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11.10.2013

Dankbar lebt es sich besser

Gedanken von Kardinal Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 13. Oktober 2013 (Lk 17, 11-19).

"Undank ist der Welten Lohn", sagt ein Sprichwort. Von Dank und Undank handelt das heutige Evangelium. Und es macht deutlich, dass Undank sehr viel häufiger ist als Dank. Jesus heilt zehn Männer, die vom Aussatz befallen waren. Nur einer kommt zu ihm zurück, um sich zu bedanken, und er ist ein Ausländer, ein Andersgläubiger.


Wieso ist Dankbarkeit so selten? Auch dafür gibt das heutige Evangelium eine Erklärung. Sehen wir uns die Szene näher an. Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Er weiß, was dort auf ihn wartet. Es wird ihm so ergehen wie diesen zehn Aussätzigen, die sich ihm in einem Dorf ängstlich und scheu nähern und um Hilfe flehen. Aussatz, diese schreckliche Krankheit, macht die daran Erkrankten zu Ausgestoßenen. Sie dürfen sich den Gesunden nicht nähern, sind von allen gemieden. Was Jesus in Jerusalem erwartet, ist ein ähnliches Schicksal. Vor der Stadt, hinausgeführt zum Golgotha, zur Schädelstätte, wird er neben zwei Verbrechern am Schandholz, am Kreuz sterben, verworfen und verachtet, wie ein Aussätziger. Hat er deshalb solches Erbarmen mit Ausgegrenzten? Wendet er sich deshalb ohne Berührungsängste denen zu, deren Anblick die meisten Menschen anwidert?

 

Nach jüdischem Gesetz müssen Aussätzige von den Priestern die offizielle Bestätigung erhalten, dass sie geheilt sind. Deshalb schickt Jesus die zehn Leprakranken zu den Priestern. Am Weg dorthin stellen alle zehn fest, dass sie geheilt sind. Es muss ein unbeschreibliches Glücksgefühl gewesen sein, als sie erlebten wie ihre Haut wieder heil wird, ihre verstümmelten Gesichter, Hände und Füße wieder voll da waren. Eine so radikale Heilung kann keine Einbildung sein. Sie ist zu offensichtlich, sie ist überwältigend.

 

Was wäre natürlicher in diesem Moment als sofort umzukehren und dem zu danken, dem sie diese unerhörte Genesung verdanken? Nur einer tut das. Alle anderen eilen einfach weiter, um sich den Priestern zu zeigen. Sie wollen sich so schnell wie möglich von der zuständigen "Behörde" gesundschreiben lassen, um wieder voll ins Leben, in die Gemeinschaft integriert zu werden, aus der sie durch den Aussatz ausgeschlossen waren. Sie denken an sich, sie denken nicht daran, Danke zu sagen. Nur der Samariter, ein Ausländer, ein Andersgläubiger, der ohnehin gewohnt ist, ein Außenseiter zu sein, geht dankbar zu Jesus zurück.

 

Jedes Evangelium ist ein Spiegel, in dem wir uns selber sehen können. Wie oft bin ich wie diese neun Geheilten, die die Wohltaten einfach für selbstverständlich halten und nicht ans Danken denken? Wie schmerzt mich die Erfahrung von Undankbarkeit bei anderen? Und wie oft bin ich selber undankbar? Meist nicht aus Bosheit, sondern nur aus Unachtsamkeit. Und genau da zeigt sich, wie sehr das Danken das Leben verändert. Es schenkt Freude, nicht nur dem, der den Dank ausspricht. Danken will geübt sein. Von klein an. In den kleinen Dingen. Dank soll ausgedrückt werden. Unter uns Menschen. Und Gott gegenüber. "Denn dankbar lebt es sich besser", wie der Theologe Klaus Berger sagt.