein Beitrag zur Entkrampfung des Staat‑Kirche‑Verhältnisses in der Zweiten Republik.

 

Konzilsvater und geistiger Architekt des Dialogs (1962–1965)

Weitblick aus Wissenschaft und Seelsorge. Als Konzilsvater des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) gehörte König zu den profilierteren Stimmen der Erneuerung. Alss einen theologischen Berater wählte er den Jesuiten Karl Rahner.

 

Seine theologische Weite – geschult an Philosophie, Religionswissenschaft und pastoraler Erfahrung – befähigte ihn, verschiedene Stränge der Konzilsarbeit miteinander zu verbinden: das neue Kirchenbild als „Volk Gottes“, die Öffnung zur Welt, Ökumene und den interreligiösen Dialog. Zeitgenössische und neuere Bewertungen heben Königs mitgestaltenden Anteil an zentralen Konzilsdokumenten hervor, darunter Lumen gentium, Gaudium et spes, Unitatis redintegratio und Nostra aetate.

 

Gerade das epochale Dokument „Nostra aetate“ (1965), die bahnbrechende Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, entstand nach schwieriger Vorgeschichte und wurde schließlich mit überwältigender Mehrheit angenommen. Sie verurteilte den Antisemitismus, erneuerte die theologische Sicht auf das Judentum und würdigte – ohne Relativismus – auch das „Wahre und Heilige“ in anderen Religionen. Dass König die positive Einstellung zum Judentum und den strukturierten interreligiösen Dialog mitgedacht und befördert hat, gehört zu seinem bleibenden Erbe.

 

Kommunikation, Medien und der „pastorale Stil“

Aktuelle Konzilsforschung weist zudem auf Königs kommunikative Schlüsselrolle hin: Er befürwortete transparente Information für Journalist:innen und trug zu einem „pastoralen Lehrstil“ der Kirche bei, der die Menschen und ihre Fragen ernstnimmt. Eine jüngst ausgewertete Studie über Medien und Konzil betont, wie stark Königs Einfluss in heiklen Dossiers (Religionsfreiheit, Nostra aetate) wahrgenommen wurde.

 

PRO ORIENTE (seit 1964): Institutionalisierte Ökumene „aus Wien“

Aus der konziliaren Öffnung erwuchs 1964 die von König gegründete Stiftung PRO ORIENTE, die dialogische Brücken zwischen Rom und den Kirchen des Ostens baut – Orthodoxie und orientalisch‑orthodoxe Kirchen. Das Wiener Profil: geschützte Räume des Austauschs, theologisch fundierte Konsultationen (z. B. die Wiener Christologische Formel von 1971/72), persönliche Beziehungen zu Patriarchen und Metropoliten – und die Überzeugung, dass Wien eine besondere Ost‑West‑Verbindungsfunktion erfülle. PRO ORIENTE wirkt bis heute; 2024/26 wurde das 60‑Jahr‑Jubiläum mit internationaler Beteiligung begangen. König blieb der Stiftung bis zu seinem Tod als Protektor und Ratgeber verbunden – mit der schlichten, programmatischen Mahnung: „Die Ökumene muss weitergehen.“

 

Ostpolitik, Mut und Maß: König als inoffizieller Diplomat hinter dem Eisernen Vorhang (1960er/70er)

Mit großer persönlicher Courage überschritt König früh den Eisernen Vorhang. Ein prägendes Datum ist der 13. Februar 1960: Auf dem Weg zum Begräbnis von Kardinal Stepinac (einem Studienkollegen Königs im Collegium Germanicum et Hungaricum) verunglückte sein Wagen in der Nähe von Varaždin im Norde Kroatiens ; im Krankenhaus, unter dem Porträt Titos, reifte in ihm die Gewissheit, sich systematisch der leidenden Kirche im Osten zuzuwenden. Es folgten zahlreiche diskrete Reisen nach Polen, Ungarn, Rumänien und andere Staaten – oft als einzige vertrauenswürdige Informationsbrücke zwischen Ortskirchen und Rom.

 

Österreichische und internationale Darstellungen nennen ihn den „inoffiziellen Diplomaten des Papstes“. Besonders heikel war die Causa Kardinal József Mindszenty. Seit dem Herbst 1956 lebte der ungarische Primas, nach sowjetischer Niederschlagung der Revolution, isoliert in der US‑Botschaft in Budapest. Ab 1963 besuchte ihn König regelmäßig im Auftrag des Papstes, um einen Ausweg zu suchen. 1971 verließ Mindszenty schließlich Budapest ins Exil; Königs Rolle dabei war die des verlässlichen, empathischen und zugleich realpolitisch denkenden Vermittlers – ein Balanceakt zwischen Loyalität zur leidenden Kirche und den Möglichkeiten eines diplomatischen „Tauwetters“.

 

Historische Studien zur Vatikanischen Ostpolitik bestätigen Königs Bedeutung als Mittlerfigur und kontextualisieren die damals umstrittenen Schritte Roms, inklusive der schrittweisen Lösung des verfahrenen Mindszenty‑Komplexes. Auch hier zeigt sich sein Profil: eine realistische Hoffnung, die Möglichkeiten des Augenblicks nutzt, ohne die Prinzipien zu verraten.

 

Die Papstwahl 1978: Weichenstellung mit Weltgeschichte

Beim Konklave im Oktober 1978 – nach dem plötzlichen Tod von Johannes Paul I. – kam es zur Wahl des Krakauer Erzbischofs Karol Wojtyła zum Johannes Paul II. Beobachter und spätere Analysen heben hervor, dass Kardinal König im festgefahrenen Patt zwischen italienischen Kandidaten maßgeblich Wojtyłas Namen ins Spiel brachte und über nationale Lager hinweg Koalitionen schmiedete. Damit leistete er einen Beitrag zu einer Wahl, die nicht nur kirchen- sondern auch weltpolitisch Folgen hatte.  Zeitgenössische Rückblicke (u. a. New York Times, Washington Post) würdigten König nicht nur als Brückenbauer zwischen Ost und West, sondern auch als Kardinal mit entscheidendem Anteil an der Wahl eines Papstes aus dem Osten – mit symbolischer und realer Wirkung für Europas Weg in die Freiheit.

 

Präsident des vatikanischen „Sekretariats für die Nichtglaubenden“ (1965–1981)

Noch während der Konzilsjahre betraute Paul VI. König mit der Leitung des neu geschaffenen Sekretariats für die Nichtglaubenden (heute: Dikasterium für den Dialog mit Nichtglaubenden bzw. Teil der Strukturen für Kultur/Neu‑Evangelisierung). In dieser Funktion profilierte sich König als Dialogtheologe im besten Sinne: Er nahm die Fragen von Atheisten, Agnostikern, Wissenschaftler:innen und Kulturschaffenden ernst, ohne den eigenen Glaubenskern zu verwässern. Sein Denken und Sprechen verband seelsorgliche Wärme mit intellektueller Redlichkeit – eine Schule der „Glaubwürdigkeit“ in säkularen Kontexten.

 

Interreligiöser Dialog: Vom Konzilstext zur Praxis

Königs Stimme zum interreligiösen Dialog blieb bis ins hohe Alter klar. Er las Nostra aetate als Auftrag zu gegenseitiger Anerkennung, Lernbereitschaft und Wahrhaftigkeit – fern von naiver Harmonisierung. Seine einschlägigen Reden (z. B. Salzburg 1999; Impulse zu „Christentum und Islam“) zeigen, wie er Toleranz nicht als Beliebigkeit, sondern als dialogische Wahrheits‑Suche verstand: den Standpunkt des anderen ernst zu nehmen, ohne den eigenen aufzugeben. Diese Haltung prägte nicht nur die Beziehungen zum Judentum, sondern auch das Gespräch mit dem Islam – in einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Pluralität in Österreich.

 

Die bleibende Relevanz dieser konziliaren Wende bestätigt die jüngere Rezeption zum 60‑Jahr‑Gedenken von Nostra aetate: Die Erklärung bleibt kurz, aber folgenreich; sie steht (wie Dignitatis humanae) für das „Aggiornamento“ – eine kirchliche Erneuerung aus den Quellen, die Königs Wirken durchzieht.

Verdienste für die Erzdiözese Wien (1956–1985): Eine Ära der Öffnung.

 

Pastoral, Struktur und Präsenz

In nahezu drei Jahrzehnten als Erzbischof besuchte König alle Pfarren der Diözese – ein starkes Zeichen bischöflicher Nähe. Er ermöglichte Reformen im Geist des Konzils, förderte synodale Beratungsformen und setzte auf die Mitverantwortung der Laien. Gerade in einer Stadt, die religiös pluraler und weltanschaulich vielfältiger wurde, verstand er die Erzdiözese als „Kirche unter den Menschen“: nahe am Alltag, dialogbereit, missionarisch ohne Triumphalismus.

 

Gesellschaft und Politik

König trug zur Entkrampfung des Verhältnisses zwischen Kirche und Sozialdemokratie bei und half, ideologische Frontstellungen zu überwinden, die bis in die 1930er Jahre zurückreichten. Damit wurde die Kirche freier für ihren genuinen Auftrag – und zugleich glaubwürdiger in der Öffentlichkeit. Sein sozialer Grundton blieb: Menschenwürde, Familiengerechtigkeit, Lebensschutz, Versöhnung.

 

Ökumene aus Wien

Mit PRO ORIENTE verankerte König die Ökumene institutionell in Wien. Die „Wiener Christologische Formel“ wurde zu einem theologischen Meilenstein in den Beziehungen zwischen Rom und den altorientalischen Kirchen. Bis heute bilden die Begegnungen, Konsultationen und Jugend‑Formate der Stiftung einen sichtbaren Beitrag der Diözese zur Einheit der Christen.

 

Emeritierung, letzte Jahre und Vermächtnis (1985–2004)

1985 nahm Papst Johannes Paul II. Königs Rücktritt als Erzbischof an. Auch als Emeritus blieb er präsent – pastoral, intellektuell, als moralische Instanz, die zur Versachlichung öffentlicher Debatten beitrug. Er starb am 13. März 2004 in Wien, fast 99‑jährig. Internationale Würdigungen nannten ihn „Brückenbauer“, „Gewissen“ und „Kirchendiplomat“, dessen gelassene Autorität über die Grenzen Österreichs hinausstrahlte.

 

Die Anteilnahme am Tod Königs war innerhalb und außerhalb Österreichs außergewöhnlich groß. Kardinal Joseph Ratzinger, damals Dekan des Kardinalskollegiums stand dem Trauergottesdienst im Stephansdom vor an dem die Vertreter aller chritlichen Kirchen und Religionsgemeinschaften Österreichs teilnahmen. Seine letzte Ruhe fand König in der Gruft der Erzbischöfe im Stephansdom. Seinen persönlichen Wunsch für sein Begräbnis formulierte er noch zu Lebzeiten so. „Vergesst die Osterkerze nicht!“

 

Sein Vermächtnis lebt in mehreren Institutionen fort: der Kardinal‑König‑Stiftung (zur Pflege seines ideellen Erbes), dem Kardinal König‑Archiv sowie in PRO ORIENTE. Die Erzdiözese pflegt seit Jahren ehrende Rückblicke auf sein Wirken; 2024/2025/2026 nahmen prominente Stimmen aus Kirchen des Ostens und dem Vatikan an Gedenkfeiern teil – ein sprechendes Zeichen für die weite Resonanz dieses Lebens.

Warum Franz König heute „aktuell“ ist:

 

  • Dialog als Haltung: König verband Glaubensfestigkeit mit Lernbereitschaft. Dialog war für ihn kein taktischer Schachzug, sondern Ausdruck christlicher Wahrheitssuche in Freiheit – gegenüber Nichtglaubenden ebenso wie in der Ökumene und im interreligiösen Gespräch. Damit antizipierte er eine Kirche, die missionarisch ist, gerade indem sie zuhört und unterscheidet.
  • Österreich als Brücke: Aus Wien heraus dachte König Europa zusammen – West und Ost. Seine beharrliche, unaufgeregte Ostpolitik, sein Einsatz für bedrängte Kirchen und sein Beitrag zur Papstwahl 1978 zeigen eine geistliche Weltklugheit, die heute, in neuen Spannungen, exemplarisch bleibt.
  • Konziliare Erneuerung: König steht für die Verbindung von „Erneuerung aus dem Ursprung“ (biblisch, patristisch, liturgisch) und verantworteter Öffnung zur Welt. Das bleibt Leitstern für eine Diözese, die sich in einer pluralen Metropole positioniert und das Evangelium glaubwürdig bezeugt.
  • Ein Gesicht der Seelsorge: Die Fülle an Pfarrbesuchen, die Nähe zu Jugendlichen und Arbeiter:innen und sein schlichtes Auftreten machten König zu einem Hirten, der gesehen und gehört wurde. In einer Zeit, in der Vertrauen kostbar ist, ist dieses Bild aktueller denn je.

 

Chronik (Auswahl)

  • 1905: geboren in Warth/Rabenstein; 1933 Priesterweihe in Rom; 1936 Dr. theol.; 1946 Habilitation (Wien).
  • 1952: Koadjutor in St. Pölten; 1956: Erzbischof von Wien; 1958: Kardinal.
  • 1962–1965: Konzilsvater; 1964: Gründung PRO ORIENTE.
  • 1965–1981: Präsident des vatikanischen Sekretariats für die Nichtglaubenden.
  • 1978: Weichenstellung im Konklave für Karol Wojtyła (Johannes Paul II.).
  • 1985: Emeritierung; 2004: Tod in Wien.