Montag 2. März 2026
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Weihnachten und der Wolf

(25.12.2011) Ein Brauch, bis ins 16. Jahrhundert nach der Christmette in St. Stephan gepflegt.

Eiskalt war es in früheren Jahrhunderten bei der Feier der Christmette im Wiener Stephansdom. Aber nicht nur die Kälte jagte so manchem Besucher einen Schauer über den Rücken. Vor den Stadtmauern Wiens, so wird überliefert, hörte man in Winternächten die Wölfe heulen.

 

Die Besucher der Christmette  traten erst in den frühen Morgenstunden ihren Heimweg an. Gestärkt wurden sie dafür durch ein besonderes Ritual, das Domarchivar Reinhard H. Gruber in seinem neuen Buch „Der Wiener Stephansdom“ schildert – den so genannten „Wolfssegen“.

 

„Speziell im Winter haben sich die Wölfe nahe an die Stadtmauern herangewagt und machten mit ihrem Geheul der Bevölkerung große Angst“, sagt Reinhard Gruber im Gespräch mit dem „Sonntag“. Tatsächlich suchten Wolfsrudel im Winter  in den Vorstädten nach Nahrung. Orts- und Straßennamen (Wolf in der Au, Wolfengasse, Wolfersberg ...) und die Namen von Gastwirtschaften wie „Zum Weißen Wolfen“ erinnern heute noch daran.

 

Reinhard Gruber: „Der Priester spendete diesen besonderen Segen vom Heilthumsstuhl aus, einem Schwippbogen aus Stein in der Nord-West-Ecke des Domes, der heute nicht mehr existiert.“ (Als „Heilthümer“ wurden früher die Reliquien bezeichnet.) Während des Geläuts der großen Glocken sang der Priester in Stola und Pluviale das Evangelium mit dem Stammbaum Jesu (Mt 1,1-17) in einem besonderen Ton. Erst danach wagten die Gläubigen den Heimweg. „Der Wolf war auch ein mythologisches Symbol für die Mächte des Bösen und der Dunkelheit“, sagt Gruber. „Durch die Geburt des Erlösers sind diese Mächte gebannt. Daher wurde der Wolfssegen speziell nach der Christmette gespendet.“

 

Der Wolfssegen wurde auch in den übrigen Raunächten, also zu Silvester und Dreikönig und am St.-Thomas-Tag erteilt. An diesen Tagen gibt es auch heute noch Rituale, die die Dunkelheit vertreiben sollen, wie das Räuchern des Hauses. „Eine Zeit lang war es üblich, nach dem Wolfssegen mit Gewehren in die Luft zu schießen, was aber von der Stadtverwaltung bald verboten wurde“, weiß Reinhard Gruber. Der Brauch des Schießens auf dem Stephansplatz habe sich zu Silvester erhalten (das wurde von der Wiener Stadtverwaltung übrigens 2010 verboten).

 

Das Ritual des Wolfssegens wurde bis ins 16. Jahrhundert gepflegt. Ob es angesichts einer oft zitierten „Rückkehr der Wölfe“ wieder aktuell werden könnte? „Im Zusammenhang mit den Hinweisen auf einen Wolf im Tiroler Bezirk Kufstein, weisen wir darauf hin, dass in Zukunft verstärkt mit dem Auftreten dieser Wildtiere in Österreich zu rechnen ist“, meldete der WWF 2010 ...    

 

Agathe Gansterer


Reinhard H. Gruber

Der Wiener Stephansdom

 

Porträt eines Wahrzeichens

2011, Tyrolia
Auflage: 1
Fotograf: Christoph Böhler
Fester Einband
184 Seiten
ISBN: 978-3-7022-3141-5

Dieses Buch oneline bei der Wiener Dombuchhandlung "Facultas" erstehen.
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