Dienstag 3. März 2026
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„Mission“ – so alt wie die Kirche

(25.12.2011) Rückblick und Ausblick mit Kardinal Christoph Schönborn.


 

Hirtenbrief und Pastoralprogramm der Kirche in Wien setzen auf „mission first“. Warum?

Kardinal Schönborn: Mission ist so alt wie die Kirche. Sie ist und war immer von ihrem Wesen her missionarisch. Was wir jetzt erleben, ist der Umbruch von einer volkskirchlich geprägten, gesellschaftlich stark eingewurzelten Kirche hin zu einer Entscheidungskirche, zu einer Glaubensgemeinschaft von Menschen, die diesen Weg gehen, weil sie überzeugt sind, weil sie dies auch persönlich für ihr eigenes Leben für wichtig und richtig halten.

 

Viele merken, dass sie so etwas wie eine Minderheit darstellen, mitten in einer Gesellschaft, in der vieles an Werten, Vorstellungen, Standards zwar christlich geprägt, aber Christsein nicht mehr selbstverständlich ist. Es stellt eine neue Herausforderung dar, das zur Sprache zu bringen. Vergessen wir nicht: Wir leben in einer Gesellschaft, in der Mission selbstverständlich ist. Jede Firma wirbt für ihr Produkt, jede weltanschauliche Gruppe wirbt für ihre Überzeugung und vertritt, diskutiert und verbreitet sie.

 

Mission ist nicht etwas Außergewöhnliches, sondern etwas Selbstverständliches, nämlich zur eigenen Überzeugung zu stehen und sie in loyaler und offener Weise anzubieten, mitzuteilen und andere dafür zu gewinnen.

In jüngster Zeit war es manchmal sehr stürmisch. Wie gehen Sie damit um, wenn der Wind ins Gesicht bläst?

Kardinal Schönborn: Sportlich: Ohne Wind kann man nicht segeln. Bei Gegenwind muss man die Segel ein wenig verändern, sodass auch der Gegenwind kreativ oder beflügelnd wirkt. Schwierigkeiten sind nicht das Problem, die Frage ist: Wie gehen wir damit um? Sehen wir sie als kreative Chance oder nur als Problem?


Ich denke schon, dass die Fragen, die die Pfarrerinitiative und ähnliche vorhergehende Initiativen bis hin zum Kirchenvolks-Begehren von 1995 aufgeworfen haben, und die zugrundeliegenden Probleme real existieren. Die Frage ist, ob die vorgeschlagenen Lösungsansätze zu gangbaren Lösungen führen? In vielen Punkten sage ich „Nein“ – in einigen Punkten „Nein“, weil das keine Entscheidung der Ortskirche ist, in anderen Punkten sage ich, es erfordert nur ein genaueres Hinschauen auf das, was hier schon geschieht und was bereits getan werden kann.


Was mich schmerzt, ist, dass der Aufruf zum Ungehorsam innerhalb der katholischen Milieus weltweit der katholischen Kirche in Österreich geschadet hat. Es sind nur die Schlagzeilen haften geblieben: „Priester rufen zum Ungehorsam auf“ „Kirche Österreichs in Krise“, „Kirche in Österreich vor dem Schisma“, – ein unglaublich negativer Input in das Kirchenbild Österreichs – und das zu einer Zeit, wo wir einige sehr schöne und ermutigende Initiativen haben, die auch international sehr viel Beachtung finden. Gott selbst wird zeigen, was der richtige Weg ist, aber ich bin zuversichtlich, dass sich die Zeichen einer neuen Gestalt der Kirche bei uns bereits wahrnehmen lassen.
 
Lange Zeit wurde vergessen oder verdrängt, dass es Christen nicht überall so gut geht wie in Europa. Weitet sich nun der Blick?
 
Kardinal Schönborn: Ich sehe es als ein Hoffnungszeichen an, dass das Thema Verfolgung und Diskriminierung von Christen mehr und mehr auch ein Thema bei internationalen Organisationen wird. In den Menschenrechtskommissionen wird das Thema allmählich präsenter, und glaubhafte Berichte sagen, dass die Religion, die am meisten weltweit verfolgt wird, heute das Christentum ist.

 

Die Wahrnehmung der Situation der Christen im Nahen Osten ist von der internationalen Politik sträflich vernachlässigt worden. Die Reaktionen darauf beginnen zaghaft, aber sie beginnen, manchmal hat man den Eindruck, nicht nur spät, sondern zu spät – für den Irak dürfte es zu spät sein. Die Christen emigrieren massiv.  Basra, eine Stadt, in der es eine starke christliche Minderheit gab, ist praktisch christenfrei. Die Hoffnung, dass es in Ägypten, in Syrien, in Jordanien, in Nordafrika besser wird für die Christen – in Syrien war bisher die Situation der Christen vergleichsweise optimal – ist ein großes Fragezeichen.

Das heißt, keine Christen mehr in der Region des Nahen Ostens?

Kardinal Schönborn: Es gibt einen Faktor, der zu wenig bedacht wird, das ist die Immigration in dieser Region. Allein in Saudi-Arabien, das nicht gerade das Musterland der Religionsfreiheit ist, gibt es über eine Million Katholiken – Filipinos, Inder, Srilankesen. Sie bilden eine sehr starke christliche, katholische Minderheit, deren Zukunft in der Region ein spannendes Kapitel ist: Was wird aus dieser neuen Christenheit, die sich dort angesiedelt hat?

 

In Kuwait, den Emiraten, die Gott sei Dank in der Religionsfreiheit deutlich offener sind: Es gibt Kirchen, Kuwait hat einen römisch-katholischen Bischof und eine starke katholische Minderheit. Sie kommen nicht aus der alten eingesessenen Christenheit, die mehr und mehr abwandert, sondern sind als Gast- und Saisonalarbeiter zugewandert. Eine neue Situation, auf die hinzuschauen wichtig ist.

Die Seligsprechung Hildegard Burjans erfolgt im Jänner 2012 – was bedeutet sie?
 
Kardinal Schönborn: Dass Hildegard Burjan jetzt wirklich seliggesprochen werden kann als eine vorbildliche Christin, vorbildliche Frau, Sozialkämpferin und Gründerin einer Gemeinschaft, das ist für uns Katholiken in Österreich ein ganz starkes Zeichen: Erste Frau im Parlament, große Kämpferin in der sozialen Not nach dem 1. Weltkrieg, die mit großer Kreativität und Energie soziale Einrichtungen geschaffen hat – bis zur Gründung der Caritas Socialis, die bis heute besteht – und natürlich ihre tiefe persönliche, von ihr immer sehr diskret gehaltene Frömmigkeit, Mystik, das sind Aspekte einer wirklich großen Christin.

 

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