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Harald Klemm
24.05.2017

„Ich bete zu einem wohlwollenden Gott“

Gery Keszler ist ein tiefgründiger Mensch, der seinen Lebensmut auch aus dem Glauben schöpft.

 

Wenn die Kirchen leer sind, wenn keine Messe ist, sucht er den Dialog mit Gott. In der Langen Nacht der Kirchen streift er gerne durch die Straßen Wiens und schaut sich Kirchen an. Besonders beeindrucken Life Ball-Gründer Gery Keszler die Rottmayr-Fresken in der Karlskirche. Die dargestellten drei Allegorien Glaube, Liebe und Hoffnung haben es ihm angetan: „Ich bete oft. Ich bete zu einem wohlwollenden Gott. Zu etwas, das unteilbare Liebe ist und überhaupt Existenz für mich begründet.“


Religion hat im Leben des 53-jährigen gelernten Feinmechanikers immer eine Rolle gespielt. Ob bei seinen Reisen durch Australien und Südostasien in den 80er-Jahren oder in seinem Engagement für HIV-Positive oder an AIDS erkrankten Menschen: „Mir ist es wichtig, Gutes zu tun und zum Leben auf der Erde beizutragen. Es wäre schrecklich, wenn wir alles nur machen würden, ohne dass letztlich die Welt besser wird.“


Schon als Keszler mit Elton John zum ersten Mal gemeinsame Projekte in Afrika unterstützt hat, wurde ihm bewusst, wie viel die Kirche für HIV/AIDS-Kranke tut: „Die katholische Kirche gehörte schon damals zu den erfolgreichsten Institutionen, die sich engagiert haben. Und das einfach aus Nächstenliebe, aus dem Gefühl des Mitleids.“

 

Dass die Kirche moderner werden müsse, ist für Keszler auch klar: „Da braucht es noch viel Dialog. Gerade auch, damit die Kirche von der jetzigen Generation verstanden wird.“


Für Keszler hat mit der katholischen Kirche im Jahr 2015 ein besonderer Dialog begonnen. Bei einem Abendessen mit Freunden hat er zum ersten Mal Kardinal Christoph Schönborn getroffen: „Diese Begegnungen sind mir wichtig. Wir treffen uns mehrmals im Jahr und tauschen uns auf Augenhöhe aus.“

 

Diese Gespräche regen Keszler an, bringen ihn zum Nachdenken: „Ohne Druck und ohne Vorschriften haben wir einfach Freude am Dialog“, erzählt er bei einer Dialogveranstaltung mit dem Kardinal im Wiener Figlhaus.


Den ersten Life Ball veranstaltete Gery Keszler im Jahr 1993 im Wiener Rathaus und will seither Bewusstsein für die Krankheit AIDS schaffen und HIV/AIDS enttabuisieren.

 

Keszler ist davon überzeugt, dass sich Menschen von Vorurteilen lösen und das Leben in den Mittelpunkt stellen müssen: „Der christliche Glaube, und auch die anderen Weltreligionen, sind dafür da, den Menschen zu erhöhen. In der Gemeinschaft soll deutlich werden, dass jeder Mensch ein wertvoller Teil der Gesellschaft ist.“


Beim Life Ball 2015 hielten die tausenden Besucher den Atem an: Gery Keszler erzählt, dass er sich selbst als junger Erwachsener mit HIV infiziert hat. Er ist dankbar, dass er bis heute keine Beschwerden hat und ein glückliches Leben führen kann. Seine Zuversicht gibt Keszler in seinem Leben Halt: „Ich bin ein sehr gläubiger Mensch, gleichzeitig zweifle ich aber auch viel. Manchmal stelle ich mir die Frage, ob das wirklich ein Glaube oder nicht nur ein starkes Wünschen ist.“


Für Keszler ist es ein schönes Gefühl, für Millionen Menschen etwas zum Überleben  beitragen zu können. Dass man Gutes nur für eine kirchliche Lehre tut, ist für Gery Keszler ein beklemmender Gedanke: „Ich möchte im Hier und Jetzt etwas bewegen. Da geht es mir nicht um die Sorge, ob es nach dem Tod aus ist oder das Leben ewig ist. Wünschen würde ich es mir natürlich.“

 

Viele Vorurteile konnten seit der ersten Begegnung mit Kardinal Schönborn auf beiden Seiten abgebaut werden. Keszler hebt hervor: „Ich bin Christ. Das ist mir wichtig.“ Nach einer einjährigen Life Ball-Pause will sich Gery Keszler beim Life Ball 2017 auf sein ursprüngliches Ziel besinnen: den Kampf gegen Aids, ohne einen Hype um Persönlichkeiten.


Gery Keszler würde sich freuen, auch Kardinal Christoph Schönborn beim Life Ball begrüßen zu dürfen, wie er im Interview mit dem SONNTAG verrät.

 

Dass Pater Christoph, wie Keszler den Kardinal nennt, im Burgtheater beim Red Ribbon Celebration Concert 2016 aufgetreten ist, hat Keszler sehr bewegt. „Der Lifeball und die Kirche haben dieselben Ziele: Da kann man zusammenrücken.“ Es eint der Einsatz für die Schwachen. Für Respekt und Toleranz. Für das Leben.