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09.01.2020

„Damit die Kirche ein sicherer Ort ist“

Pater Hans Zollner SJ erläutert was in der Kirche für den Schutz der Kinder und Jugendlichen bereits getan worden ist. Und was noch getan werden muss.

 

 

 

Wie Pater Hans Zollner zum Thema Kinderschutz in unserer Kirche gekommen ist?

 

„Als sich im Jahr 2010 in Deutschland die Nachrichten zum sexuellen Missbrauch, zur sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im kirchlichen Raum häuften, hat mich meine eigene Universität, die Gregoriana gebeten, einen Kongress zu diesem Thema zu organisieren, der dann 2012 im Februar stattfand“, erzählt der deutsche Jesuit Pater Hans Zollner im Gespräch mit dem SONNTAG.

 

Mitte Dezember 2019 hat Zollner bei der Ringvorlesung an der Universität Wien zum Thema „Sexueller Missbrauch von Minderjährigen“ gesprochen. Zollner hatte zuvor schon Bücher und Artikel zu diesem Thema veröffentlicht.

 

Pater Zollner über den Hintergrund seines mittlerweile weltweiten Engagements: „Weil ich als Psychologe und Psychotherapeut schon länger mit dem Thema sexualisierter Gewalt, zuvor hauptsächlich gegen Erwachsene, konfrontiert war, weil wir aus der Psychopathologie das Phänomen der Pädophilie studiert hatten und weil ich aus meinem Glauben heraus und aus meiner priesterlichen Tätigkeit und als Jesuit denke, dass wir uns den schwierigen Fragen dieser Zeit stellen müssen. Dass wir alles tun, damit Kinder und Jugendliche in dieser Kirche sicher aufwachsen können.“


Warum braucht der Vatikan ein eigenes Kinderschutzzentrum, das Centre for Child Protection (CCP)?


Weil leider über Jahre und Jahrzehnte der Bereich des aktiven Kinderschutzes als eigenes Thema unterentwickelt war in der Kirche und weil man in der gesamten Präventionsarbeit heute professionell vorgehen muss.

 

Unser Schwerpunkt ist nicht die Aufarbeitung von Fällen aus der Vergangenheit. Dazu gibt es andere Institute und vor allem auch die Gerichte, die staatlichen und kirchlichen Gerichte. Wir sind natürlich auch im Kontakt mit Betroffenen von Missbrauch. Aber wir sind nicht direkt in Fallanalysen oder in Aufarbeitung oder in die Behandlung von Anschuldigungen involviert.

 

Wir wollen den heutigen Stand der Forschung kennen und wir wollen ihn nutzbar machen für aktive Präventionsarbeit aller kirchlichen Institutionen, von Kindergärten, über Schulen, über Krankenhäuser, über Altenheime, über Pfarren, über soziale Aktivitäten, über Universitäten. Und das in allen Ländern, in denen die Kirche tätig ist.


Sie kennen auch den deutschsprachigen Raum sehr gut. Macht die Kirche in Österreich genug im Hinblick auf den Kinderschutz?


Die katholische Kirche in Österreich, in Deutschland, in der Schweiz, wie auch in vielen anderen Ländern, wo das Thema seit zehn Jahren oder wie in Kanada oder in Irland oder Australien seit 25 bis 35 Jahren ein Thema ist, macht sehr viel im Bereich der Präventionsarbeit und der Aufklärung darüber, welche Auswirkungen der Missbrauch hat.

 

Alle kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden geschult, auch die Freiwilligen in den Pfarren, die Kommunionmütter, die Freiwilligen, die bei Jugend-Freizeiten dabei sind.

 

Alle müssen mindestens eine Grundinformation erhalten haben. Sie müssen beispielsweise wissen, wie der Kinderschutz definiert ist. Sie müssen sich selber auch verpflichten, dass sie keinem Kind oder Jugendlichen etwas antun. Und sie müssen wissen, was ihnen für Strafen drohen, wenn sie sich nicht daran halten.

 

Ich glaube, dass wir im zentraleuropäischen Raum mittlerweile einen sehr hohen Standard haben. Das heißt nicht, dass man nicht noch mehr machen könnte oder müsste. Aber in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft ist bei weitem noch nicht geschehen, was in der katholischen Kirche an flächendeckender Präventionsschulung, an Ausarbeitung von Leitlinien für alle möglichen Institutionen geschehen ist.

 

Stichwort Missbrauch: Was es aufzuarbeiten gilt, ist eine menschliche Katastrophe. Missbrauchte Macht, verratenes Vertrauen, ausgenutzte Schwäche. Ist das nicht auch zugleich eine religiöse Katastrophe?


Ja, das erleben viele Betroffene von Missbrauch durch Kleriker oder durch Personen im kirchlichen Umfeld als so hart und so schmerzhaft. Da wird nämlich durch den Missbrauch eines Vertreters der Kirche, sei es ein Priester oder jemand anderer, die Glaubens-Grundlage in Zweifel gezogen.

 

Gerade weil man eben einem Priester oder der Kirche insgesamt eine so hohe Glaubwürdigkeit, ein so hohes Vertrauen geschenkt hat. Und wenn dieses Vertrauen zerstört wird, dann wird natürlich nicht nur zerstört, was an persönlicher Beziehung zu diesem Missbrauchs-Täter vorher da gewesen war, sondern auch, was er repräsentiert. Und das ist eben das Priestertum oder die Ordensgemeinschaft oder die Kirche insgesamt.

 

Das ist für viele Betroffene dann nochmals sehr schwer zu ertragen. Weil sie sich ja dann auch aus der kirchlichen Gemeinschaft sozusagen ausgeschlossen fühlen.

 

Weil sie merken, dass sie dieser Kirche nicht mehr vertrauen können und weil sie kaum einen Weg finden oder über Jahre oder Jahrzehnte gefunden haben, das auch so zu äußern oder so angehört zu werden, sodass sie merken: In dieser Kirche ist der Wunsch da, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, soweit das irgend möglich und mit ihnen einen Weg in Richtung einer möglichen Heilung zu gehen.

 

Unser Papst Franziskus findet auch in diesem Zusammenhang sehr klare Worte...


Der Papst selbst hat den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen mehrfach mit einem Sakrileg verglichen, mit dem Missbrauch der Eucharistie, der Hostie, der Kommunion. Das ist für ihn sicherlich der stärkste Ausdruck dafür gewesen.

 

Der Körper eines Jugendlichen, eines Kindes, der missbraucht wird, ist in den Worten des Papstes gleich dem Missbrauch des Körpers Jesu Christi. Und das ist schon sehr stark ausgedrückt.


Ein wesentlicher Begriff für das kirchliche Leben, fast ein Lebensnerv, ist Vertrauen. Wie gewinnt unsere Kirche angesichts der Missbrauchs-Fälle wieder Vertrauen zurück?


Vertrauen kann man nicht dadurch zurückgewinnen, indem man sagt: Wir haben jetzt alles richtig gemacht, was wir die Jahrzehnte vorher falsch gemacht haben. Und jetzt sind wir wieder ganz gut, und jetzt könnt ihr uns wieder vertrauen. So gewinnt man kein Vertrauen zurück.

 

Vertrauen gewinnt man nur zurück, wenn die Menschen über Jahre und Jahrzehnte sehen, dass das, was wir sagen, auch tatsächlich umgesetzt wird. Man muss auch sagen, dass wir noch einen sehr weiten Weg vor uns haben.

 

Denn das Vertrauen, das viele Menschen in die Kirche hatten und das über Jahrhunderte gewachsen war, ist in kurzer Zeit, in einigen Jahren, radikal erschüttert worden oder gar ganz verschwunden.

 

Es gibt keinen anderen Weg, als kontinuierlich das zu tun, was wir sagen, und uns ständig auch an das zu erinnern: Dass die Kirche ein sicherer Ort sein soll, an dem Kinder, Jugendliche und andere Schutzbefohlene tatsächlich auch sicher sind, indem sie sich beheimatet fühlen können und in dem sie aufwachsen oder sich entwickeln und leben können. So wie der Herrgott es eigentlich will.