Papst Franziskus hat der Kirche neue Wege geöffnet. Er ist eine der ganz wenigen zeitgenössischen Personen, die für die ganze Welt ein glaubwürdiges Symbol der Menschlichkeit darstellen. Dazu vermag er es, vielen Menschen, auch solchen, die keine Christen sind, einen Zugang zum Evangelium zu öffnen.
Um die Entwicklung der Kirche unter Papst Franziskus zu verstehen, muss man ein wenig in die Vergangenheit schauen. Papst Paul VI. war jener Papst, unter dem weite Teile des II. Vatikanischen Konzils beschlossen wurden. Sein Pontifikat stand unter dem Bestreben, Kirche und Moderne zu versöhnen, und zwar nicht zuletzt, um die Kirche für eine neue Mission in der säkularen Welt vorzubereiten.
„Neuevangelisierung“ war konsequenterweise auch das große Stichwort von Papst Johannes Paul II.: Er war Zeichen gegen den atheistischen Kommunismus und für eine universale und missionarische Kirche auf dem Fundament Israels. In der Endphase seines Pontifikats wurde er gerade in seiner Krankheit auch zunehmend zum Symbol für Gottvertrauen, Menschenwürde und Frieden. Dabei hatte Johannes Paul II. allerdings auch eine zunehmend pessimistische Sicht der westlichen Moderne: Er verstand sie als fortschreitenden Abfall vom Evangelium und dem damit verbundenen unbedingten Ja zum Leben. Dagegen setzte er auf eine geschlossene Kirche, die unter der Führung eines glaubenstreuen Klerus und begeisterungsfähiger Bewegungen christliche „nichtverhandelbare“ Werte ohne Kompromisse verkünden sollte. Benedikt XVI. führte diese Linie fort und legte als „Papst der Wahrheit“ sein Augenmerk ganz auf eine geistige Fundierung der Neuevangelisierung.
Die Radikalität des Evangeliums nicht zu verkürzen und der modernen Welt zu bezeugen ist auch das Ziel von Papst Franziskus. Allerdings gibt es mehrere bedeutsame Akzentverschiebungen gegenüber den Pontifikaten von Johannes Paul II. und Benedikt XVI.: Die erste liegt darin, dass Papst Franziskus, der „Papst der Barmherzigkeit“, stärker der Fragilität des modernen Menschen, der viel tiefgehender als vorangegangene Generationen auf sich allein gestellt ist und nicht mehr auf traditionelle Zusammenhänge zurückgreifen kann, Rechnung trägt. Dabei gelingt es ihm zu vermitteln, dass die Sensibilität und Compassion für das Verwundete und Fragile im Zentrum von Jesu Evangelium stehen.
Die zweite Akzentverschiebung besteht darin, dass er selbstkritischer auf das Innere der Kirche blickt. Dies betrifft vor allem den – oft klerikalen – Machtmissbrauch, der neben dem Evangelium die Kirche prägt und der leider durch zahlreiche unglückliche Bischofsernennungen in den beiden Vorgängerpontifikaten besonders virulent wurde. Drittens stellt Papst Franziskus die umfassende Verrechtlichung der Kirche in Frage. So essenziell das Kirchenrecht für die Katholische Kirche ist, so sollte doch bewusst sein, dass es gegenüber dem Evangelium eine dienende Funktion hat.
Die Frage nach dem Verhältnis von Recht und Evangelium scheint mir auch die ganz entscheidende der bevorstehenden Synode über Ehe und Familie zu sein: Wird es gelingen, deutlich zu machen, dass sich die Sprache und die Praxis der Kirche am Wunsch zu heilen und zu verstehen bemessen müssen? Derzeit scheint es so zu sein, dass viele Bischöfe aus aller Welt den Wunsch hegen, in bequemen Gepflogenheiten und Machtpositionen zu überwintern, und sich nur sehr zögerlich, wenn überhaupt, auf den wunderbaren Aufbruch, den Papst Franziskus eingeleitet hat, einlassen.