Orthodoxe Ordensfrau und katholische Theologin prangern kirchliche Rechtfertigung von Gewalt an: Verrat am Evangelium, fehlende Friedensstrategie – Ruf nach mutiger Umkehr und Kultur des Friedens.
Der Angriffskrieg gegen die Ukraine ist nicht nur eine politische Katastrophe – er ist eine geistliche Zerreißprobe für die Kirche. Die orthodoxe Ordensfrau Efimija Zajkovska aus Nordmazedonien spricht in einem Beitrag für den Pro Oriente-Blog von einer „tiefen geistlichen Krise“, deren sichtbarster Ausdruck der Krieg sei. Sie bekennt „tiefe Scham“ darüber, dass kirchliche Akteure den Krieg legitimieren oder unterstützen: Das sei „ein Verrat am Evangelium“, eine „ekklesiologische Provokation“ – und letztlich eine theologische Irrlehre.
Zajkovska, geprägt vom Versöhnungszeugnis des Bigorski-Klosters und ihres geistlichen Vaters, Bischof Parthenius, hält fest: Die Orthodoxie hat den Krieg klar zurückgewiesen – unter anderem beim Heiligen und Großen Konzil von Kreta (2016) unter Vorsitz des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I.. Doch Ablehnung allein genüge nicht. „Wie kann ein Kirchenführer behaupten, christliche Werte zu verteidigen, und zugleich Gewalt rechtfertigen?“ Diese Gleichzeitigkeit von moralischer Strenge – etwa in bioethischen Fragen – und der Akzeptanz von Krieg offenbare nicht Treue zur Liebe, sondern eine Vergötzung von Macht.
Ihr Gegenentwurf ist radikal und zugleich zutiefst evangeliumsgemäß: die Schaffung einer Kultur des Friedens. Nicht durch Appelle, sondern durch eine „Rebellion“ – nicht politischer Umstürze, sondern entschiedener Widerstand aus dem Kern des Evangeliums. Das christliche Ethos müsse sich „als Leuchtfeuer für Gerechtigkeit, Versöhnung und Licht“ erheben und sich der Instrumentalisierung durch Macht und Ideologie verweigern. Maßstab sei die Kenosis Christi, sein selbstentäußerndes Leben ohne Streben nach Territorium, Vorherrschaft oder Überlegenheit. Heilung beginne dort, wo kirchliche Stimmen, die das Evangelium für militaristische Zwecke missbrauchen, ihr Schwert niederlegen und den Blick auf den Nächsten richten. Das sei primär ein ekklesiologischer Akt – mehr als eine soziopolitische Maßnahme.
Zajkovska fordert, die Häresie des christlichen Nationalismus, Imperialismus und kirchlicher Dominanz klar zurückzuweisen. Stattdessen brauche es das befreiende Wort aus der Logik des Gekreuzigten, eine kollektive Gewissensbildung, die das Böse beim Namen nennt: Hass, Angst, Mord. Der Weg zur Versöhnung führe über Umkehr und Gerechtigkeit und münde in die Eucharistie – in die Gemeinschaft mit Christus. Ihr Schlusswort ist ein Bekenntnis und eine Prüfung zugleich:
„Möge das Kreuz für immer der Maßstab gegen jedes Schwert sein.“
Parallel dazu kritisiert die kroatische katholische Theologin und Friedensaktivistin Ana Raffai die Lage in Kroatien und Serbien. Trotz einzelner engagierter Persönlichkeiten seien weder die katholische noch die orthodoxe Kirche gesellschaftlich als glaubwürdige Akteure der Friedensarbeit sichtbar. Es fehle an klarer Strategie und sichtbarer Praxis in Fragen von Vergebung und Versöhnung, besonders im Nachhall der Kriege der 1990er Jahre. Friedensarbeit setze die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Gemeinschaft voraus – ein Risiko, das Kirchen oft scheuten, um nationale Positionen nicht zu gefährden.
Doch, so Raffai, Risiko gehört zum Wesen des Glaubens: von Abraham bis Maria. Die Bergpredigt und die Feindesliebe seien keine abstrakten Ideale, sondern konkrete Handlungsanweisungen zur Gewaltfreiheit. Hoffnung findet sie in kirchlichen Initiativen und Einzelprojekten: in Kroatien etwa im Einsatz des Jesuit Refugee Service für Geflüchtete, in Serbien bei kirchlichen Akteuren, die gewaltfreie Proteste gegen Korruption unterstützen. Als ermutigendes Beispiel nennt sie außerdem die interreligiöse Vernetzung der „Believers for Peace“, die seit zwei Jahrzehnten in Südosteuropa arbeiten. Bei einer Konferenz im Oktober in Omiš erklärten Christ:innen und Muslim:innen gemeinsam: „Wir stehen täglich vor der Wahl, entweder die Gewalt der Mächtigen zu unterstützen – offen oder durch Schweigen – oder ihr zu widerstehen.“
Beide Stimmen – Zajkovska und Raffai – sind Teil eines größeren Aufbruchs: der jüngsten Pro‑Oriente‑Konferenz „Healing Wounded Memories: The Responsibility of Churches to Heal“, die vom 13. bis 16. November in Wien stattfand. 70 Teilnehmende aus 25 Ländern – Geistliche, Laien, Wissenschaftler:innen – haben hier nicht nur Grundlagen gelegt, sondern eine Bewegung entzündet: Glaube darf nicht Dienerin der Macht sein, sondern muss prophetisch gegen jedes Böse aufstehen – klar, kompromisslos, gewaltfrei.
Die Stunde verlangt keine großen Worte, sondern kleine treue Schritte: Stein auf Stein eine Kultur des Friedens bauen. Nicht durch Zwang, sondern durch die Liebe, die die Kreisläufe der Gewalt sprengt. Das ist kein Ruf zur passiven Innenschau, sondern eine Einladung zur mutigen Umkehr – damit das christliche Ethos wieder zum Leuchten kommt: Gerechtigkeit, Versöhnung, Licht.