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Dom zu Wr. Neustadt
Dompfarre Wr. Neustadt / Dom zu Wr. Neustadt
14.01.2026

Wiener Neustadt- das (Titular-)Bistum im Bistum

Ein kleines Bistum mit großer Geschichte: Die Gründung des Bistums Wiener Neustadt im Jahr 1469 war mehr als ein kirchlicher Akt – sie spiegelte Machtpolitik, Reformen und kaiserliche Strategien wider. Von den Anfängen unter Friedrich III. über die prägenden Jahre mit Peter Engelbrecht und Melchior Klesl bis zur josephinischen Neuordnung und seiner Verbindung zur Militärseelsorge erzählt die Geschichte des Bistums von Einfluss, Konflikten und bleibender Tradition.

Die Errichtung des Bistums Wiener Neustadt im Jahr 1469 war ein kirchenpolitischer Schritt von erheblicher Tragweite. Kaiser Friedrich III., der während seines zweiten Romzuges die Gelegenheit nutzte, seine lang gehegten Pläne für neue Landesbistümer voranzutreiben, erreichte bei Papst Paul II. die Gründung zweier neuer Diözesen: Wien und Wiener Neustadt.

 

Die Entscheidung war nicht nur religiös motiviert, sondern auch Ausdruck habsburgischer Herrschaftsbildung. Wiener Neustadt, Residenzstadt des Kaisers und strategisch bedeutsamer Ort, sollte ein eigenes Bistum erhalten – klein im Umfang, aber politisch eng an den Hof gebunden.

 

Die Anfänge der Diözese Wr. Neustadt

Die neue Diözese umfasste zunächst ausschließlich das Stadtgebiet von Wiener Neustadt. Damit war sie eine der kleinsten Diözesen des Reiches, und ihre Dotation war so gering, dass eine reguläre Besetzung des Bischofsstuhls zunächst nicht möglich war.

 

Die Leitung übernahm daher Michael Altkind, Propst der weltlichen Chorherren in Wiener Neustadt und seit 1466 Bischof von Pedena. Er führte das Bistum als Administrator, residierte weiterhin in der Stadt und verband die Aufgaben des Chorherrenstifts mit jenen der jungen Diözese. Erst als Kaiser Friedrich III. das Chorherrenstift der Diözese unterstellte und damit eine stabile wirtschaftliche Grundlage schuf, konnte ein erster Bischof ernannt werden.

 

Erster Bischof von Wr. Neustadt

Auf Vorschlag des Kaisers bestimmte Papst Sixtus IV. im Jahr 1477 Peter Engelbrecht, Dechant des weltlichen Chorherrenstiftes und ehemaliger Lehrer des jungen Maximilian I., zum ersten Bischof von Wiener Neustadt.

 

Engelbrecht empfing die Bischofsweihe am 25. März 1478 in Rom und trat sein Amt mit großem Eifer an. Als bischöfliche Residenz diente ihm das Haus gegenüber dem Dom, die ehemalige landesfürstliche Residenz Herzog Leopolds V., die bis heute als Domprobstei erhalten ist. Engelbrecht erwies sich als tatkräftiger Organisator: Er führte neue Marienfeste ein, ließ die bischöfliche Residenz ausbauen, gründete eine Bibliothek und sorgte für eine künstlerische Ausstattung der Domkirche, die bis heute zu den bedeutendsten Zeugnissen spätgotischer Kunst in Niederösterreich zählt. Gleichzeitig musste er sich gegen den Widerstand des Salzburger Erzbischofs behaupten, der die Abtrennung Wiener Neustadts von seinem Jurisdiktionsbereich nie akzeptiert hatte.

 

Jahrzehnte ohne Bischof

Nach Engelbrechts Tod im Jahr 1491 folgte eine Phase der Neuordnung, in der sich das Bistum zunehmend mit dem St. Georgs‑Ritterorden und den regulierten Augustiner‑Chorherren verband. Kaiser Friedrich III. versuchte, die wirtschaftliche Basis des Bistums durch eine Union mit dem Ritterorden zu stärken, doch sowohl Engelbrecht als auch sein Nachfolger Augustin Kiebinger widersetzten sich hartnäckig. Erst nach langen Auseinandersetzungen übernahmen die regulierten Chorherren die Domkirche und bildeten das Domkapitel, während der Ritterorden weiterhin Einfluss auf die Verwaltung ausübte. Die folgenden Jahrzehnte waren von langen Sedisvakanzen geprägt, in denen die Pröpste der Chorherren das Bistum als Administratoren leiteten.

 

Zu den bedeutendsten Gestalten dieser Zeit zählt Melchior Klesl, der von 1588 bis 1630 amtierte. Obwohl er die volle Jurisdiktionsgewalt eines Bischofs besaß, ließ er sich aus persönlichen Gründen nur als Administrator bestellen. Klesl, eine zentrale Figur der katholischen Reform in Österreich, prägte das kirchliche Leben der Region nachhaltig und verlieh dem kleinen Bistum eine überregionale Bedeutung.

 

Verbindung zur Militärseelsorge

Eine besondere Rolle erhielt Wiener Neustadt im 18. Jahrhundert durch seine Verbindung zur Militärseelsorge. Seit 1643 waren die Jesuiten mit der Betreuung der kaiserlichen Armee betraut.

 

Nach der Aufhebung des Ordens im Jahr 1773 musste die Militärseelsorge neu organisiert werden. Maria Theresia entschied sich, die Funktion eines Militärbischofs zu schaffen, die der Bischof von Wiener Neustadt aufgrund der geringen Größe seiner Diözese und der Nähe zu Wien in Personalunion ausüben sollte. Am 4. Dezember 1773 wurde das Apostolische Feldvikariat eingerichtet, das bis 1918 die oberste militärgeistliche Behörde der Habsburgermonarchie bildete. Heinrich Johann von Kerens, Administrator des Bistums, wurde zum apostolischen Feldvikar ernannt und erhielt 1780 die bischöflichen Vollmachten.

 

Besuch Papst Pius VI.

Ein Höhepunkt der Bistumsgeschichte war der Besuch Papst Pius’ VI. am 22. März 1782. Der Papst, der sich wegen der kirchenpolitischen Reformen Josephs II. auf den Weg nach Wien gemacht hatte, wurde im Föhrenwald von Kaiser Joseph II. empfangen und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung durch das Neunkirchner Tor in die Stadt geleitet. Nach einem Gebet in der Georgskirche besichtigte er die Theresianische Militärakademie und spendete den Zöglingen den apostolischen Segen. Der Besuch gilt bis heute als eines der bedeutendsten Ereignisse in der Geschichte des Bistums.

 

Die Diözese wächst - aber nur kurz

Im Zuge der josephinischen Kirchenreformen wurde die Diözese Wiener Neustadt 1783 erheblich vergrößert. Ihr wurden 41 Pfarren der Buckligen Welt, des südlichen Steinfeldes und des Schneeberggebietes zugeteilt, die bisher zur Erzdiözese Salzburg gehört hatten. Diese Neuordnung blieb jedoch nur kurz bestehen.

 

Das Ende der Diözese Wr. Neustadt

Nach dem Tod des Passauer Fürstbischofs Leopold Graf Firmian nutzte Joseph II. die Gelegenheit, die kirchlichen Strukturen in Österreich grundlegend zu reorganisieren. Die ursprüngliche Idee, das Bistum Wiener Neustadt weiter auszubauen, wurde verworfen. Stattdessen entschied man sich für die Gründung eines neuen Bistums in St. Pölten. Mit den päpstlichen Bullen vom 28. Jänner 1785 wurde das Bistum Wiener Neustadt aufgehoben und sein Gebiet der Erzdiözese Wien eingegliedert. Bischof Kerens akzeptierte die Entscheidung, da ihm die Leitung des neuen Bistums St. Pölten zugesichert wurde.

 

Obwohl das Bistum Wiener Neustadt 1785 erlosch, blieb seine historische Bedeutung lebendig. Im Jahr 1989 errichtete Papst Johannes Paul II das Titularbistum Wiener Neustadt, das ausdrücklich an die alte Diözese anknüpft. Sie ist eng mit der österreichischen Militärdiözese verbunden, die ihren Sitz in der St.-Georgs-Kathedrale der Theresianischen Militärakademie hat. Damit lebt die Tradition des einstigen Bischofssitzes in neuer Form weiter und verbindet die Geschichte der Stadt mit der seelsorglichen Betreuung der österreichischen Streitkräfte bis in die Gegenwart.