
Doch in diesen Alltag hinein spricht Jesus ein Wort, das Lebenswege verändert: „Folgt mir nach!“ Die Evangelien betonen, dass die Berufenen „alles verließen“. Dieser Schritt ist nicht zuerst Verlust, sondern Vertrauen: Wer sich auf Jesus einlässt, öffnet sein Herz für etwas Größeres.
Jesus ruft nicht aus Zufall, nicht aus Laune. Er sieht in jedem Menschen die Möglichkeit, ein Zeuge des Reiches Gottes zu werden. Das gilt damals wie heute: Jeder Christ wird von Christus persönlich gerufen – im Gebet, im Wort Gottes, im Hören auf das eigene Herz.
Aus den vielen Jüngerinnen und Jüngern wählt Jesus schließlich zwölf Männer aus. Diese Zwölfzahl ist kein Zufall: Sie steht für die zwölf Stämme Israels, für das ganze Gottesvolk. Jesus zeigt damit: Mit den Aposteln beginnt etwas Neues. In ihnen bildet sich das Fundament des erneuerten Volkes Gottes, das im Neuen Bund entsteht. Sie sollen nicht nur Schüler sein, sondern tragende „Säulen“ der
jungen Kirche.
Die Sendung der Apostel ist ebenso klar wie herausfordernd. Jesus gibt ihnen Anteil an seiner eigenen Vollmacht: Sie sollen das Evangelium verkünden, Kranke heilen, Trost spenden und Menschen aufrichten. Die Zeichen, die sie tun, sollen deutlich machen: Gottes Reich ist da, mitten unter den Menschen. Es geht nicht nur um Worte, sondern um Leben, das sichtbar verwandelt wird.
Diese besondere Beziehung zwischen Lehrer und Jüngern war im Judentum nicht ungewöhnlich. Rabbiner hatten talmidim, Schüler, die mit ihnen lebten und lernten. Doch bei Jesus ist eines anders: In der damaligen Zeit wählten die Schüler ihren Rabbi – bei Jesus ist es umgekehrt. Er geht auf die Menschen zu und spricht sie an. Und er sendet sie nicht nur, um eine Lehre weiterzugeben, sondern um als Zeugen seines Wirkens unterwegs zu sein. In ihnen soll er selbst gegenwärtig sein. Nach seiner Auferstehung macht Jesus diesen Auftrag endgültig. „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Damit wird aus der Nähe zu Jesus eine Verantwortung: Wer ihn erfahren hat, darf davon erzählen. Wer seine Liebe gespürt hat, soll sie weitergeben. Die Apostel stehen an der Quelle dieser Sendung, die bis heute weiterwirkt.
So zeigen uns die Evangelien: Berufung ist immer ein Geschenk. Sendung ist immer ein Auftrag. Und beides gehört untrennbar zusammen. Jesus ruft uns zu sich, damit wir bei ihm bleiben – und er sendet uns zu den Menschen, damit wir seine Liebe sichtbar machen. Wie die Apostel dürfen auch wir uns von seinem Wort treffen lassen, uns formen lassen und uns senden lassen. Denn die Geschichte, die mit den Zwölf begann, geht in uns weiter.
Die Kirche feiert die Apostel, weil sie die ersten Zeugen des auferstandenen Christus und die tragenden Säulen der jungen Kirche sind. Ihre Festtage erinnern uns daran, dass der Glaube nicht aus Ideen entstanden ist, sondern aus der lebendigen Begegnung mit Jesus. Jeder Apostel hat auf seine Weise das Evangelium in die Welt getragen – oft unter großen Mühen und bis hin zum Martyrium.
Darum ehrt die Kirche sie im Laufe des Kirchenjahres an eigenen Gedenktagen. Petrus und Paulus, die „Fürsten der Apostel“, werden gemeinsam am 29. Juni gefeiert; ihr Fest verbindet das jüdische Christentum (Petrus) mit der Heidenmission (Paulus). Johannes, der Lieblingsjünger, hat seinen Tag am 27. Dezember, Andreas am 30. November, Jakobus der Ältere am 25. Juli. Andere Apostel werden paarweise gefeiert, etwa Philippus und Jakobus der Jüngere am 3. Mai, sowie Simon und Judas Thaddäus am 28. Oktober. Auch Matthäus (21. September) und Thomas (3. Juli) haben eigene Feste.
Diese Festtage sind nicht nur historische Erinnerungen, sondern Einladungen: Wir sollen uns von der Treue, dem Mut und der Hingabe dieser Männer inspirieren lassen – und darin unsere eigene Berufung als Gesandte Christi entdecken.