Dies ist eine Geisteshaltung, die leicht in eine Vorstellung von Gott als strengem Richter abrutscht, der unseren geringsten Fehltritten auflauert. Das macht es umso nötiger, unser Nachdenken mit dem Herzstück des christlichen Glaubens zu beginnen. Frère Roger bringt es in Anlehnung an einen syrischen Christen des 7. Jahrhunderts mit folgenden Worten zum Ausdruck: "Gott kann uns nur lieben".
Wie überraschend das auch scheinen mag: Alles, was Gott an uns tut, ist Ausdruck seiner Liebe und sonst nichts. Diese Liebe drückt Gott zuerst einmal dadurch aus, dass er uns sucht. Man versteht die Religion oft als ein Tun des Menschen auf der Suche nach Gott: Gott bewege sich nicht, während wir versuchen, mit unseren Frömmigkeitsübungen, durch Gebet, Fasten, gute Werke usw. ihm näher zu kommen. Die biblische Offenbarung stellt diese Sichtweise auf den Kopf. In der Bibel ist es Gott, der uns unablässig nachstellt, um sein Leben mit uns zu teilen, damit wir durch den Heiligen Geist in Gemeinschaft mit ihm leben. Erinnern wir uns daran, dass eines der ersten Bilder von Gott, auf das wir in der Bibel stoßen, Gott zeigt, wie er in einem Garten spaziert und spricht: "Adam, wo bist du?".
Die christliche Frömmigkeit ist kein Versuch, sich bei Gott beliebt zu machen. Gott sieht von sich selbst aus mit unendlicher Zuneigung und mit tiefem Erbarmen auf uns. An uns ist es, an seine Liebe zu glauben und sie anzunehmen. Das mag leicht aussehen, ist es aber meistens in Wirklichkeit doch nicht. Denn wir haben oft das dumpfe Gefühl, dem, was wir sein müssen, nicht ganz zu genügen, und projizieren nicht selten dieses Gefühl auf Gott.
Die Überzeugung, dass Gott mit uns nicht zufrieden sei, wird dann zum Haupthindernis für Gemeinschaft mit ihm. Aber wenn wir es wagen, uns ihm zu öffnen, merken wir wie der verlorene Sohn im Gleichnis ganz erstaunt, dass Gott nur einen Wunsch hat, nämlich uns bei sich aufzunehmen, und nur ein Gefühl, nämlich die Freude des Wiedersehens. Die Fastenzeit ist eine wunderbare Gelegenheit, wieder neu ein glücklicher Menschen zu werden, der weiß, dass er geliebt ist und dass ihm das Verzeihen immer gilt.