Dechant Mag. Ernst Steindl (Dekanat Mistelbach-Pirawarth), Pfarrer in Wilfersdorf, Kettlasbrunn und Bullendorf.
Mit wem lernt man in Ihren Pfarren, über den Glauben zu reden?
Steindl: Menschen brauchen Menschen zum Gespräch. Bei den „Apg 2010“ -Diözesanversammlungen und im „Hirtenbrief“ wird gern von der offenen, echten Begegnung auf Augenhöhe gesprochen. Viele Priester können durch den Dienst in mehreren Pfarren diese Aufgabe nicht mehr ausreichend leisten, manche sind dazu leider weder menschlich noch spirituell imstande. Gott sei Dank sehen viele Pfarrangehörige gerade darin ihre Aufgabe und Sendung, das Evangelium ganz selbstverständlich zu leben und in einer neuen Qualität darüber zu sprechen. So sind z. B. die vielen neuen Pilgerbegleiter/-innen auf dem Jakobsweg-Weinviertel Menschen, die bereits in den Pfarren gelernt haben, mit anderen über ihr Christsein zu sprechen. Auch die Pfarrgemeinderatswahl 2012 animiert schon jetzt, über den eigenen Glauben und pfarrliches Engagement nachzudenken und zu sprechen.
Inwiefern sind Ihre Pfarren und Gemeinschaften, die Sakramentenvorbereitung, die vielen Aktivitäten und Runden Lebensschulen Jesu, Lernorte für Glauben und Jüngerschaft?
Steindl: Für viele Menschen in unseren Dörfern sind die Pfarre und Pfarrkirche die Lernorte des Glaubens. Das Gotteshaus und das Pfarrhaus sind ihnen Heimat geworden, Orte des gemeinsamen und des persönlichen Gebetes. Hier erfahren sie die Nähe Gottes, sie finden Stärkung in gut vorbereiteten Gottesdiensten, in den Feiern des Kirchenjahres und in der eucharistischen Gemeinschaft. Für die pfarrlichen Sakramentenvorbereitungen, Runden und anderen Angebote hat der „Hirtenbrief“ Hilfen angekündigt, um besser umsetzen zu können, was „Glauben lernen“ heute heißt und wie es gelingen kann.
Welche „Lerngemeinschaften des Glaubens“ gibt es?
Steindl: Groß angelegte Treffen, missionarische Diözesanaktivitäten, Hirtenworte und -katechesen mögen punktuell das Eine oder Andere bewirken. Die prägenden Lerngemeinschaften des Glaubens aber bleiben Familie, Kindergarten, Schule, Freundeskreis, Gruppen, gemeinsame Wochen wie Kinderlager oder vertiefende Schwerpunkte wie Exerzitien, kontinuierliche Begegnungen in der eigenen Pfarre und die Durchdringung des Alltags mit biblischen, spirituellen und caritativen Akzenten. Gerade in diesen Bereichen hat das neue Engagement, von dem der „Hirtenbrief“ spricht, in den Pfarren bereits begonnen. Weiterbildungen im nahen Bildungshaus Großrußbach, regionale Initiativen wie die „Kontaktwoche“ und der „Weinviertler Pilger- und Glaubensweg“ sind hier eine willkommene Ergänzung und Stärkung.
Gibt es in Ihren Pfarren einen „Welcome Service“?
Steindl: Der erste und wichtigste „Welcome Service“ in unseren Pfarren ist die Taufe, gut vorbereitet und schön gestaltet, am besten im Gemeindegottesdienst. Natürlich gibt es auch Initiativen, um auf wenig Beheimatete zuzugehen und ihnen zu zeigen, dass sie willkommen sind. Dabei können wir sicherlich noch dazulernen. Leitende Frage bleibt für uns als Pfarre: „Wo würde Jesus heute hingehen, wen ansprechen, wem begegnen wollen?“ Pfarrkanzleien, denen man anmerkt, dass sie Jahr für Jahr mit noch mehr Bürokratie zugeschüttet werden, tun sich schwer, ein echtes „Willkommen“ auszustrahlen.
Welche Menschen finden bei in Ihren Pfarren Hilfe und Begleitung auf der Suche nach Gott, nach dem Woher und Wohin, dem Sinn des Lebens?
Steindl: Viele Pfarrangehörige, deren Christsein in allen Lebensaltern mit gewachsen und gereift ist, haben durch die Pfarre zu einem tragenden Glauben gefunden. Andere suchen den Kontakt an den Knotenpunkten des Lebens: Menschen, die sich den großen Fragen des Lebens stellen, wenn sie sich für einen Partner bzw. eine Partnerin entscheiden, wenn sie Eltern werden, wenn sie ihre Kinder ins Leben begleiten, wenn Beziehungen, Träume und Sicherheiten zerbrechen, wenn schwere Stunden, Krankheit oder auch Abschiede bewältigt werden müssen. Gerade in diesen Situationen bietet die Pfarre als bunte Gemeinschaft gesuchte Ansprechpersonen, echte Hilfe und glaubwürdige Begleiter.
Interview: Stefan Kronthaler