Dr. jur. Brigitte Ettl hat am Wiener Schwedenplatz eine Praxis für Psychotherapie, Wirtschaftscoaching und Mediation. Tel: 0676/431 40 74 oder Internet: www.brigitte-ettl.at
Die säkulare Form des Weihnachtsfestes wird geprägt von Familie, Brauchtum und Konsum. Was bleibt, wenn das Schenken zur Belastung wird?
Ettl: Seit einigen Jahren beobachte ich eine Trendwende: Weg von möglichst teuren materiellen Geschenken, hin zu „Geschenken mit Sinn“. Das beginnt bei selbstgemachten Köstlichkeiten, wo hoffentlich auch die Produktion Freude macht und nicht nur der Verzehr. Es werden – liebevoll verpackt – Spenden an Sozialeinrichtungen „verschenkt“, und man nimmt sich bewusst Zeit und macht sich mit gemeinsamen Stunden Freude, die während des Jahres ohnedies Mangelware sind.
Für viele bedeutet Weihnachten ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und freundlicher Gemütlichkeit. Welche Auswirkungen haben die veränderten Familienstrukturen (u. a. Patchwork-Familien) auf das Feiern, wenn „Besuchstourismus“ auf der Tagesordnung steht?
Ettl: Hier braucht es zum einen klare und rechtzeitige Vereinbarungen – und auch den Mut, Grenzen zu setzen. Auch ohne Patchwork-Situation kann es zu Bescherungs-Marathons kommen, wenn alle Großeltern auch am Heiligen Abend, Sehnsucht nach den Enkerln haben. Mit Gemütlichkeit hat das dann nichts mehr zu tun. In manchen (Patchwork-)Familien bewähren sich jährlich abwechselnde Feier-Orte – jedenfalls genügt für Kinder ein Christbaum pro Abend.
Sind die Erwartungen an das „bürgerliche“ Weihnachtsfest zu hoch?
Ettl: Advent und Weihnachten wecken in uns allen die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Angenommen- und Heil-Sein. Alle Jahre wieder hoffen wir mehr oder weniger bewusst, dass sich verklärte Kindheitserinnerungen wiederholen oder unerfüllte Kinderträume endlich wahr werden. Werbung und glitzernde Dekorationslawinen verstärken diese Sehnsucht, und der Blick für die Realität geht verloren. Bilderbuch-Idylle gibt es in keiner Familie, Stress gehört zum Dezember-Alltag – schließlich muss neben der Familienweihnacht auch noch der berufliche Jahresabschluss vorbereitet werden. Also runter mit den Erwartungen an Tage der Stille – und dankbar sein für einzelne ruhige Minuten.
Wie steht es um die alten Riten und Bräuche, das gemeinsame Feiern im Familienkreis, Lieder singend vor dem Weihnachtsbaum?
Ettl: Für viele Familien ist es nach wie vor stimmig, diese Traditionen zu pflegen. Wichtig ist, dass dies mit Freude, ohne Zwang geschieht. Doch es können sich auch neue Bräuche entwickeln, die vielleicht besser zur aktuellen Situation passen – Spielen statt Singen, Sport statt Dauer-Schmaus, Verreisen statt Besuchstourneen. Wichtig ist, dass in der Familie zeitgerecht über die jeweiligen Wünsche gesprochen wird, um Kompromisse zu finden, die möglichst vielen Erwartungen gerecht werden.
Das christliche Weihnachtsfest ist kein Kindergeburtstag, sondern – theologisch formuliert – Feier der Menschwerdung des Wortes Gottes. Brauchen wir dafür Christbäume und Krippenspiele?
Ettl: Menschen brauchen Symbole, brauchen Bilder, um Unbegreifliches doch ansatzweise verstehen zu können. Geburt und Leben Jesu sind für uns Glaubensinhalte, keine Erfahrungswerte. Umso wichtiger ist es daher, die Bedeutung der Ereignisse von damals für uns heute verständlich, erlebbar zu machen – und dabei helfen uns leuchtende Kerzen, Sterne, Geschichten & Co.
Interview: Stefan Kronthaler