Dienstag 3. März 2026
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Fertige Rezepte gibt es nicht

(15.1.2012) Interview mit Pastoraltheologin Regina Polak zur Jugendarbeit


 

Ass.-Prof. MMag. Dr. Regina Polak, Institut für Praktische Theologie an der Universität Wien.

 


 

 

Welche Werte prägen die Jugend heute? Was denkt die Jugend über Religion und Kirche?
 
Polak: Die Werte junger Menschen heute sind plural. Es gibt OptimistInnen und Skeptiker- Innen, hedonistisch, egozentrische und materialistische, fremdenfeindlich und autoritär eingestellte Jugendliche ebenso wie sozial hochengagierte, an Werten wir Gerechtigkeit und Solidarität orientierte Jugendliche. Fast 40 Prozent der jungen Menschen in Österreich möchten ein Leben führen, in dem  sich Selbstverwirklichung und soziales Engagement, berufliche Leistung und ein sinnvolles Freizeitleben miteinander verbinden lassen.

 

Europaweit zeichnen sich Jugendliche durch einen starken Wunsch nach globaler Solidarität und Gerechtigkeit, nach einer humanen und friedlichen Welt aus. Zugleich ist die Mehrheit massiv verunsichert über die wirtschaftlichen und ökologischen Entwicklungen. In vielen Ländern gibt es Jugendliche, die große Angst vor der Zukunft haben. In den nordischen Ländern glauben Jugendliche, dass sie diese Zukunft mitgestalten können. In unseren Breitengraden sind Jugendliche eher pessimistisch, was die Mitgestaltung angeht. Europäische Jugendliche verschwinden immer mehr aus der Kirche.

 

In Österreich ist ein kirchliches Leben nur mehr für eine Minderheit eine gelebte Realität. Das bedeutet nicht, dass Jugendliche nicht religiös sind: In Österreich glauben 69 Prozent der jungen Menschen bis 24 Jahren an Gott. Aber dieser Glaube ist sehr diffus. Gott wird im Alltag nicht erfahrbar, so die Ansicht der Mehrheit der jungen Menschen.
 
Wo kann hier die Kirche mit ihrem Sinn-Angebot andocken?
 
Polak: Zuallererst gilt es wohl, die Lebenswelten der jungen Menschen überhaupt erst einmal wahrzunehmen und zuzuhören, was die Jugendlichen beschäftigt. Kochrezepte gibt es da keine. Die Kirche wird zuerst von den Jugendlichen lernen müssen, wie diese die Welt erleben. Erst dann wird es möglich, den Glauben in diesem Kontext zur Sprache zu bringen: als Sinnmöglichkeit, um die Welt in ihrer Tiefe besser zu verstehen, als Lebensweise, die das Leben menschlicher leben lässt.

 

Das ist nur als Zwei-Weg-Kommunikation möglich und verändert auch die Kirche. „Andocken“ kann wohl nur bedeuten: Hinausgehen und mit jungen Menschen leben lernen. Die Welt aus deren Sicht verstehen lernen. Dabei kann sich Gott zeigen: in der Suche nach der Liebe, bei dem Wunsch nach Gerechtigkeit. Jugendliche haben Gotteserfahrungen – nennen sie aber oft nicht so.  
 
Es gibt nicht einfach „die“ Jugend. Was sollte, müsste die Kirche den Jugendlichen bieten?

Polak: Jugendpastoral hat viele Ebenen. Zuallererst braucht es wohl Lebensorte, wo gelebter Glaube erfahrbar wird. Nicht im Sinne der Eingemeindung, sondern im Versuch, mit den jungen Menschen auf neue Weise Gott im Alltag kennen zu lernen. Das sind Orte, in denen das konkrete Leben zur Sprache kommt. Diese Orte können viele verschiedene Formen haben: offene Zentren, intensive Bibelgruppen, Sozialprojekte, ... Man kann mit den Jugendlichen vor Ort herausfinden, was da am besten passt. Projekte wie „Young Caritas“ haben z. B. keine Schwierigkeiten, junge Menschen zu finden.

 

Die Herausforderung besteht dann darin, das richtige Gespür zu entwickeln, wie man das Leben mit dem Glauben ins Gespräch bringen kann. Zum anderen ist die Kirche auch angehalten, gesellschaftliche Lobbyarbeit für junge Menschen zu übernehmen: Anliegen, Sorgen, Wünsche der Jugendlichen im öffentlichen Raum zu kommunizieren, die ja selten gehört werden.
 
Genießt die Jugend die kirchliche Aufmerksamkeit, die sie verdient (Beispiel: Jugendkirche Wien ...)?

Polak: Immer wieder wird die Sorge um die Jugend geäußert: als Sorge um die „Zukunft der Kirche“. Aber die Jugend ist die Gegenwart der Kirche. Und diese Gegenwart ist selten Thema. Das Fehlen der Jugend wird beklagt, aber angesichts der brennenden Zahlen, die den Verlust einer ganzen Generation für die Kirche ankündigen, bin ich erstaunt, wie wenig Konsequenzen daraus gezogen werden. Hier brennt schon lange der Hut! Wenn man die Jugendlichen wirklich als „Zielgruppe“ wahrnehmen möchte, braucht das wohl ziemlich viel mehr geistige, personelle und materielle Ressourcen.

 

Vor allem bedarf es der Bereitschaft zur Veränderung – denn die Form, in der Kirche sich heute präsentiert, wird von jungen Menschen als wenig hilfreich erfahren. Das ist kein Plädoyer für eine billige Anpassung – Jugendliche mögen keine Anbiederei. Sie wollen aber ernstgenommen werden und suchen nach authentischem Gegenüber. Den christlichen Glauben zur Sprache bringen und die Lebenswelt der Jugendlichen ernstnehmen ist kein Widerspruch. Freilich: Es würde sich vieles verändern, wenn man sich auf dieses Risiko einlässt.

Interview: Stefan Kronthaler

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