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12.09.2019

Brauchen wir wieder einen Sozialhirtenbrief?

Für Magdalena Holztrattner, Direktorin der Katholischen Sozialakademie, sind die Prinzipien der Katholischen Soziallehre auch tagespolitisch hochaktuell.

 

 

 

Wenn die Direktorin der Katholischen Sozialakademie Österreich (ksoe), Magdalena Holztrattner, im laufenden Wahlkampf die Parteien gefordert sieht, dann ganz besonders im Hinblick auf das Prinzip des Gemeinwohls.

 

„Weil es um das gute Leben aller Menschen geht“, sagt Holztrattner im Gespräch mit dem SONNTAG.

 

Ein konkretes Beispiel ist für sie der Klimaschutz. „Es sollte allen politischen Parteien wirklich wichtig sein, das Klima als Gemeingut so zu schützen, dass unsere als auch nachkommende Generationen wie auch Menschen in anderen Ländern weiterhin leben können“, betont sie: „Das gute Leben aller sollte im Zentrum stehen und nicht das bessere Leben von ein paar wenigen, die sich vielleicht auch besser schützen können durch Klimaanlagen oder Hochwasserschutzbauten.“

 

Holztrattner nennt Themen wie Mobilität, öffentlicher Verkehr, Schiene statt LKW, Besteuerung der Transporte, die Frage einer ökosozial-gerechten Steuer und wie in der Stadt das Leben nachhaltig gestaltet werden kann.

 

Es geht für sie „um die Förderung eines Lebens- und Produktionsstils, wo keine kaputten Seen oder verseuchte Böden, abgebrannte Regenwälder und krankgemachte, ausgebeutete Menschen übrigbleiben“. Das alles seien „Kernanliegen der Katholischen Soziallehre, nämlich das gute Leben aller“.

 

Vom Prinzip „Subsidiarität“ wird tagespolitisch gerne gesprochen, wenn es darum geht, dass sich größere Einheiten nicht in kleinere einmischen sollen. Was ist konkret mit Subsidiarität gemeint?


Bei der Subsidiarität (lateinisch „subsidium“ = „Hilfe“) geht es als Strukturprinzip um die Zuständigkeit einer Gesellschaft.

 

  1. Auf der einen Seite: Wie sorgt der Staat als eine übergeordnete Einheit dafür, dass sich die einzelne Person oder Gruppe entwickeln kann, wo werden Hilfestellungen dafür gegeben?
     
  2. Und auf der anderen Seite: Wo zieht sich der Staat zurück, damit diese kleineren Einheiten, die kleinere Gruppe sich selbständig entwickeln können?

 

Das heißt die kleinere Einheit in ihrer Eigenständigkeit zu fördern und ihr auch die Möglichkeiten dazu zu geben.

 

Sehr schnell wird aber das Subsidiaritätsprinzip auf das Nichteinmischungsgebot reduziert im Sinne von: weniger Staat und mehr privat. Dabei wird aber vergessen, dass Subsidiarität immer auch das Hilfestellungsgebot der größeren Einheit gegenüber der kleineren hat und zwar, wenn es darum geht, die Eigenständigkeit zu ermöglichen.

 

Am Beispiel Bildung: Sie ist der Schlüssel für ein gutes Leben. Der Staat hat sich im Sinne des Gemeinwohls selber zur Pflicht gemacht, Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Eltern ihrer Bildungspflicht nachgehen können.

 

Beispielweise durch das System öffentlicher Schulen, die Bezahlung der Lehrerinnen und Lehrer, genauso wie seit Jahrzehnten die Gratis-Schulbuchaktion, die Gratis-Schulfahrt, damit Schulkinder auch von weiter entfernt zum Beispiel eine höhere Schule besuchen können.

 

Damit es eben nicht von der individuellen Mobilität und Finanzkraft abhängt, ob Kinder eine gute Schulbildung erhalten können. Hier greift der Staat hilfestellend ein, um zu ermöglichen, dass sich die kleinere Einheit, die Familie mit Kindern, gut entwickeln kann.

 

Seit wann wird das Prinzip der Nachhaltigkeit in der Katholischen Soziallehre eingemahnt?


Das Prinzip der Nachhaltigkeit steckt in allen Prinzipien der Katholischen Soziallehre. Bei der Menschenwürde als Grundprinzip geht es nicht nur um einzelne konkrete Menschen, sondern immer um alle Menschen auf dieser Welt.

 

Nachhaltigkeit kommt als Begriff aus der Land- und Forstwirtschaft: Ich muss den Boden so bebauen und pflegen, dass er auch noch nächstes und übernächstes Jahr Früchte tragen kann. Das heißt, die langfristigen Konsequenzen von Entscheidungen sind mitzubedenken.

 

Hier kommt auch das Prinzip der Solidarität zum Tragen. Wenn ich etwa einen Lebensstil pflege und fördere, der anderen Menschen die Lebensgrundlage zerstört. Beispielsweise brennt der Regenwald im Amazonasgebiet, weil wir, kurz gesagt, hier bei uns billiges Fleisch haben wollen. Das ist ein unsolidarischer Lebensstil, der nicht nachhaltig ist. Nachhaltigkeit ist ein junger Begriff, aber vom Prinzip her ein sehr altes Anliegen.

 

Warum ist die Enzyklika „Laudato si“, wie Papst Franziskus selbst sagt, eher eine Sozial- als eine Umweltenzyklika?


„Der Mensch ist der Weg der Kirche“, sagte Papst Johannes Paul II. Wir Menschen sind keine abgeschottete Spezies, betont Papst Franziskus, sondern wir sind mit allen verbunden, mit allem Lebendigen, insofern wir Geschöpfe sind, so wie der Hund ein Geschöpf Gottes ist, und auch die Pflanze, und auch unsere Mutter Erde ein Geschöpf Gottes ist.

 

Die Sozialenzyklika „Laudato si“ ist auch eine Umweltenzyklika, weil alles Lebendige in seiner Not gesehen wird. Die Mutter Erde, die aufschreit, weil wir sie so treten, mit Gift überschwemmen, die Meere leerfischen, die Wälder abholzen, unsere Luft verpesten und immer dadurch auch Menschen schädigen.

 

Was dürfen wir uns unter der „Option für die Armen“ konkret vorstellen? Gilt diese „Option für die Armen“ auch bei uns?


Die Kirche hatte diese Option immer schon aufgrund ihrer jüdisch-christlichen Verfasstheit. Wenn etwa beim Propheten Amos gesagt wird: „Das Recht ströme wie Wasser“, dann ist das eine Option für die Armen, zugunsten derer, die nicht das Recht zu ihren Gunsten biegen und verbiegen können.

 

Und wenn es heißt: Du sollst die Fremden, die Waisen und die Witwen beschützen, dann ist das eine vorrangige Option für die Fremden, die kein Recht hatten im Land der Hebräer, für die Kinder, die rechtlos waren und für die Witwen, die im damaligen patriarchalischen Gesellschaftssystem keine eigene Rechtspersönlichkeit hatten.

 

Diese Option für die Armen ist grundbiblisch. Auch Jesus sagt in der entscheidenden Gerichtsrede, im Matthäusevangelium, Kapitel 25: Wenn wir ihm etwas Gutes tun wollen, dann müssen wir uns selber fragen: Wo tun wir jenen etwas Gutes, die am Rande der Gesellschaft stehen, die getreten, die sprachlich abgewertet werden oder die – auf das Jahr 2019 übersetzt – im Mittelmeer ertrinken, weil sie auf der Suche nach Leben zu uns kommen wollen.


1991 wurde der bislang letzte Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe verfasst. Vor 16 Jahren, 2003, gab es das Ökumenische Sozialwort der christlichen Kirchen. Brauchen wir wieder einen Sozialhirtenbrief?


Es mehren sich Stimmen, die sagen: Bitte, wir bräuchten wieder einmal einen Sozialhirtenbrief,  wir bräuchten etwas, wo sich die Kirche geschlossen hinstellt als gesellschaftliche Größe und einmahnt, dass wir eine soziale, eine solidarische Gesellschaft sein sollen.

 

Dass wir uns als Kirche ganz klar und mit starker Stimme  der sozialen Frage widmen. Beim „Sozialhirtenbrief“ klingt immer mit, dass sich die Bischöfe dabei etwas ausdenken.

 

Spannend wäre es, einen „Sozialbrief“ der katholischen Kirche zu entwickeln, wo nicht quasi von oben nach unten, sondern wo von allen Betroffenen, von allen Engagierten, Interessierten Eingaben gemacht werden, und in einem konziliaren, dialogischen Prozess Fragen und Antworten gemeinsam gesucht werden.