Samstag 21. Februar 2026

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Spieltisch der Riesenorgel im Stephansdom
Erzdiözese Wien/Schönlaub, Erzdiözese Wien/ Schönlaub / Spieltisch der Riesenorgel im Stephansdom
18.02.2026

Orgelspiel und kognitive Leistungsfähigkeit, das Wiener Diözesankonservatorium will mehr wissen

Das Diözesankonservatorium für Kirchenmusik der Erzdiözese Wien eröffnet ein neues Forschungsfeld: Eine Vorstudie untersucht erstmals, ob und wie komplexes Orgelspiel die kognitive Leistungsfähigkeit über die gesamte Lebensspanne beeinflussen kann.

Wie wirkt Orgelspiel im Gehirn?

Im Mittelpunkt der Studie steht die außergewöhnliche motorische und koordinative Herausforderung des Orgelspiels. Kein anderes Tasteninstrument erfordert eine derart präzise Zusammenarbeit von beiden Händen und beiden Füßen, kombiniert mit häufigen Manualwechseln und polyphoner Literatur.

 

Die Studie will herausfinden, ob diese multisensorischen und motorischen Anforderungen mit Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, exekutiven Funktionen, räumlicher Orientierung, Task-Switching und Dual-Tasking zusammenhängen. Untersucht wird eine altersgemischte Gruppe aus Jugendlichen, Studierenden und Senior:innen, um mögliche Unterschiede im sich entwickelnden und im alternden Gehirn sichtbar zu machen.

 

Theoretischer Rahmen aus neurowissenschaftlicher Forschung

Die Vorstudie basiert auf Pachs Grundlagenwerk „Spirale der Sinne: Orgel versus Klavier im Spiegel der Neuroplastizität“ (2025). Darin entwickelt sie ein Modell, das beschreibt, wie die Besonderheiten des Orgelspiels das Gehirn herausfordern und möglicherweise formen könnten. Die jetzige Studie prüft erste Hypothesen – ohne vorwegzunehmen, dass es bereits gesicherte Effekte gibt.

 

Pilotstudie mit angepassten kognitiven Tests

Zum Einsatz kommt ein speziell entwickeltes Studienprotokoll mit Fragebögen und kognitiven Leistungstests aus der Neuropsychologie. Diese wurden an die spezifischen Anforderungen des Orgelspiels angepasst, etwa für parallele Informationsverarbeitung, Regelwechsel oder das gleichzeitige Ausführen mehrerer Aufgaben. Ziel des Pilots ist es auch, jene Testformate zu identifizieren, die sich für spätere, größere Studien am besten eignen.

 

Perspektiven: Von der Pädagogik bis zur Prävention

Die Forschung könnte weitreichende Auswirkungen haben:

  • Für Senior:innen: Klären, ob Orgelspiel zur Erhaltung kognitiver Flexibilität und Aufmerksamkeit beitragen und so eine Art präventives Training bieten kann.
  • Für Jugendliche: Untersuchen, ob exekutive Funktionen, Konzentration und Aufmerksamkeitssteuerung vom Orgelspiel profitieren.
  • Für die Orgelpädagogik: Neue Impulse für Unterricht und Übestrategien, die neurodidaktische Erkenntnisse stärker berücksichtigen.

 

Langfristig sind größere Studien in Kooperation mit universitären Partnern geplant – gegebenenfalls auch mit bildgebenden Verfahren.

 

Über die Projektleiterin

Prof. Mag. Dr. Andrea Pach ist Konzertorganistin und Dozentin am Diözesankonservatorium Wien. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit verfügt sie über eine Ausbildung in Cognitive Neuroscience sowie eine TÜV-zertifizierte Qualifikation als Scientific Trainerin. Mit der Vorstudie verbindet sie erstmals systematisch ihre praktischen Erfahrungen an der Orgel mit ihrer neurowissenschaftlichen Arbeit.

Konservatorium für Kirchenmusik
(mit Öffentlichkeitsrecht)