"Wirtschaftlicher Erfolg darf nicht mehr wert sein als ein Leben." Das betont der Schweizer Ethiker Prof. Peter Kirchschläger in einem Interview mit dem kirchlichen Schweizer Internetportal kath.ch zur aktuellen Coronakrise. Für das Retten von Menschenleben müsste wirtschaftlichen Nachteile in Kauf genommen werden, so Kirchschläger. Er ist Professor für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik ISE an der Universität Luzern. In der Schweiz gab es bis einschließlich Mittwochfrüh 25.936 bestätigte Corona-Fälle. 1.174 Menschen sind an dem Virus bisher gestorben.
Im Gegensatz zu materiellen Objekten hätten Menschen keinen quantifizierbaren Wert, "in anderen Worten: kein Preisschild. Menschen haben Menschenwürde." Daher sei es illegitim, ein Menschenleben zu quantifizieren, so Kirchschläger: "Wir müssen versuchen, Menschenleben zu retten. Dies kann auch Maßnahmen umfassen, die wirtschaftlich zu negativen Konsequenzen führen." Grundsätzlich stehe die Wirtschaft im Dienste der Menschen und nicht umgekehrt. Kirchschläger: "Wirtschaftlicher Erfolg darf nicht mehr wert sein als ein Leben. Menschenleben können nicht für das Wohl der Wirtschaft geopfert werden. Konkret bedeutet dies, dass wir zuerst die Menschenwürde und die Menschenrechte aller Menschen achten müssen."
Wenn man Entscheiden und Handeln zuerst auf die Gesundheit der Menschen und die Rettung von Menschenleben ausrichtet, sei das auch ökonomisch der nachhaltigere und bessere Weg. Gleichzeitig braucht es aber schon auch konkrete und gezielte Maßnahmen, um die negativen wirtschaftlichen Folgen dieser Krise abzufedern, räumte der Ethiker ein. Die Fokussierung auf die Coronakrise dürfe auch nicht den Blick verstellen für andere Probleme und Herausforderungen.
Demokratie und Menschenrechte
Der Appell des Ethikers: "Wir sollten uns künftig dafür einsetzen, dass die Verfolgung von Partikularinteressen in Wirtschaft und Politik nicht dem Schutz der Menschen zuwiderlaufen." Weiter sollte die Demokratie als politisches System gepflegt und gefördert werden. "Künftig dürfen Informationen über ein Virus nicht zuerst monatelang von einem totalitären System zurückgehalten werden, bis es sich zu einer weltweiten Bedrohung ausgeweitet hat", so Kirchschläger mit Blick auf China: "Gegenüber Diktaturen sollten wir uns auch daher konsequenter für die Einhaltung und die Realisierung der Menschenrechte einsetzen - auch gegen unsere wirtschaftlichen Interessen."
Das Thema der staatlichen Überwachung ist für den Schweizer Ethiker ein besonders sensibles: "Aus ethischer Sicht halte ich den Zugriff auf Daten von unseren Mobiltelefonen für problematisch. Ich sehe dies als eine massive Verletzung unserer Grundrechte - illegitim und unverhältnismässig", hält Kirchschläger fest: "Die Verletzung der Privatsphäre und des Datenschutzes schädigt langfristig die Grundpfeiler des Rechtsstaats."
Kirchschläger hofft, "dass die Solidarität, die sich in diesen Wochen in vielfältigen Formen zeigt, weiterleben wird. Hoffentlich verbunden mit dem Bewusstsein, dass Solidarität allen Menschen zu gelten hat - also nicht nur Menschen in der Schweiz, sondern allen Menschen". Insbesondere Menschen auf der Flucht und in Migration würden aktuell besonders unter der Pandemie leiden, "weil wir ihre Menschenrechte unzulässig einschränken".