Was meinen Christen, wenn sie sagen: „Ich glaube“?
Papst Benedikt XVI. geht noch weiter, wenn er betont: „Die Vernunft bedarf stets der Reinigung durch den Glauben, und dies gilt auch für die politische Vernunft, die sich nicht für allmächtig halten darf. Die Religion bedarf ihrerseits stets der Reinigung durch die Vernunft, um ihr echtes menschliches Antlitz zu zeigen. Der Abbruch dieses Dialogs ist mit einem schwer lastenden Preis für die Entwicklung der Menschheit verbunden.“ (Caritas in Veritate 56) Wer heute nach „Gottesbeweisen“ fragt, verlässt die intellektuelle Bequemlichkeit des modernen Atheismus. Es geht nicht darum, Gott „herbeizuzwingen“, sondern begründet und nachvollziehbar die Überzeugung zu entfalten, dass eine Welt ohne Gott am Ende eine Welt ohne Vernunft ist.
Anselms Ausgangspunkt im Proslogion ist keine Beobachtung der Natur, sondern die reine Analyse des Gottesbegriffs: Gott ist das, „worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden kann“. Anselms genialer Schachzug ist die Behauptung, dass Existenz eine Form der Vollkommenheit ist. Ein Gott, der nur als Idee in meinem Kopf existiert, wäre weniger „groß“ als ein Gott, der tatsächlich existiert. Da Gott aber per Definition das Größte ist, muss er existieren.
Die Kritik an Anselm füllt viele Bücher – von seinem Zeitgenossen, dem Mönch Gaunilo über Kant bis hin zu modernen Sprachphilosophen. Man könne Existenz nicht aus einem Begriff „heraushobeln“, hieß es. Doch der Kern bleibt bestehen: Der menschliche Geist hat eine Antenne für das Unendliche. Dass ein Logiker wie Kurt Gödel dieses Argument mathematisch formalisierte, zeigt, dass Anselm einen Nerv der Vernunft getroffen hat: Die Vernunft stößt in sich selbst auf eine Tiefe, die sie nicht selbst produziert hat. Sie weist über sich hinaus.
Während Anselm abstrakt denkt, bleibt Thomas von Aquin bei der Wirklichkeit. Seine fünf Wege (Quinque viae) sind Meisterwerke der Beobachtung. Sie wollen nicht mathematisch zwingen, sondern intellektuell plausibel machen: Die Welt verweist über sich hinaus.
Thomas blickt auf die Welt und sieht Bewegung. Alles fließt, alles wird. Doch nichts bewegt sich von selbst. Wer diesen Prozess zu Ende denkt, gerät in einen logischen Regress, der nur durch einen Ersten unbewegten Beweger geheilt werden kann. Hier liegt die erste Provokation für den modernen Atheismus: Wenn das Universum eine endlose Kette von Ursachen ist, wer hat dann die Kette geschmiedet?
Hier liegt eine der stärksten Herausforderungen für den Atheismus. Nichts ist Ursache seiner selbst. Jede Wirkung verweist auf eine Ursache. Wenn wir die Kette ins Unendliche verlängern, bleibt sie ohne Fundament. Thomas’ Gedanke: Eine unendliche Regression erklärt nichts. Sie verschiebt nur das Problem. Es braucht eine erste Ursache, die nicht selbst verursacht ist – ein „unbedingter Grund“.
Moderne Physik bestätigt die Brisanz: Der Urknall markiert einen Anfang. Aber was erklärt den Anfang? Multiversen-Theorien verschieben die Frage nur weiter. Selbst wenn es unendlich viele Universen gäbe, bleibt die Frage: Warum überhaupt etwas und nicht nichts? Die Kausalitätsfrage ist daher nicht veraltet, sondern aktueller denn je. Sie zwingt uns, die Grenze der Naturwissenschaft zu erkennen: Sie beschreibt Ursachen innerhalb des Systems, nicht den Grund des Systems selbst.
Dies ist vielleicht der tiefste Weg des Thomas. Er stellt fest: Dinge entstehen und vergehen. Sie sind „kontingent“, das heißt, sie könnten genauso gut nicht sein. Wenn aber alles nur kontingent wäre, hätte es einen Punkt geben müssen, an dem nichts war – und aus dem Nichts wird nichts. Thomas schließt daraus auf ein Wesen, dessen Existenz in seinem Wesen selbst gründet. Hier begegnet uns der Glaube als radikale Antwort auf die Frage aller Fragen: Warum ist überhaupt etwas? Der Atheismus bleibt hier oft die Antwort schuldig und deklariert die Welt als „brutales Faktum“. Doch die Vernunft wehrt sich gegen diese Kapitulation; sie sucht nach dem Fundament, auf dem die flüchtige Welt steht.
Wir sprechen von „gut“, „besser“, „wahrer“. Diese Steigerungen setzen ein absolutes Maß voraus. Gott ist bei allen möglichen Steigerungen letztlich dieser Maßstab, der unsere Urteile überhaupt sinnvoll macht.
Dies ist vielleicht das stärkste Argument für unsere Zeit. Thomas beobachtet: Auch vernunftlose Dinge handeln zweckmäßig. Pflanzen wachsen nicht chaotisch, sondern nach inneren Gesetzen. Sterne folgen Bahnen, die Leben ermöglichen. Heute bestätigt die Physik diese Ordnung im Anthropischen Prinzip: Die Naturkonstanten sind so fein abgestimmt, dass Leben möglich ist. Wären sie minimal anders, gäbe es keine Sterne, keine Chemie, kein Bewusstsein. Ist es vernünftiger zu glauben, dass diese Ordnung reiner Zufall ist – wie ein Affe, der durch blindes Tippen Shakespeare schreibt? Oder dass eine ordnende Intelligenz am Werk war? Selbst prominente Atheisten wie Richard Dawkins sprechen von „scheinbarem Design“. Doch „scheinbar“ erklärt nichts. Die Zielgerichtetheit der Natur bleibt eine Provokation für den reinen Zufallsglauben.
Warum zögern wir, von „Beweisen“ zu sprechen? Das Wort suggeriert mathematische Nötigung. Doch Gott ist kein Objekt im Labor. Er ist das absolute Subjekt. Gottesbeweise sind Wegweiser, keine Zwangslogik. Sie zeigen: Es ist vernünftiger, an Gott zu glauben, als die Welt für ein sinnloses Zufallsprodukt zu halten. Der Gott der Bibel bleibt dennoch einer, der sich, während er sich offenbart, allem Zugriff und damit auch jeder zwingenden Beweisbarkeit entzieht. Sein geheimnisvoller Name JHWH ist weder eindeutig übersetzbar noch lässt sich mit Sicherheit entscheiden, wie er korrekt ausgesprochen wird. Ja, jüdische Praxis und jüdische Glaubenserfahrung lehren uns sogar, den Namen Gottes gar nicht auszusprechen. Diese doppelte Bewegung der Offenbarung und des Entzugs hält den Glauben in ständiger Bewegung und Spannung. Glaube bleibt bei aller Vernünftigkeit ein Akt des Vertrauens und von Herausforderungen und ernsten Anfragen nicht verschont.
Die größte Herausforderung an den Glauben war von jeher die Frage nach dem Ursprung des Bösen, des Leids und des Todes.
Glaube schleißt Zweifel daher nie aus, sondern stellt sich ihm. Wer glaubt kennt auch Angst und Trostlosigkeit. Allerdings bewährt sich der Glaube gerade da als eine existenzielle Entscheidung, die immer wiederholt werden muss, da Gott nicht zwingend logisch begreifbar ist, sondern sich in Christus paradoxerweise im Kreuz offenbart. Dieser Glaube übersteigt die menschliche Vernunft und ermöglicht das richtige Verhältnis zum Selbst und zu Gott, auch wenn der Verstand an seine Grenzen stößt.
Der moderne Atheismus gibt sich oft als „wissenschaftlich“. Doch wenn Denken im atheistischen, naturalistischen Weltbild nur ein Produkt blinder chemischer Prozesse ist, warum sollten wir ihm eine Erkenntnis der Wahrheit zutrauen? Was bleibt dann überaupt von Verstand und Vernunft übrig? Atheismus erklärt die Frage nach dem „Warum“ für sinnlos und widersinnig. Der Glaube fordert gerade sie heraus. Glaube ist damit auch ist eine Denkpflicht und erfordert von jeder und jedem, nach seinen je eigenen Möglichkeiten, sich auch mit all seinem Verstand Gott zu nähern.
Atheismus herauszufordern, bedeutet heute, ihn an die Konsequenzen seiner eigenen Annahmen zu erinnern. Wenn es keinen Gott gibt, dann ist auch unsere Vernunft nur ein Nebenprodukt der Evolution ohne Anspruch auf objektive Wahrheit. Wer aber an die Macht des Denkens glaubt, steht bereits mit einem Fuß im Lager des Logos. Gottesbeweise sind daher keine Relikte einer dunklen Vergangenheit, sondern Übungen in intellektueller Freiheit. Sie fordern uns auf, die Denkarbeit nicht zu scheuen und die Welt nicht unter ihrem Wert zu verkaufen. Der Glaube ist nicht das Ende des Denkens, sondern sein großer, mutiger Aufbruch in das Offene.